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Pfarrer Sascha Flüchter bei einem Abi-Gottesdienst.

Pfarrer Sascha Flüchter bei der Vorbereitung eines Abi-Gottesdiensts.

Bildung und evangelische Kirche 1

Freiheit und Verantwortung stark machen

Bildung und Glauben gehören für die evangelische Kirche eng zusammen. Seit den Zeiten der Reformation versteht sie sich immer auch als Bildungsbewegung. Warum, erläutert Pfarrer Dr. Sascha Flüchter, der Vorsitzende des Ständigen Ausschusses für Erziehung und Bildung der rheinischen Kirche aus Anlass der ARD Themenwoche Bildung.

Die evangelische Kirche versteht sich seit ihren Anfängen als Bildungsbewegung. Warum ist ihr Bildung so wichtig?

Dr. Sascha Flüchter: Es geht um Freiheit und Verantwortung. Die Reformatoren – Luther, Zwingli und Calvin – hatten entdeckt, dass allein der Glaube, d. h. das Vertrauen auf Gottes Treue und Barmherzigkeit die Beziehung des Einzelnen zu Gott ausmacht, nicht das stellvertretende Handeln der Kirche. Damit befreiten die Reformatoren die Menschen von vielen religiösen Pflichten und kirchlichen Traditionen. Gleichzeitig war ihnen klar, dass die Freiheit eines Christenmenschen nicht einfach eine Freiheit von etwas ist, sondern vielmehr die Freiheit zu einem Glauben, der sich Gott und den Menschen gegenüber verantwortlich weiß. Christenmenschen sind für ihre Lebensführung verantwortlich. Sie können erkennen, was gut und richtig ist, und sollen nach Kräften tun, was sie als gut und richtig erkannt haben. Dazu müssen sie aber in der Lage sein, die Bibel zu lesen, um auf Gottes Wort hören zu können. Sie müssen um ihre Freiheit wissen, um dann auch ihrer Verantwortung gerecht werden zu können. Hier kommen Erziehung und Bildung ins Spiel.

 

Der Auftrag zur christlichen Erziehung und Bildung steht sogar in der Kirchenordnung. Was ist christliche Bildung?

Flüchter: Christlicher Bildung geht es um das Mensch-Sein. Sie geht davon aus, was jeder Mensch in den Augen Gottes ist: Ein einzigartiges und unverwechselbares Geschöpf. Gewollt und geliebt. Das macht jeden Menschen unendlich wertvoll und verleiht ihm eine unverlierbare Würde. Christliche Bildung hat das Ziel, dem Menschen die Bedeutung seines Mensch-Seins zu erschließen und ihm so zu helfen, wahrhaft menschlich zu leben. Dazu gehört, Stärken zu entdecken, aber auch die Grenzen annehmen zu können. Zweifel zuzulassen und Vertrauen zu gewinnen. Gemeinschaft zu erleben und Verantwortung zu übernehmen. Gott zu suchen und sich von ihm finden zu lassen. Glauben zu lernen, zwischen Freiheit und Verantwortung. Christliche Bildung versteht sich daher als Lebensbegleitung. In den verschiedenen Lebensphasen – von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter – begleitet sie den lebenslangen Lernprozess bei den immer wieder neuen Fragen im Blick auf das Mensch-Sein.

 

Heute wird in der Gesellschaft Bildung mit Wissen vor allem über naturwissenschaftliche Zusammenhänge verbunden. Was zeichnet für Sie als Theologen und Schulpfarrer Bildung aus?

Flüchter: Zur Bildung gehört das Wissen um naturwissenschaftliche Zusammenhänge. Das ist in unserer hoch technisierten Welt unerlässlich. Gleichzeitig ist Bildung mehr als das Fachwissen für ein naturwissenschaftliches Weltverständnis. Das Wissen über die Urknall-Theorie oder die Evolutionslehre allein hilft nicht bei der Beantwortung der Frage nach dem Sinn dieser Welt und des eigenen Lebens. Die Kenntnisse und Fähigkeiten zum Eingriff in das menschliche Erbgut können nicht die Frage beantworten, ob ein solcher Eingriff moralisch gut und richtig ist. Als Schulpfarrer ist es mir wichtig, dass Schülerinnen und Schüler die Chancen und die Grenzen naturwissenschaftlicher Welterkenntnis ebenso kennenlernen, wie die Chancen und Grenzen theologischer und philosophischer Wirklichkeitsdeutung. Dabei sind in der Regel die Fragen wichtiger als mögliche Antworten. Als Theologe liegt mir daran, dass Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Welt- und Menschenbild entwickeln und es offen halten für neue, unerwartete Erfahrungen und Erkenntnisse der Wirklichkeit Gottes.

 

Die Evangelische Kirche im Rheinland bezeichnet sich als Lerngemeinschaft. Welche Fähigkeiten benötigt sie, um diesem Anspruch heute gerecht zu werden?

Flüchter: Um Lerngemeinschaft zu sein, muss die Evangelische Kirche im Rheinland ihr kirchliches Leben und ihren Dienst in der Welt als einen offenen Prozess verstehen. Sie muss bereit sein, im Ganzen ein „Erprobungsraum“ sein. Ein Ort, an dem Menschen immer wieder gemeinsam danach fragen, was das Wort Gottes ihnen sagt. Ein Ort, an dem Menschen die Spannung zwischen Freiheit und Verantwortung im Glauben gemeinsam aushalten und sich gegenseitig bei der Suche nach dem eigenen Weg unterstützen. Ein Ort, an dem Wert und Würde eines jeden Menschen Maßstab des Umgangs miteinander sind. Kurz: Ein Modell für das Mensch-Sein in den Augen Gottes.

 

Und was kann die Gesellschaft von der evangelischen Kirche lernen?

Flüchter: Das Mensch-Sein im Fokus zu behalten und zwar in seiner ganzen Tiefe. Und: Freiheit und Verantwortung als zwei Seiten ein und derselben Medaille anzusehen und gleichermaßen stark zu machen.

 

Dr. Sascha Flüchter ist Vorsitzender des Ständigen Ausschusses für Erziehung und Bildung der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er arbeitet als Schulpfarrer am Theodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf-Kaiserswerth und ist Lehrbeauftragter für Biblische Theologie an der Universität Duisburg-Essen.

 

 

Info

Die ARD-Themenwoche 2019 trägt den Titel „Zukunft Bildung“ und beschäftigt sich vom 9. bis 16 November mit den vielfältigen Aspekten dieses zentralen Aspekts des menschlichen Lebens. Eine Programmübersicht finden Sie hier.

Einen kompakten Überblick über das evangelische Verständnis von Bildung bieten die Leitlinien für die Bildungsarbeit in der Evangelischen Kirche im Rheinland.

ekir.de / Wolfgang Beiderwieden, Foto: Sergej Lepke / 08.11.2019


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