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"Die Unvollendete"

Präsentation und Würdigung der Synodenbeschlüsse: Karlheinz Potthoff

Es gilt das gesprochene Wort!

„Die Unvollendete“- Sinfonie in h-moll von Franz Schubert. Entstanden 1822.
Die Unvollendete darum, weil ein dritter Satz fehlt. Aber dennoch ein bemerkenswertes und ausreichendes Klangerlebnis. Man hat sich daran gewöhnt, dass nicht mehr zu hören ist. Versuche, im Geiste Schuberts einen dritten Satz hinzuzufügen, sind gescheitert.
Bei unserer „Unvollendeten“ ist das anders. Daran muss weitergearbeitet werden und daran wird weitergearbeitet. In einem Punkt sind wir Schuberts Werk aber schon jetzt voraus: Seine Sinfonie entstand 1822, wurde aber erst 1865 uraufgeführt. So viel Zeit hat sich die Rheinische Kirche mit der Aufführung ihrer Geschlechtergerechtigkeitssinfonie dann doch nicht gelassen. Alle Takte, die geschrieben wurden, fanden schnell ihre öffentliche Aufführung: in der Landessynode und ihren Ausschüssen, in Kreissynoden und Presbyterien. Nicht alle hörten und hören diese Art Musik gern, sie ist aber aus dem kirchlichen Gesamtkonzert nicht mehr wegzudenken. Es wäre die Rückkehr zu schrecklichen Dissonanzen.

Begonnen, jedenfalls in größerer Öffentlichkeit, hat alles im Vorfeld und dann im Rahmen der ökumenischen Dekade 1988 – 1998 „Kirche in Solidarität mit den Frauen.“ 1989 wurde auf der Landessynode ein Antrag aus dem Kirchenkreis an Rhein und Sieg beraten. Die dortige Kreissynode hatte im November 1987 auf Antrag der Beauftragten für Frauenarbeit, Lieselotte Starken, folgenden Beschlussantrag an die Landessynode weitergeleitet:

„Die Rheinische Landessynode beauftragt die Kirchenleitung, ein Frauenreferat als landeskirchliche Dienststelle einzurichten.“ Ausdrücklich bezog sich der Antrag auf Forderungen aus den Diskussionen im ökumenischen Rat und in vielen Kirchen weltweit nach einer angemessenen Beteiligung von Frauen in allen kirchlichen Lebensbereichen und verwies auf Vorschläge für eine neue Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche. Des Weiteren wurde auf das 1987 in der Evangelischen Kirche von Westfalen geschaffene Frauenreferat verwiesen.

Die Diskussion führte zu einem Beschluss der LS, der in der Folge das Thema „Frauen in der Kirche“ in einem bis dahin nie gekannten Umfang auf allen Ebenen der Landeskirche zur Sprache brachte. Einstimmig wurde beschlossen: „In den Jahren 1989 und 1990 soll in jedem Kirchenkreis verbindlich die Möglichkeit geschaffen werden, dass Frauen, Frauengruppen, Frauenverbände, haupt- und nebenamtliche Mitarbeiterinnen zu Begegnungen eingeladen werden, um die Fragen zu diskutieren, die Frauen im Blick auf ihre Kirche bewegen.“

„Das Ziel ist“, so am Ende des Beschlusses, „die in Christus gestiftete Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche zu leben und zu gestalten.“
Alle Kirchenkreise wurden im Beschluss aufgefordert, das Vorhaben durch Bereitstellung von Finanzmittel, Verwaltungshilfen, Bildung von Arbeitskreisen und Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen. Der Landessynode 1991 sollten die Arbeitsergebnisse vorgelegt werden. „Dabei“ (Zitat) „muss überprüft werden, welche Modelle sich für die Weiterarbeit an Frauenfragen ergeben.“

Die Resonanz in den Kirchenkreisen war überwältigend. Hier wurde eine Diskussion angestoßen, die offensichtlich überfällig und gewollt war. Aus allen 46 Kirchenkreisen wurden Berichte eingereicht. In großer Anzahl bildeten sich kreissynodale Ausschüsse für Frauenfragen.
Der Ständige Innerkirchliche Ausschuss legte der LS 1991 die Ergebnisse in einer ausführlichen Vorlage unter dem Titel „Was Frauen im Blick auf ihre Kirche bewegt“ vor.

Der in der Vorlage gemachte Beschlussvorschlag wurde als Beschluss Nr.66 mit wenigen Änderungen von der LS mit großer Mehrheit angenommen.
Darin wird als Zitat eines Beschlusses der EKD-Synode von 1989 festgestellt, wie notwendig es ist, „dass Wirklichkeit, Erfahrungen und Fähigkeiten von Frauen in Kirche und Theologie künftig ebenso zur Geltung kommen wie die von Männern.“
Im Blick auf die nun aufzunehmende Arbeit werden u.a. folgende Schwerpunkte gesetzt:
-Nach Möglichkeit die Einrichtung hauptamtlicher Frauenreferate auf Kirchenkreisebene oder im regionalen Verbund
-Die LS setzt sich zum Ziel, dass bis zur Wahlperiode 1996 mindestens 40% ihrer Mitglieder Frauen sind
-Entsprechend werden die Kirchenkreise gebeten, diese Zielvorgabe bei ihren Wahlen zu berücksichtigen
-Die theologische Frauenforschung soll in der Aus- und Fortbildung einen angemessenen Platz erhalten.
Unter E.1. im Beschluss 66 dann die Entscheidung, die viele Kirchenkreise inzwischen gefordert hatten:
“Die Landessynode errichtet ein Frauenreferat, um Schritte zur Erneuerung des Verhältnisses zwischen Frauen und Männern in der Kirche zu unterstützen.
Von besonderer Bedeutung unter E.3.: „Das Frauenreferat soll nicht in die Dienststruktur des Landeskirchenamtes eingebunden sein; es ist der Kirchenleitung zugeordnet.“
Damit war klar, dass die Landessynode die Arbeit des Frauenreferates als eine Querschnittsaufgabe und damit auch als eine kirchenpolitische Aufgabe sah.

Es ist hier jetzt nicht die Zeit und die Möglichkeit, den Weg des Frauenreferates genauer aufzuzeichnen. Manchmal war er mühsam, weil das Referat wohl doch nicht ein allgemein geliebtes Kind war - und ist. Von Anfang an waren das Frauenreferat und sein Beirat, zu dem immer auch Männer gehörten und gehören, eingebunden in die Arbeit der Landessynode am Dekadethema und arbeiteten an der Umsetzung der in Beschluss 66 genannten Aufgaben.
Insgesamt lässt sich sagen, dass seit 1989 die Themen Frauen in der Kirche und Geschlechtergerechtigkeit zu durchgängigen Themen in der EKiR wurden.
Hierbei ist zu unterscheiden zwischen Prozessen und Beschlüssen, die die innerkirchliche Situation betreffen und Entscheidungen im Blick auf gesamtgesellschaftliche, politische Fragestellungen.

Ich nenne in Auswahl einige Beispiele für Entscheidungen, die mehr auf die innerkirchliche Situation zielen:
-Einführung der inklusiven Sprache in alle Kirchengesetze und die entsprechende Überarbeitung der Kirchenordnung
-Die Verabschiedung eines Gleichstellungsgesetzes, das u.a. die paritätische Besetzung von Gremien vorschreibt und die Bestellung von Gleichstellungsbeauftragten bei Trägern mit mehr als 30 Beschäftigten
-Handreichung „Homosexuelle Liebe“ und die daraus folgenden Beschlüsse zu „Sexualität und Lebensformen sowie Trauung und Segnung“ und die Ermöglichung der gottesdienstlichen Begleitung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften
-Einführung des Mirjam-Sonntages „Kirche in Solidarität mit Frauen“, der seit 1998 jeweils am 14. Sonntag nach Trinitatis gefeiert wird und von haupt- und ehrenamtlichen Frauen und Männern aus den Kirchenkreisen vorbereitet wird.
-Errichtung des Lehrstuhls für feministische Theologie an der KiHo, der inzwischen in Form einer Juniorprofessur in das Regelangebot der KiHo aufgenommen wurde
Ob die gefassten Beschlüsse der Landessynode auch in der Breite zu den gewünschten Veränderungen geführt haben und führen, lässt sich sicherlich nicht mit einem kräftigen Ja beantworten. Wie steht es etwa mit der Umsetzung des Gleichstellungsgesetzes, der Beschlüsse zu familiengerechten Arbeitsstrukturen und zur Familiengerechtigkeit (2007) zur Beteiligung von Frauen in Leitungsämtern oder zum gerechten Sprachgebrauch in Gottesdiensten? Dass manche Beschlüsse auch einen sehr langen und quälenden Vorlauf hatten, zeigt besonders die fast 10-jährige Entstehungszeit der Handreichnung „Beim Wort genommen. Gerechter Sprachgebrauch im Gottesdienst.“ Erschienen 2007. Wer kennt sie noch?

Dass die Landessynode beim Thema Geschlechtergerechtigkeit nie nur binnenkirchlich ausgerichtet war, sondern auch hier ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen wollte, zeigt eine Reihe von Beschlüssen zum Thema Überwindung von Gewalt an Frauen und Mädchen. Ich erinnere an die Landessynode 2000 mit ihrem Themenschwerpunkt: „Kirche in Solidarität mit den Frauen – Überwindung von Gewalt an Frauen und Mädchen.“ Verabschiedet wurde u.a. eine Erklärung zur „Rituellen Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen.“ und die Synode stellte darüber hinaus fest:
„Gewalt gegen Frauen geschieht auf vielfache Weise, zum Beispiel in physischer, sexualisierter, psychischer, verbaler, wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und religiöser Form. Uns ist deutlich geworden, dass auch die allgemeine und strukturelle Diskriminierung von Frauen Gewalt gegen Frauen ist. Wir verurteilen aufs Schärfste alle Formen von Gewalt gegen Frauen. Besonders betroffen macht es uns, dass wir davon ausgehen müssen, dass unmittelbare Gewalt gegen Frauen auch innerhalb unserer eigenen Kirche geschieht. ...
Wir erklären mit Nachdruck:
Durch Schöpfung und Versöhnung sind Mann und Frau in gleicher Weise Gottes Ebenbilder; deshalb:
- Gewalt gegen Frauen verletzt Gott selbst
- Gewalt gegen Frauen ist Sünde
- Frauenrechte sind integraler Bestandteil der Menschenrechte. Sie zu schützen, ist eine unverzichtbare Aufgabe gerade auch der Kirchen und der einzelnen Christinnen und Christen.

In zwei Auflagen erschien 2002 und 2004 die Handreichung: „Die Zeit heilt keineswegs alle Wunden. Leitlinien zum Umgang mit sexueller Gewalt.“ Schließlich verweise ich in diesem Zusammenhang noch auf den Beschluss der LS 2006 zum Problem der Zwangsprostitution im Blick auf die WM 2006 und die diesbezüglichen Aktionen der Frauen- und Männerarbeit.

Ebenfalls 2006 nahm die Landessynode stärker als bisher den Begriff „Gender“ in ihren Sprachgebrauch auf. Ein Initiativantrag der Synodalen Stokes aus Essen zum sog. „Genderbudgeting“ (ein für viele Synodale, ich schließe mich ein, bis dahin unbekannter Begriff) führte dazu, dass im Amtsblatt Juli 2007 in der Verordnung über das Neue Kirchliche Finanzwesen unter § 2.5 zu lesen war: (Es ist dafür Sorge zu tragen, dass) „die Mittel so eingesetzt werde, dass sie Benachteiligungen und Diskriminierungen verhindern und der Geschlechtergerechtigkeit dienen.“
Spätestens seit der Sondersynode 2006 steht das Thema „Gender“ noch in anderer Weise auf der Tagesordnung der nächsten Jahre. Die Sondersynode dieses Jahres beschloss: „Langfristig wird die Veränderung des Frauenreferates in ein Genderreferat angestrebt.“
Erste Vorarbeiten für diesen Umbau haben begonnen. Hier liegt noch viel Arbeit vor allen Beteiligten, zumal der Beschluss der Landessynode auch von einer Kostenreduzierung ausgeht.
Der Beirat hat deutlich gemacht, dass der Titel „Gender-Referat“ das Anliegen bezeichnet, gemeinsam für eine gerechte Gemeinschaft einzutreten und die Perspektive auf ungerechte Strukturen und (mögliche) Benachteiligungssituation auf beide Geschlechter zu weiten“

Viele weitere Informationen über die Entwicklungen in unserer Kirche hinsichtlich der Beteiligung von Frauen und Männern können Sie den im Foyer aushängenden Statistiken entnehmen. So hat sich z.B. in den letzten 2 Jahrzehnten zwar der Anteil ehrenamtlicher Frauen in den Presbyterien von 36% auf 46% erhöht, den Presbyteriumsvorsitz haben sie allerdings nur in 4% der Fälle inne. Die Zahl von Frauenkreisen nimmt stetig ab und ist heute mit ca. 2.100 Gruppen etwa wieder auf den Stand der 70er-Jahre, die Zahl der Männerkreise wächst stetig und liegt heute bei rund 300. Nach wie vor wird die ehrenamtliche Arbeit zu über 70% von den Frauen getragen.

Meine Damen und Herren, es war äußerst spannend, den Weg von 1989 bis heute noch einmal in Ausschnitten nach zu zeichnen. Jede und jeder von Ihnen könnte sicher aus der eigenen Erfahrung Vieles ergänzen und weitere Akzentuierungen setzen.
Das damals Angestoßene hat in unserer Kirche Bewusstsein verändert und viele haben sich auf den Weg mitnehmen lassen. Es sind Früchte gewachsen. Die Arbeit hat sich gelohnt.
Sehe ich es aber richtig, dass das Thema Geschlechtergerechtigkeit zur Zeit in unserer Kirche nicht im Vordergrund steht? Den Schwung der ersten Jahre erkenne ich jedenfalls nicht. Doch das Thema hat sich nicht erledigt, trotz erkennbarer Veränderungen.
Die „Unvollendete“ braucht noch weitere Sätze. Diesem Anliegen dient der heutige Tag.

27.04.2010