Logo EKiR

Ökumenischer Kirchentag

Die große Vielfalt der Ökumene erlebt

Eine ekir.de-Umfrage mit Antworten auf die folgenden drei Fragen: Was war Ihr schönstes ÖKT-Erlebnis? Gab es etwas Ärgerliches? Und: Welchen Ertrag für die Ökumene hat der ÖKT erbracht?

2. Ökumenischer Kirchentag in München 2010

2. Ökumenischer Kirchentag in München 2010

Pfarrerin Dr. Ilka Werner, Neuss

Am schönsten: eine Cafe-Unterhaltung mit einer Frau, die gar nichts mit dem Kirchentag zu tun hatte und mich wegen des orangenen Schals ansprach. Das Gespräch war überraschend intensiv, am Ende habe ich ihr meinen Schal gegeben und sie hatte vor, damit zur Bühne am Marienplatz zu gehen und mitzufeiern. Und: der Gottesdienst am Samstagabend in der Reisingerstraße und das Feiern im Anschluss.

Nur kleinerer Orga-Ärger: zum Beispiel nur eine Spüle für eine ganze Halle, so dass Kaffeetassenspülen zur Nachmittagsbeschäftigung wurde. Ansonsten kam nichts Ärgerliches bei mir an, was sehr schön war.

Ertrag für die Ökumene? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich habe nur einen kleinen Ausschnitt mitbekommen. Am Stand der Refomierten waren keine oder verschwindend wenig Katholiken, an dem Tag in der Gemeinde Reisingerstraße auch nicht, dafür waren an beiden Orten reichlich evangelisch- bzw. reformiert-ökumenische Kontakte, Gespräche, Buffets, Kaffeestündchen etc. Das trägt sicher etwas aus. Was zum Beispiel die Artoklasia-Feier bedeutet, wird sich zeigen. Hier in Neuss wird sie seit zehn Jahren gefeiert und gehört zum "Festkalender" aller christlichen Konfessionen.

Wiebke Römer

Wiebke Römer

Wiebke Römer, Mettmann, will ab Herbst studieren, Ziel: Grundschullehrerin

Was am schönsten war? Muss ich mich festlegen? Ganz toll waren der Rockgottesdienst und der Taizégottesdienst. Die beiden Gottesdienste kann man nicht vergleichen. Ich fahre im Sommer nach Taizé, so war der Taizégottesdienst ein schöner Einstieg.

Doof war, dass die Wege so weit waren. Vom Olympiastadion zur Messe dauert es jeweils eine Stunde. Das ist voll nervig. Und das Wetter.

Zur Ökumene: Ich habe Kontakt zu einer katholischen Lehrerin gefunden. Sie ist nur ein paar Jahre älter als ich und fährt auch nach Taizé. Dass einfach mal alle zusammen gekommen sind, das hat es gebracht. Und dass wir einfach mal über die Probleme hinweggesehen haben. Jedenfalls war es so bei uns Jugendlichen.

Ute Dornbach-Nensel

Ute Dornbach-Nensel

Ute Dornbach-Nensel, Mönchengladbach, Geschäftsführerin Landesausschuss Rheinland des Deutschen Evangelischen Kirchentags

Zwei Bibelarbeiten waren meine schönsten Erlebnisse. Am Freitag mit Jan Janssen, evangelischer Bischof von Oldenburg, der einen schwierigen Bibeltext verständlich und mit Liedern abwechslungsreich ausgelegt hat. Am Samstag mit Eckhard Nagel, evangelischer Präsident des ÖKT, und einer Schülerin, die eine Dialogbibelarbeit als Generationengespräch gestaltet haben.

Ärgerlich war für mich der Eröffnungsgottesdienst. Die musikalische Gestaltung war gänzlich ungeeignet für einen solchen Gottesdienst. Es gibt nichts schöneres als eine große Gemeinde bekannte Lieder singen zu lassen. Beim Eröffnungsgottesdienst lag der Schwerpunkt auf Kunst, was zur Folge hatte, dass die Gemeinde verstummte, da die Lieder nicht zum Mitsingen geeignet waren.

Ökumene ist für die Zeit des ÖKT wieder stärker in den Blick gekommen. Es bleibt abzuwarten, was insbesondere die Kirchenleitenden daraus machen.

Renate Brunotte

Renate Brunotte

Renate Brunotte, Duisburg, Presbyterin, Mitglied der Kirchenleitung

Mein schönstes ÖKT-Erlebnis: Die Gastfreundschaft der jüdischen Gemeinde zum Besuch der Synagoge
Am Donnerstag wollten wir nach dem Ökumenischen Gottesdienst auf dem Odeonsplatz die Synagoge am Jakobsplatz besuchen. Eine lange Schlange hatte sich gebildet und wir richteten uns auf zwei Stunden Wartezeit ein. Da wurde bekannt, dass spontan eine weitere Führung in der Mittagszeit angesetzt wurde. Der Rabbiner war so beeindruckt von dem großen Interesse der Kirchentagsbesucher, dass er seine Mittagszeit für eine weitere Führung und einen sehr interessanten Bericht über das jüdische Leben in München einsetzte. So verkürzte sich unsere Wartezeit auf zehn Minuten und wir konnten auf Empfehlung des Rabbiners auch noch das leckere Essen im benachbarten koscheren Restaurant genießen.

Ärgerlich? Wie immer gab und gibt es zu wenig Toiletten für Frauen im Messegelände...

Ertrag für die Ökumene:
1. Die Ökumene lebt, dass zeigte sich mir u.a. besonders an der großen Beteiligung bei der Orthodoxen Vesper. Die Sehnsucht der Menschen nach ökumenischer Gemeinschaft ist groß, das Teilen des gesegneten Brotes, der „Artoklasia“ (Brechen des gesegneten Brotes) und die Tischgemeinschaft haben das deutlich gemacht. Für 10.000 Menschen war der Tisch gedeckt. 20.000 Menschen haben miteinander das gesegnete Brot geteilt. Die Christen der orthodoxen Kirchen wurden durch ihre Gastfreundschaft von vielen evangelischen und katholischen Christinnen und Christen zum ersten Mal bewusst wahrgenommen.
2. Christinnen und Christen sind seit vielen Jahren auf dem Weg, die Welt gerechter zu gestalten und so den negativen Auswüchsen der Globalisierung entgegenzuwirken. Ohne das entwicklungspolitische Engagement auch der kleinen Gruppen hätte die „Eine Welt Bewegung“ nicht wachsen können. Ob und welcher Konfession sie dabei angehören, spielt dabei oft eine sehr untergeordnete Rolle.
3. Wahrnehmung der Minderheitenkirchen
Viele europäische Partnerkirchen der EKiR sind Minderheitenkirchen und leben sehr selbstbewusst ihren Glauben. Minderheitenkirchen brauchen die Ökumene, trotz aller Verschiedenheit der Konfessionen.
Als evangelische Kirche in Deutschland / EKiR, die wir in den nächsten Jahren auch weiterhin Mitglieder verlieren und so auch in unserer Gesellschaft zu einer Minderheitenkirche werden, ist es wichtig, „dass wir nicht zu gering von uns denken, dass wir nicht resignieren, sondern mutig und offen Kirche leben“ (Thomas Wipf auf dem Podium „Europäische Ökumene in der Unwucht“).

Vizepräses Petra Bosse-Huber

Vizepräses Petra Bosse-Huber

Vizepräses Petra Bosse-Huber, Düsseldorf

Schönstes Erlebnis: Ich habe gemeinsam mit dem katholischen Bischof Bode an dem Podium zu „Seelsorge in den neuen Medien“ teilgenommen und ein Impulsreferat gehalten. Am Ende der Veranstaltung überreichte uns die Moderatorin ein sehr sorgsam ausgesuchtes Geschenk. Sie hatte einen Stein mit einer versteinerten Schnecke mitgebracht. Bischof Bode erhielt die eine Hälfte und ich die andere. Dieses Geschenk symbolisiert einerseits das Ohr, das in der Telefonseelsorge achtsam zuhört, und andererseits den Beratungsprozess selbst, der sich oftmals spiralförmig entwickelt. Daneben aber gibt es noch die Symbolik, dass der Dienst der Seelsorge am Telefon und im Internet an vielen Stellen gemeinsam von der evangelischen und der katholischen Kirche geleistet wird - dass wir das Hören, Lesen, Beten und Beraten also teilen.
In diesem Geschenk steckt für mich viel von dem, was die ökumenische Zusammenarbeit wertvoll und tragfähig macht.

Wirklich ärgerlich war ich darüber, wie oft das Wetter die Teilnahme an Open-Air-Veranstaltungen oder die Wege von einem Ort zum anderen erschwert hat. Obwohl die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Beste daraus gemacht haben, hat sich mal wieder gezeigt, dass auf Kirchentagen brüllend heißes Wetter besser zu ertragen ist als Kälte und Nässe. 

Die Ökumene hat sich auf dem ÖKT in München in ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum gezeigt.
Vielen Menschen ist, vielleicht zum ersten Mal, deutlich geworden, dass Ökumene nicht nur die Beziehungen zwischen evangelischer und katholischer Kirche meint, sondern dass auch die anderen evangelischen Denominationen, die Freikirchen, die orthodoxen Kirchen, die Altkatholiken und viele mehr daran teilhaben. Die ganze Bandbreite der innerdeutschen und europäischen Ökumene ist zu sehen gewesen, ebenso wie die Verbindung mit unseren christlichen Partnerinnen und Partnern in der ganzen Welt.

Wichtige bislang ungeklärte Fragen der Beziehung zwischen evangelischer und katholischer Kirche sind auf dem Ökumenischen Kirchentag diskutiert worden. Ich denke da zum Beispiel an die Ankündigung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Zollitsch, sich für das gemeinsame Abendmahl in konfessionsverbindenden Ehen einzusetzen. Als evangelische Kirche wollen wir sehen, wie es damit weiter geht.

Oberkirchenrätin Barbara Rudolph

Oberkirchenrätin Barbara Rudolph

Oberkirchenrätin Barbara Rudolph, Düsseldorf

Schönstes ÖKT Erlebnis?
Die Kleinen ganz groß! Minderheitenkirchen in der Ökumene.
Der Gemeindesaal der reformierten Kirche im Zentrum Münchens war am Samstag brechend voll, als zwei Vertreter von sehr, sehr kleinen Kirchen ihre Erfahrungen in der Ökumene einbrachten: Bischof Klein von der Evangelischen Kirche in Rumänien und Professor Garrone von der Waldenserkirche in Italien. Viele der Partnerkirchen der EKiR sind winzige Kirchen in ihren Ländern: „Christen werden nicht gezählt sondern gewogen“, sagte Bischof Klein, durchaus mit Selbstbewusstsein. Ca. 40 Vertreterinnen und Vertreter aus den rheinischen Partnerkirchen waren nach München angereist auf Einladung der EKiR. Die Begeisterung und Strahlkraft, die von ihnen ausgeht, hat auch viele Kirchentagsteilnehmerinnen und -teilnehmer angesteckt, zumal es neben den geistlichen Früchten auch kulinarische Köstlichkeiten aus den Ländern der Partnerkirchen zum Mittagessen gab. Die EKiR hatte zusammen mit dem Reformierten Bund viele europäische Partnerkirchen eingeladen und mit ihnen zusammen einen Tag des Kirchentages gestaltet.

Gab es etwas Ärgerliches?
Natürlich! Als Mitglied des Präsidiums habe ich eine ganze Menge Ärgerliches im Vorfeld und auch bei der Durchführung des Ökumenischen Kirchentages erlebt. Ich fand es z.B. nicht glücklich – wie auch viele andere im Präsidium – dass es eine große römisch-katholische Messe am Sonntagmorgen vor dem gemeinsamen Abschlussgottesdienst gab. Für mich haben die ärgerlichen Dinge aber gezeigt, dass die Kirchen echt miteinander arbeiten und sich nicht nur distanzierte Freundlichkeiten zuwerfen. Und die Ärgerlichkeiten haben bei weitem nicht die erfreulichen Dinge überwogen. 

Welchen Ertrag für die Ökumene hat der ÖKT gebracht?
Ökumene ist mehr als zwei! Lange war die deutsche Ökumene von den beiden größten Kirchen geprägt: der evangelischen und der katholischen Kirche. Ein Höhepunkt des ÖKT war der Freitagabend, als sich 20.000 Menschen zu einer orthodoxen Vesper unter freiem Himmel einladen ließen und miteinander das Brot teilten. Bei allen großen Gottesdiensten wirkten Menschen aus orthodoxen, evangelischen, freikirchlichen und katholischen Kirchen mit, ein sichtbares Zeichen der großen Vielfalt des Glaubens in Deutschland.

ekir.de / neu / 18.05.2010