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Religionsunterricht an der Berufsbildenden Schule

Weil die Perücke wegen der Chemo auch ein Thema im Frisörsalon ist

"Ich möchte, dass die Schülerinnen mit den Kunden Gespräche führen können, die über das Wetter hinausgehen", sagt Berufsschulpfarrerin Marion Holzhüter. Ein Interview über lebensrelevanten evangelischen Religionsunterricht an der Berufsbildenden Schule.

Frau Holzhüter, heute ist auch für Sie erster Schultag. Wer sind Ihre Schülerinnen und Schüler?

Vor allem Auszubildende im sozialen Bereich, also in der Höheren Berufsfachschule Sozialassistenz, in der Fachschule Sozialpädagogik und in der Fachschule Altenpflege. Und heute bin ich zum ersten Mal im nagelneuen Beruflichen Gymnasium Wirtschaft, das ist für uns alle eine Premiere. Das sind Schüler, die Abitur machen – mit Schwerpunkt im Bereich Wirtschaft.

Welches Alter haben Ihre Schülerinnen und Schüler?

Sie sind von 15, 16 Jahren an aufwärts, in der Altenpflege sind manche älter als ich. Das heißt, die Altersspanne ist groß.

Wie beliebt ist Religionsunterricht an der Berufsbildenden Schule?

Es kommt auf den Bildungsgang an. Im meinem Bereich werden Menschen ausgebildet, die in ihren Berufen mit Menschen zu tun haben, da ist Religionsunterricht überhaupt nicht schwer zu begründen. Viele angehende Erzieherinnen zum Beispiel finden Religionsunterricht einfach schön und es macht ihnen Spaß. Auch in der Altenpflege ist der Unterricht willkommen: Ältere Menschen sind oder werden religiöser, und spätestens wenn es um das Thema Sterbebegleitung geht, sind die Schüler gefragt.  

Da sind wir schon mitten in der nächsten Frage: Welche Themen kommen gut an?

Die lebensrelevanten Dinge. Es kommt auf die jeweilige Klasse an. Viele 16- bis 18-Jährigen, die bei uns ihren Realschulabschluss machen, mögen die Themen „Liebe“, „Partnerschaft“, manchmal auch die Themen „Eltern“ oder beispielsweise „Drogen“, und übrigens auch „andere Religionsgemeinschaften“. Häufig interessiert sie auch die Frage, wenn es Gott gibt, warum passieren dann so viele schlimme Sachen. Viele Themen werden mit den Schülern ausgehandelt. Es kommt auch darauf an, was sie schon gemacht haben und ob ihnen ein Thema schon zu den Ohren heraushängt. 

Was interessiert die Auszubildenden?

Ausgangspunkt ist für sie, was sie für ihren Beruf aus dem Bereich Religion brauchen. Ich war gestern zum Haareschneiden. Und weil ich im neuen Schuljahr zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder die Frisörinnen habe, habe ich mich direkt mit meinem Frisör beraten. Klar ist, es gibt Religionen mit Riten, die Haare zum Beispiel ab der Hochzeit nicht mehr zu schneiden oder umgekehrt zur Hochzeit zu rasieren. Wir sind auf die Frage gekommen, woher die Haare für die Echthaarverlängerung kommen und ob das religiöse Hintergründe hat. Ich wette, das wird die Auszubildenden – meist junge Frauen - interessieren. Ich möchte außerdem, dass sie mit den Kundinnen und Kunden Gespräche führen können, die über das Wetter hinausgehen. Zum Beispiel auch über Perücken für Menschen in Chemotherapie. Das begegnet einem auch im Salon. Und so gibt es für jeden Beruf ohne Ende Anknüpfungspunkte. Das ist lebensrelevanter Unterricht.

Welche Methoden nutzen Sie?

Methoden sind mein Steckenpferd. Da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Ich lege größten Wert auf Methoden, die die Schüler dazu bringen, etwas selbst zu tun – mit Kopf und Händen. Bei den Erzieherinnen ist das vor allem Kreatives, das sie mit den Kindern in der religiösen Erziehung tun können. Viele Schülerinnen mögen Rollenspiele oder Bilder. Fotostorys sind der Renner. In der Altenpflege haben die Schüler zum Beispiel Bücher gemacht, denn im Altenheim wird oft vorgelesen, und so haben sie Textsammlungen gemacht, die sie gleich mit auf die Arbeit nehmen können.

Welche Vorgaben machen die Lehrpläne?

Dort wird vor allem formuliert, dass religiöse Kompetenzen entwickelt werden sollen, und so können wir zusammen mit den Schülern entscheiden, wie wir das mit Einzelheiten und Projekten füllen. Ein Schulanfang ist bei uns an der Berufsbildenden Schule immer auch ein Überraschungspaket, denn ich weiß ja nicht, wer in die Klassen kommt, wer einen Ausbildungsplatz bekommen hat. Deshalb sehen wir dann, wer ist da, was brauchen die Schüler und wozu möchten sie arbeiten. Wir nennen das auch „kompetenzorientierter Ansatz“. Damit ist gemeint: Die Schüler entwickeln sich selbst. Statt möglichst viel auswendig zu lernen und dies hinterher aufzuschreiben, sollen sie möglichst viel selbst tun. Ich begleite den Prozess, eigene Fähigkeiten zu entwickeln. Und das darf ich demnächst dann auch mit den Referendarinnen und Referendaren tun – darauf freue ich mich schon sehr.

Marion Holzhüter (44) ist Pfarrerin an der Berufsbildenden Schule in Wissen im Westerwald und erteilt Religionsunterricht. Holzhüter hat in Bonn Theologie studiert. Voraussichtlich wird sie demnächst als Fachleiterin am Staatlichen Studienseminar für Berufsbildende Schulen in Neuwied die Referendarausbildung für das Fach Evangelische Religion übernehmen.

ekir.de / neu / 13.08.2010