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Weihnachten

Mensch, Jesus!

Es fällt nicht schwer, sich von Weihnachten berühren zu lassen. Denn wer ist nicht ergriffen von dem, was in dieser Nacht in einem Stall zu Bethlehem geschehen sein soll: der Geburt eines Kindes, der Geburt Jesu Christi.

Im Kern der Weihnachtsgeschichte steht etwas zutiefst Menschliches; etwas, das wir alle selbst erfahren haben, erleben oder irgendwann feiern durften. Weihnachten ist mit der Kindesgeburt also auch ein bisschen Menschenalltag, wenn auch ein glorreicher, erfüllter, bewegender. Was gibt es da groß zu erklären und zu deuten? Das Fest ist, was es ist: eine Schöpfungsgeschichte, die Geburtsfeier eines neuen Menschen. Und mit ihm beginnt alles von vorn, alles wird neu und nichts mehr wird danach so sein, wie es vorher war. Es gibt nichts Größeres.

Mit jeder Geburt beginnt auch das Bewusstsein für Zeit. Unser Lebensalter dokumentiert das penibel und löst damit bei jedem von uns unterschiedliche Empfindungen aus, wie: Endlich 18! Aber auch: Mein Gott, schon 80! Mit der Geburt Jesu ist es aber anders, denn mit ihr beginnt die Zeitrechnung der ganzen Menschheit. Dass wir unsere Gegenwart mit dem Jahr 2018 beschreiben, ist einzig dem Ereignis zu Bethlehem geschuldet. Jede chronologische Berechnung, die wir anstellen, hat immer mit der Geburt Jesu zu tun. Unser Zeitempfinden hat seinen Ursprung in Bethlehem; alles scheint in der Krippe seinen Anfang zu nehmen.

Das ist angesichts der überlieferten Umstände erst einmal erstaunlich, weil tatsächlich nichts in dieser Geschichte pompös ist. Josef, ein einfacher Mann, zieht mit seiner hochschwangeren Frau Maria von Nazareth nach Bethlehem. Ein schnöder Verwaltungsakt macht das notwendig: eine Volkszählung, angeordnet vom römischen Kaiser Augustus. Und weil nirgendwo in dieser Nacht ein freie Herberge zu finden ist, wird zur Stätte der Geburt eben ein Stall mit einer Krippe. Bloß ein Provisorium.

Kleiner und unscheinbarer geht’s nicht. Eine Geburt mitten in der Provinz und am Rande des römischen Weltreichs! Eine Geburt in kargen, ärmlichen Verhältnissen. Kaum jemand nimmt Notiz davon oder fragt danach. Chronisten sind auch nicht zur Stelle. Die Evangelisten Lukas und Matthäus – die beiden großen Jesus-Erzähler – werden frühestens 40 Jahre nach dem Tod Jesu mit der Niederschrift beginnen. Die Weihnachtsgeschichte ist eine Überlieferung aus zweiter Hand. Und sie erscheint erst erzählenswert zu sein, als dieses wundersame Leben und Wirken mit Kreuzestod und Auferstehung seine letzte Bedeutung bekommt.

Nichts an der Geschichte von Jesu Geburt ist pompös. Und doch gibt es nicht Größeres

Ausgerechnet diese Geburt aber wird Geschichte machen, Glaubensgeschichte bis heute. Dabei sind schon die Umstände der Geburt eine Botschaft: Sie erzählt auch davon, dass der Unterste der Oberste sein wird und dass das Heilige sich dort ereignet, wo man es nicht erwartet: in einem Stall – also nicht im Zentrum weltlicher Macht, sondern tatsächlich mitten im Leben.

Auch was mit dieser Geburt in die Welt kommt, ist zunächst einfach, wahrhaftig: ein Mensch. Dass es diesmal Gottes Sohn ist, macht den Glauben mit dieser Nacht greifbar, im wahrsten Sinne des Wortes anschaulich. Wir haben jetzt sein Antlitz vor Augen, können ihn anrufen. Mit Jesus tritt Gott unter die Menschen. Der Glaube wird dadurch nicht weltlich, aber er kommt in die Welt.

Eigentlich könnte es dann eine rundum schöne Geschichte sein – noch dazu mit dem Stern über der Krippe, den Weisen aus dem Morgenland, die dem Kind huldigen und es mit Gold, Weihrauch und Myrrhe beschenken. Doch die Welt bereitet Gottes Sohn keinen sonderlich majestätischen Empfang. Es bleibt nicht einmal die Zeit, sich am kleinen großen Familienglück zu freuen.

Schließlich drängt ein Engel des Herrn Maria und Josef zur Flucht. König Herodes hat nämlich von der Geburt eines Königs der Juden erfahren; jetzt wittert er Konkurrenz. Und er reagiert so grausam und hysterisch, wie Machtbesessene in solchen Fällen oft reagieren: Er lässt alle Neugeborenen zu Bethlehem töten – in der Hoffnung, damit auch den vermeintlichen Widersacher zu eliminieren.

Die Idylle im Stall findet somit ein schnelles Ende. Die Welt zeigt sich von ihrer hässlichen, unbarmherzigen Seite. Die Flucht ist die einzige Lebensrettung, und so muss sich die Heilige Familie ins benachbarte Ägypten in Sicherheit bringen. Dort wartet das Leben in einem rechtlosen Raum.

Was als Heilsgeschichte begann, wird plötzlich zur Unglücksgeschichte. Sie erzählt von einer Fluchterfahrung, mit der Gottes Sohn in die Welt tritt und die seit Menschengedenken bis zum heutigen Tag unser Leben bestimmt. Mit den Flüchtlingen aus vielen Krisenländern dieser Welt ist das seit wenigen Jahren auch bei uns wieder sichtbar, erfahrbar.

Die Weihnachtsgeschichte ist in der Bibel nicht das einzige Zeugnis dieser Erfahrung und vor allem nicht das erste. Die Bibel ist voll von Geschichten der Migration, der Flucht und Vertreibung. Sie alle heiligen nicht die Flüchtlingsbewegungen unserer Zeit. Aber was uns die Bibel zeigt, ist, dass die Migration in vielen Gestalten und aus vielen Motiven das große Menschheitsthema ist: Am Anfang steht die Ausweisung Adams und Evas aus dem Paradies; Noah rettet sich und seine Familie auf einer Arche; schließlich wird Moses das Volk der versklavten Israeliten aus Ägypten ins gelobte Land führen, eine Wanderschaft, die in die Erfahrung mündet: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“

Die Bibel erzählt von einem Flüchtenden. Man muss Jesus in einem Boot auf dem Mittelmeer sehen

Die Liste der biblischen Flüchtenden und Entwurzelten ist beträchtlich. Ihr Antrieb ist stets die Hoffnung auf eine erträgliche Gegenwart und auf eine bessere Zukunft. Wie auch Gottes Sohn dies kurz nach der Geburt erfahren musste. Man muss in Jesus daher auch einen Flüchtenden sehen, einen Menschen, der die Fluchterfahrungen mit den vielen anderen bis heute teilt und der darum auch unter den Flüchtlingen dieser Welt zu finden ist: im Boot auf dem Mittelmeer, auf den Bergrouten im Iran.

Die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte vom Menschsein. Sehr konkret, sehr einfach, hautnah. Dass wir uns noch heute daran erinnern und sie weitererzählen, zeigt auch, dass sie noch lange nicht an ein Ende gekommen ist. Und dass sie uns das Leben und den Lebenssinn stets neu und wahr erzählt.

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Lothar Schröder / 25.12.2018


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