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"Die Unvollendete"

Statement Lieselotte Starken

Lieselotte Starken, 1987 Beauftragte für Frauenfragen im Kirchenkreis An Sieg und Rhein: Die Entstehung des evangelischen Frauenreferats im Rheinland

Eine Erinnerung zum 20jährigen Bestehen dieser landeskirchlichen Einrichtung. Wie alles begann:
Die Idee zu einem Frauenreferat bei der Landeskirche stammt nicht von mir. Ich habe sie lediglich aufgegriffen. Bei einem Besuch meiner Freundin in Siegen erfuhr ich, dass die Westfälische Landeskirche beabsichtigte, ein Frauenreferat einzurichten, wie es das damals in Hessen schon gab. Auf meiner Heimfahrt dachte ich darüber nach und fand, dass dies auch für unsere Landeskirche gut sein könnte.

Ich war als Kreisverbandsvorsitzende der Frauenhilfe in unserer Kreissynode zur Frauenbeauftragten ernannt worden und war damit auch für alle anderen Frauengruppen und ihre Anliegen im Kirchenkreis zuständig. Zunächst lernte ich alle diese Gruppen kennen und erfuhr von ihrer Situation und ihrem Engagement in den Gemeinden. Natürlich versuchte ich sie dazu zu bewegen, sich der Frauenhilfe anzuschließen, was aber auf wenig Resonanz stieß. Diese meist jüngeren Frauen fühlten sich dazu noch nicht alt genug und scheuten solche festen Strukturen, wie Mitgliedschaft und Beitragszahlung in einem solchen Verband. Das hielten sie für überflüssig.
Schade, hatte ich doch gerade erfahren, wie wichtig und sinnvoll es ist, dass Frauen sich organisieren: Die Frauenhilfe, als größter Verband unserer Kirche war nämlich von der Enquete-Kommission des Bundestages um eine Stellungnahme zur Entwicklung in der Gentechnologie gebeten worden. Dafür mussten wir uns selbst erst einmal kundig machen. Ich gehörte damals zu einem entsprechenden Arbeitskreis des Landesverbandes. Nachdem wir uns auf diesem Gebiet auskannten, galt es, die Kreisverbände darüber in Kenntnis zu setzen, die dann alle gemeindlichen Gruppen informierten um sie zu einer Stellungnahme zu befähigen. Dank der guten Organisation unseres Verbandes gelang alles gut. Nun wäre das ja eher etwas für die jüngeren Frauen gewesen; denn für die alten Damen der Frauenhilfe waren ‚Pränatale Diagnostik und Künstliche Befruchtung‘ doch keine Themen mehr. Wir konnten sie aber dafür gewinnen, ihr Votum im Blick auf ihre Töchter und Enkelinnen abzugeben. So weit dazu, wie gut es ist, wenn Frauen gemeinsame Sache machen.

Nun waren Frauen in der Landeskirche ja gut organisiert. Als Schwesternschaften, Verbände und Organisationen waren sie in die Frauenarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland eingebunden. Nur die nicht organisierten Frauen kamen da nicht vor. Um die ging es mir aber auch im Blick auf ein Frauenreferat.

Für meine Arbeit im Kirchenkreis hatte ich mir einen Arbeitskreis eingerichtet, in den Frauen aus verschiedenen Wirkungskreisen einlud: aus Friedensbewegung, der Eine-Welt-Arbeit, der Diakonie, der Schwangeren-Konfliktberatung, der Erwachsenenbildung, eine Vertreterin der Pfarrfrauen, der Presbyterinnen und der Jüngeren Frauen. Ich traf mich auch mit einer Gruppe hauptamtlicher Frauen und hielt Kontakt zu Gewerkschaftsfrauen und Katholikinnen.
Einigen aus meinem kreiskirchlichen Arbeitskreis erzählte ich bei einem Treffen von meiner Idee eines Frauenreferates. Sie fanden das gut und bald sprudelten wir von Einfällen, wie das wohl aussehen könnte. Durch meine Mitarbeit im Jugendreferat unseres Kirchenkreises war mir die Struktur der Jugendarbeit in unserer Landeskirche vertraut. Ich gehörte selber zum Ökumenischen Arbeitskreis der Jugendkammer. So ähnlich konnte ich mir die Arbeit eines Frauenreferates in der Landeskirche vorstellen. Es ging mir dabei um eine enge Anbindung an die Kirchenleitung, die ermöglicht, dass bei deren Beratungen, Anliegen und Vorhaben immer auch die Sicht der Frauen einfließen und berücksichtigt werden kann. Neben allem Dienst die Frauen in der Kirche tun, sollten sie auch kirchenpolitisch beteiligt sein. Es gab zwar eine Oberkirchenrätin in der Kirchenleitung, die ich sehr schätzte. Aber darüber hinaus erschien mir ein Frauenreferat sinnvoll.

Umgekehrt sollte das Frauenreferat auch dafür sorgen, dass Impulse und Anliegen der Kirchenleitung an die Basis gelangten und die Frauen zu deren Umsetzung befähigte mit einbezog. Es sollte Frauen in arbeitsrechtlichen Fragen begleiten und... und... und... Es gab so vieles, was wir mit dieser Institution verbanden.

Zunächst einmal musste es geschaffen werden. Wie das vorzugehen war, wusste Mary Wirths, die Frau unseres Superintendenten. Wir mussten unser Anliegen dem KSV vortragen und ihn bitten, es als Tagesordnungspunkt für die nächste Kreissynode vorzusehen. Diese habe darüber zu beraten und entscheiden, ob sie sich die Idee zum eigenen Anliegen machen und als Antrag an die Landessynode richten wolle.
Unser Vorhaben verbreitete sich schnell, auch ohne unser Zutun, im Kirchenkreis und die Reaktionen darauf waren unterschiedlich. Von Zustimmung bis hin zu: „Was soll der Quatsch? Haben die Frauen nichts Besseres im Kopf?“ Sie kamen aber auch ganz charmant und freundlich daher, wie: „Lieselotte, ich weiß gar nicht, was du willst. Wir sind doch schon alle deine Freunde!“ Das wusste ich doch und arbeitete immer gerne mit Männern zusammen. Ich fand es gut, wie unsere unterschiedlichen Ansichten sich ergänzten und befruchteten. Immer ging es mir in meinem Engagement für Frauen um diese Gemeinschaft von Männern und Frauen in der Kirche, aber eben auf allen Ebenen.
Aber vor unserer Kreissynode gab es noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten, besonders bei unseren Landessynodalen. Wir teilten uns die Skeptiker auf. Dann kam unsere Kreissynode. Ich war gespannt und hatte auch eine interessante und lebhafte Diskussion gehofft. Doch ging der Antrag sang- und klanglos über die Bühne und wurde angenommen und von unseren Vertretern in die Tagung der Landessynode eingebracht. Die nahm ihn an, allerdings mit der Auflage, dass bis zur nächsten Synode in allen Kirchenkreisen Konferenzen abzuhalten seien, auf denen die Frauen ihr Votum dafür oder dagegen abgeben sollten. Das Ergebnis sei der Kirchenleitung mitzuteilen. Das wurde eine interessante Zeit. Ich war im ganzen Bereich der Landeskirche unterwegs, um in Frauengruppen mein Anliegen vorzustellen und zu erläutern.
Leider erkrankte ich in dieser Phase schwer und verbrachte mehrere Monate in Kliniken. Da erwies es sich, wie gut es war, dass ich mir zur Unterstützung für meine Aufgabe einen Arbeitskreis geschaffen hatte. Diese Frauen übernahmen die Vorbereitung und Durchführung von zwei Konferenzen in unserem Kirchenkreis und erstatteten der Kirchenleitung den entsprechenden Bericht. Ich wurde von ihnen immer auf dem Laufenden gehalten.
Und dann endlich hatten wir, was wir uns so gewünscht hatten, ein Frauenreferat bei der Kirchenleitung in Düsseldorf! Es war viel besser und umfangreicher ausgestattet und besetzt, als wir uns das vorgestellt hatten.
Ich verfolgte die Entwicklung und die Arbeit des Referates durch Berichte der Mitglieder seines Beirates und den rheinweibern. Denen entnahm ich froh, dass den Mitarbeiterinnen so nahe an der Kirchenleitung der Humor nicht abhanden gekommen ist. So erinnere ich mich an eine Ausgabe der Zeitschrift, in der ein abgewandelter Liedtext abgedruckt war, der nach der Melodie ‚Wer nur den lieben Gott lässt walten‘ auf einer Frauenversammlung gesungen wurde:
‚Wer nur den lieben Mann lasst walten und seiner Klugheit blind vertraut,
kriegt vielleicht keine Sorgenfalten; behält die schöne glatte Haut.
Wer nur den lieben Mann lässt lenken und folgt ihm wie dem Speck die Maus;
kriegt Kinder ohne Nachzudenken, dafür von Wüstenrot ein Haus.‘

Ja, liebe Mitarbeiterinnen unseres Frauenreferates: Ich wünschen Ihnen auch für die kommende Zeit, dass Euch der Humor nicht verloren geht. Ich verstehe darunter eine Lebenshaltung, die heiter und gelassen der Welt begegnet und dennoch in liebenswerter Entschiedenheit für Veränderungen eintritt, wo sie nötig werden: dabei aber nach einem chinesischen Tat: ‚Sei wie der Bambus. In stürmischen Zeiten sich zwar beugen, aber nicht zerbrechen‘. So wünsche ich Ihnen und uns allen eine gute Zeit auf dem Weg zur Vollendung der Unvollendeten! Die wir dann wieder feiern wollen. Gebe Gott uns seinen Geist und Segen dazu.
Ihre
Lieselotte Starken
Bonn, den 27. Februar 2010

02.05.2010