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Antworten auf Fragen von gemeinschaftsorientiertem Wirtschaften können auch sog. Mikrokredite geben.

Antworten auf Fragen von gemeinschaftsorientiertem Wirtschaften können auch sog. Mikrokredite geben.

Mikrokredite

Big Player in Sachen Kleinkredite

Zwölf Jahre ist es her, dass Mikrokredite ins öffentliche Licht gerieten. Damals bekam der bengalische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis, einer der Väter des Mikrofinanzkonzepts. „Wir stellen die Armut ins Museum“ lautete einer der Sätze, mit denen der Geschäftsführer der Grameen-Bank begeisterte.

Kleinkredite benötigen längeren Atem: Helmut Pojunke von Oikocredit.

Kleinkredite benötigen längeren Atem: Helmut Pojunke von Oikocredit.

„Das hat der Sache nicht immer genützt“, sagt Helmut Pojunke heute. Denn Mikrokredite, also Kleinkredite meist bis zu 1.000 Dollar an Bäuerinnen und Bauern, an Handwerkerinnen oder Handwerker, ändern kein Wirtschaftssystem. Sie brauchen einen langen Atem.

Aber sie helfen Menschen, besonders Frauen, etwa in der Landwirtschaft, der für zwei Milliarden Menschen weltweit wichtigsten Einkommensquelle. Pojunke kennt die Kritik, dass sich nicht nachweisen lasse, ob Mikrokredite Armut verkleinern. Er geht von einer „moderat positiven Wirkung“ des Finanzierungsinstruments aus.

Helmut Pojunke aus Bonn leitet den 6.700 Mitglieder umfassenden Westdeutschen Förderkreis von Oikocredit, das heute weltweit zu den großen Finanziers für Mikrokredite gehört. Oikocredit wurde 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet. Heute ist es über seine kirchlichen Ursprünge hinausgewachsen.

Ermutigung vor allem für Frauen

Aber seine Grundsätze sind geblieben: Das über Oikocredit vergebene Geld soll benachteiligten Menschen wirtschaftlich und sozial nützen, es soll vor allem Frauen ermutigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und es soll ökonomische Tragfähigkeit mit ökologischer Verträglichkeit kombinieren. Die westdeutschen Mitglieder haben 150 Millionen Euro in Menschen aus dem globalen Süden investiert.

Insgesamt investiert Oikocredit 2018 mehr als eine Milliarde Euro zusammen mit 750 Partnerorganisationen in 70 Ländern. Mit seinen Partnern erreicht Oikocredit 40 Millionen Kundinnen und Kunden, der Frauenanteil liegt bei 84 Prozent. Das selbstgesteckte Ziel, bis 2020 drei Viertel Kundinnen zu erreichen, wurde schon erreicht.

Heute kommen auch Schwellenländer in den Blick

Das Gesamtvolumen des Mikrofinanzmarktes umfasst nach Pojunkes Angaben bis zu 300 Millionen Kunden und ein Volumen von 70 Milliarden US-Dollar. 70.000 Organisationen sind in dem Bereich tätig. 80 Prozent davon arbeiten wirtschaftlich nachhaltig. Bisher lag der Schwerpunkt in Entwicklungsländern. Allmählich kommen auch Schwellenländer in den Blick.

Das Oikocredit-Finanzsystem ist genossenschaftlich organisiert, also nach Prinzipien, mit denen der Westerwälder Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Raiffeisen unter seinen notleidenden Mitbürgern Selbsthilfe organisierte. In diesem Jahr wird sein 200. Geburtstag begangen, dazu gehörte kürzlich der Evangelische Raiffeisenkongress, bei dem u. a. Pojunke über Mikrokredite sprach.

Gegenseitige Haftung

Wie zu Raiffeisens Zeit haften die Mikro-Kreditnehmer gegenseitig in Gruppen für den Ausfall von Krediten, denn sie können einzeln kaum Sicherheiten stellen. Das Rückzahlungssystem ist straff organisiert. Wer neu beginnt, bekommt kleinere Kredite und nach Vertragserfüllung auch größere Summen. Zusammen mit den Krediten erhalten die Menschen Schulungen und Versicherungen. Niemand soll sich ruinieren, wenn die auf Kredit gekaufte Kuh stirbt und er oder sie die Zinsen aus dem Milchertrag bezahlen wollte.

Im Blick darauf berichtet Pojunke auch von Erfolgen: Bei der indischen NGO Hand in Hand haben 1,2 Millionen Frauen an einem Finanztraining teilgenommen, und bei 1,9 Millionen kleinen Unternehmen wurden 3,2 Millionen Jobs geschaffen.

Entwicklungen ermöglichen

Eine indische Studie sagt, dass jede Rupie, die in ein Mikrofinanzprogramm investiert wurde, einen sozialen Ertrag von 41 Rupien brachte. Der wichtigste Schritt, sagt Pojunke, liegt darin, „dass Kundinnen und Kunden den Schritt zum Unternehmer schaffen, der andere Menschen beschäftigt“.

Eine andere Kritik kann er schnell entkräften: Dass Mikrokredite mit einem Zinssatz von 35 Prozent teuer seien. „Das klingt erst einmal üppig“, sagt er. „Aber in Ländern, die mit einer Inflation von mehr als 100 Prozent kämpfen, sind diese Zinsen nicht so hoch wie sie aus europäischer Perspektive scheinen.“ Das Ziel der Mikrokredite liege darin, „Entwicklungen zu ermöglichen, die es vorher nicht gegeben hat“.

ekir.de / Wolfgang Thielmann, Fotos Meike Böschemeyer / 27.07.2018


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