Logo EKiR

Israel und Palästina

Debatten und die Fortsetzung der Hilfen

Im Nahen Osten gibt es nun wieder Friedensverhandlungen, das ist die jüngste Nachricht. Seit einiger Zeit läuft kirchlich eine Diskussion um einen Aufruf palästinensischer Kirchenvertreter, der in der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) diskutiert wird. Ein ekir.de-Interview mit Oberkirchenrätin Barbara Rudolph.

Getrennte Wege, verfestigter Konflikt: Gebiet im Süden Jerusalems.

Getrennte Wege, verfestigter Konflikt: Gebiet im Süden Jerusalems.

Die palästinensischen Kirchenführer haben sich jüngst mit einem Aufruf an die Christenheit der Welt gewandt. Der Aufruf hat den Titel „Die Stunde der Wahrheit: Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenser und Palästinenserinnen.“ Wie reagiert die Evangelische Kirche im Rheinland darauf?
Der Aufruf der palästinensischen Kirchenführer bewirkt zweierlei: Die Unterstützung und Hilfe für die Kirchen, insbesondere die Lutherische Kirche in Palästina, wird fortgesetzt und verstärkt. Die Diskussion innerhalb der rheinischen Kirche über den Synodalbeschluss „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ von 1980 wird erneut und intensiv geführt.
Die Evangelische Kirche im Rheinland ist seit langem den palästinensischen Christinnen und Christen verbunden. Im Beschluss der Synode zur Erneuerung des Verhältnisses zu Israel hat die rheinische Kirche festgestellt, dass „die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk“ ist. Darum ist im christlich-jüdischen Gespräch die politische Situation des Landes Israel immer im Blick, zunehmend auch die Situation in den besetzten Gebieten.
Seit 1980 hat sich die Lage für die palästinensische Bevölkerung dramatisch verschlechtert. Noch vor Erscheinen des Aufrufes „Die Stunde der Wahrheit“ besuchte die Kirchenleitung im Oktober letzten Jahres Israel und die besetzten Gebiete, weil sie den Menschen in der Region ihre Solidarität zum Ausdruck bringen und sich ein eigenes Bild machen wollte. Der Aufruf bestätigt den Eindruck der Kirchenleitung, auch wenn in manchen Passagen Formulierungen vorkommen, die ich nicht teile.

Welche? Worum geht es in dem Aufruf der Palästinenserinnen und Palästinenser an die Kirchen?
Die christlichen Kirchenführer Palästinas haben sich in einer beachtenswerten ökumenischen Gemeinsamkeit an die Öffentlichkeit gewandt. Sie beginnen mit der Frage: Warum jetzt? Und geben sofort die Antwort: „Weil das tragische Schicksal des palästinensischen Volkes heute ausweglos geworden ist“. Sie beschreiben und deuten die politische Situation, in der ihr Volk lebt, und geben eine theologische Analyse zur Situation im Heiligen Land auf der Grundlage eines Bibelverses aus dem 1. Korintherbrief (Kapitel 13, Vers 13): Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe.
Diese Analyse mündet ein in konkrete Aufforderungen und Bitten an die Gemeindeglieder ihrer Kirchen, die Kirchen der Welt, die internationale Gemeinschaft, an die jüdische und muslimische Religionsführung und das palästinensische und israelische Volk und zuletzt in einen „Schrei der Hoffnung“: „Obwohl es keine Hoffnung gibt, schreien wir unsere Hoffnung hinaus.“ Das ist vielleicht das Bemerkenswerteste an dem Aufruf, dass er voller Hoffnung und Suche nach friedensstiftenden Ansätzen ist – trotz der aussichtslosen Situation.

Und trotzdem hat es auch kritische Stimmen zu dem Aufruf gegeben?
Ich kenne kaum eine Stimme in unserer Kirche, die grundsätzlich das Anliegen der palästinensischen Kirchenführer nicht aufgreift und verstärkt. Es gibt allerdings heftige Rückfragen an die politische und theologische Analyse des Aufrufes. Die Diskussion ist nicht neu, unsere Gesprächpartner kennen sie zum größten Teil: Es ist zum einen eine Reduktion des Nahost-Konfliktes auf die Besatzungspolitik Israels. Sie ist ein großes Problem – und durch die Siedlungspolitik wird dieses Problem immer größer –, aber es ist nicht das einzige Problem.
Und es sind zum anderen die theologischen Fragen zur Bedeutung der Erwählung Israels, die sehr konkret werden, wenn es um das Land Israel geht. Was heißt es in diesem Konflikt, die Treue Gottes zu Israel zu bezeugen und zugleich die Gemeinschaft mit den palästinensischen Geschwistern zu leben? Darüber wird zurzeit erneut heftig diskutiert. Besonders schwierig ist es, dass die Palästinenser als ein konkretes Zeichen der Solidarität zu einem wirtschaftlichen Boykott aufrufen. Das klingt angesichts der Geschichte Nazi-Deutschlands grotesk, wenn es wieder heißen soll: Kauft nicht bei Juden. Auch wenn die Situationen nicht miteinander zu vergleichen sind, löst ein Boykottaufruf Anklänge aus, die keiner will.

Was wird die Evangelische Kirche im Rheinland konkret tun?
Sie wird zum einen fortsetzen, was sie in den letzten Jahren immer getan hat. Sie wird aber auch den Aufruf der palästinensischen Kirchenführer zum Anlass nehmen, erneut darüber nachzudenken, was ihr Beitrag dazu sein kann, dass Frieden im Heiligen Land möglich wird.

Was heißt „erneut Nachdenken“ in dieser Situation?
Nun, der Ruf der Palästinenser darf nicht unbeantwortet verhallen. Der Aufruf bewirkt, dass sehr kontroverse Stimmen im Rheinland miteinander an einen Tisch kommen, um miteinander eine Orientierung und Stellungnahme zu erarbeiten. Es wird Zeit, angesichts der Ausweglosigkeit der Situation, auf die die Palästinenser uns mit dem Aufruf nochmals hinweisen, Handlungsmöglichkeiten zu suchen. Dazu dient das direkte Gespräch. Gelegenheit dazu gibt es auf einer Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland am 8./9.Oktober mit dem Thema „Die Stunde der Wahrheit – Israel – Palästina –Sozial-psychologische Dimensionen eines Dauerkonflikts“. Einer der Verfasser des Aufrufs, Herr Khoury, wird an der Tagung teilnehmen.

Sie sagen auch, dass die Evangelische Kirche im Rheinland fortsetzen wird, was sie schon seit Jahren tut. Was heißt das konkret?
Zum einen wird sie das christlich-jüdische Gespräch fortführen und junge Menschen ermutigen, in Israel Freiwilligendienste zu übernehmen und zu studieren. Die Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden ist eine wichtige theologische Erkenntnis, wie sie sich im bedeutsamen Synodalbeschluss von 1980 niedergeschlagen hat; sie hat an Aktualität nicht verloren, sondern eher zugenommen. Die Erkenntnis der Treue Gottes zu Israel heißt durchaus, dass Kritik an der konkreten Politik geübt werden kann. Das erleben Menschen jedes Mal, wenn sie in Israel und Palästina sind.
Zum anderen wird die rheinische Kirche weiterhin Friedeninitiativen auf israelischer und palästinensischer Seite unterstützen und die palästinensische lutherische Kirche, zu der ein enger Kontakt besteht, darin finanziell unterstützen, jungen palästinensischen Christinnen und Christen eine Perspektive im eigenen Land zu eröffnen. Gerade vor kurzem hat die rheinische Kirche mit anderen Landeskirchen zusammen eine Bibliothek an der Fachhochschule in Bethlehem finanziert, an der junge Menschen studieren und so eine gute
Ausbildung erhalten. Am Israelsonntag ist die Kollekte für Initiativen, die den christlich-jüdischen Dialog und Friedensinitiativen im Nahen Osten befördern.

Nach mehr als einem Jahr Unterbrechung gibt es wieder Nahost-Friedensverhandlungen. Wie gut ist diese Nachricht?
Zugegeben, ich bin sehr zurückhaltend, da der Nahost-Konflikt wie in einer Sackgasse ist. Aber das Motto des 2. Ökumenischen Kirchentags steckt mich an und das heißt ja: „Damit ihr Hoffnung habt“. Israel und die PLO verhandeln wieder, zunächst indirekt. Die Initiative dazu kommt von den Vereinigten Staaten. Dafür bin ich dankbar. Eines ist gewiss: Dass die Konfliktparteien sich zu Friedensgesprächen verabreden, ist allemal besser als jeglicher Stillstand. Die Lage in Nahost ist für die Menschen verheerend. Friede tut bitter Not, und so begrüße ich diesen erneuten Anlauf zu einer Konfliktregelung.

ekir.de / neu / 11.05.2010