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"Die Unvollendete"

Impulsreferat Angelika Weigt-Blätgen

Es gilt das gesprochene Wort!

„Gott liebt Gerechtigkeit und Recht“ Psalm 33,5

„Geschlechtergerechtigkeit – eine Wesensäußerung von Kirche“


1. Der Titel der Impulsreferate signalisiert die Bereitschaft zu differenzierender theologischer und ekklesiologischer Betrachtung.

Es geht um Gerechtigkeit – Gerechtigkeit ist eines der zentralen biblischen Grundanliegen. Gott liebt Gerechtigkeit und Recht. Das Recht soll strömen wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach (Amos). Und wenn es um Gerechtigkeit geht in der hebräischen Bibel, geht es um das Verhältnis der Menschen zu Gott und um die soziale Gestalt ihres Zusammenlebens, die diesem Verhältnis entspricht. Gottes Parteinahme für die sozial Schwachen, Unterdrückten, Fremden, Sklaven – Witwen, Waisen, vom Erbrecht und sozialer Versorgung Ausgeschlossenen - ist Maßstab für gelingendes Zusammenleben, für Rechtssetzung und Gottesdienst.

Mir sind diese theologischen Grundaussagen deshalb wichtig, weil wir in der Kirche mehr anzubieten, aber auch mehr in den Blick zu nehmen haben, als das Anliegen, ein paar mehr Frauen in ein paar mehr Gremien zu bringen oder für gerechte Bezahlung einzutreten. Es geht um Gerechtigkeit, um Teilhabegerechtigkeit an allen geistlichen, geistigen, materiellen, strukturellen Ressourcen unserer Organisationen, unserer Gesellschaft, unserer Kirche.

Die Frage der Gerechtigkeit, auch der Geschlechtergerechtigkeit, ist immer und immer wieder als theologische Frage zu qualifizieren, deren Zielrichtung letztlich nicht die soziale Gestalt der Kirche ist, sondern das Reich Gottes.

2. Die Synoden von Bad Krozingen und Leipzig der EKD und des Kirchenbundes der DDR standen unter dem Titel „Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche“. Die Synoden 1993/1994 in der EKvW übernahmen diesen Titel. Sehr schnell waren die Grenzen und Herausforderungen von Gemeinschaft erreicht und beschrieben. Gemeinschaft im Sinne der biblischen „koinonia“ gerät bei Ausblendung trennender Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und struktureller – patriarchal motivierter und gerechtfertigter – Gewalt zu einer formelhaften idealtypischen Größe, die weder in den frühchristlichen Jahrhunderten noch heute der sozialen Gestalt der Kirche entsprach (Wort der Männerarbeit der EKD zur Vorbereitung der EKD-Synode in Bad Krozingen).

Durch die theologisch und sozial unspezifische „Gemeinschaft“, die außerdem noch vorbelastet war durch ihre Abnutzungserscheinungen und ihre schwammige und unberechenbare Inklusions- und Exklusionskraft, wurde der Schwerpunkt der Synodenberatungen schnell auf das Trennende gelegt, auf das die „Gemeinschaft“ Schädigende. In der Vorbereitung der EKD-Synode führte dies zu einer Fokussierung auf das Thema Gewalt und zu einer Provokation von Schuldbekenntnissen, die kaum mehr unterschied zwischen gesellschaftlich-patriarchaler, individueller und theologisch-ekklesiologischer Implikationen des Themas Gewalt.

Die Männerarbeit der EKD formulierte vor der EKD-Synode „Wir sind Erben und Nutznießer einer jahrhundertelangen Geschichte der Herrschaft von Männern und Frauen. Wir begreifen allmählich, dass wir deshalb auch Anteil haben an einer langen Gewalttradition, als deren Repräsentaten wir immer auch angesehen werden, selbst wenn wir uns als einzelne davon lossagen und uns individuell keine Gewaltsamkeiten vorwerfen müssen … Wir können nicht leugnen, dass die Geschichte patriarchalischer Unterdrückung auch in christliche Traditionen zurückgreift und müssen uns beschämt ein-gestehen, wie viele Rechtfertigungen des Unrechts gegenüber Frauen eingewoben sind in die Auslegung biblischer Texte und in die gelebte Praxis christlichen Glaubens. …“

3. Es geht heute weder um Gemeinschaft noch nur um Geschlechtergerechtigkeit, sondern um Gerechtigkeit. Es geht um Gerechtigkeit als theologisches und ekklesiologisches Grunddatum mit eschatologischer Perspektive. „Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen, wir sehen schon die Lichter und hören die Musik“ (Ernesto Cardenal).

Die Hoffnung auf das Reich der Gerechtigkeit braucht soziale Gestalt. Die soziale Gestalt der Gerechtigkeit muss in den Strukturen unserer Organisationen umgesetzt und in den Milieus gelebt werden, um – immer mal wieder – aufleuchten zu lassen, was die Gemeinschaft der Heiligen nach Gottes Willen werden soll. (Ich nehme die von Josuttis vorgenommene Differenzierung des Begriffes „Kirche“ auf und unterscheide zwischen der Organisation, den Milieus und der Gemeinschaft der Heiligen).

4. Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche ist somit eine theologische, eine ekklesiologische, eine ökumenische, eine politische, eine strukturelle und eine materielle Frage von eschatologischer Bedeutung.

5. Geschlechter-Gerechtigkeit – das Wort „Geschlechter“ im Titel signalisiert, dass es um Geschlecht im Sinne von biologischem und sozialem Geschlecht geht – die Gender-Perspektive also einbezieht.

Mit der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 bekam eine neue Strategie zur Umsetzung von Gleichstellungspolitik bzw. Geschlechtergerechtigkeit einen Namen: Gender-mainstreaming.
Mit dem Amsterdam-Vertrag 1997 verpflichten sich die Staaten der EU, das Gender-mainstreaming in ihrer Politik anzuwenden. Damit erkennen sie an, dass das Geschlecht Einfluss hat auf die Verteilung von Arbeit, Geld, Macht und Teilhabe. Diese staatsvertragliche Anerkenntnis bedeutet den Abschied vom Mythos der Geschlechterneutralität von Maßnahmen und Entscheidungen.
Sie bedeutet, dass die Frage der Geschlechtergerechtigkeit von einer Randfrage zu einem gesellschaftlichen Kernbereich wird.
Und sie bedeutet, dass männliche Dominanzkulturen in Organisationen in Frage gestellt werden und zu Gunsten einer geschlechtergerechten Sichtweise überprüft werden.

Wie andere Veränderungsprozesse in Organisationen auch, müssen Gender-mainstreaming-Prozesse von oben gewollt sein (TOP down). Sie müssen intelligent und konsequent betrieben werden und sie müssen evaluiert werden. Außerdem müssen sie finanziert werden. Kirchliche Gender-mainstreaming-Prozesse werden immer an der einen oder anderen Stelle ausgebremst (Beispiele).

6. Gender-mainstreaming und Gender-budgeting sind mögliche Instrumente auf dem Weg zur Gerechtigkeit. Gender-mainstreaming ist kein Ersatz für Frauenförderung bzw. Frauenarbeit in der Kirche. Im Gegenteil: Frauenförderung ist ein Instrument des Gender-mainstreaming.

Gender-mainstreaming und Gender-budgeting sind mögliche Instrumente auf dem Weg zur Gerechtigkeit, wenn sie, wie oben beschrieben, konsequent und strategisch betrieben werden. Mit großer Skepsis beobachte ich die Auflösung, Umwidmung und damit Unkenntlichmachung von Frauenarbeitsbereichen. Frauenarbeit, Gleichstellungsarbeit, Frauenförderung werden durch die Umwidmung bzw. Umstrukturierung zu Gender-Arbeitsstellen, Gender-Beauftragten usw.

Mein Verdacht ist: Die Provokation verschwindet und der Zwang zu geschlechtsspezifischer und geschlechtergerechter Betrachtung wird aufgehoben und in eine Haltung von Beruhigung aufgelöst, mit dem Begriff und dem Anliegen der Gendergerechtigkeit alle Fragen gelöst zu haben bzw. in die richtige Richtung gelenkt zu haben. Sowohl die evangelischen Frauen in Deutschland als auch die Männerarbeit der EKD haben sich dagegen verwahrt, das Zentrum Frauen und Männer in Hannover zum Gender-Zentrum zu machen. Beide haben Wert darauf gelegt, dass jeweils Frauen- und Männerarbeit mit ihren geschlechtsspezifischen Anliegen und Bezeichnungen erhalten bleiben und kenntlich bleiben.

7. Gerechtigkeit – sedaqua – ist in der hebräischen Bibel der Grundwert, der das gottgemäße Leben der Gemeinschaft ausmacht. Gerechtigkeit erfordert die Ausbildung einer sozialen Ordnung, in der Macht und Ressourcen angemessen verteilt werden und die Orientierung an dem je Schwächsten ausgerichtet wird.

Ich habe oben bereits auf dieses Grunddatum hingewiesen.

8. „Hoffnung auf Gerechtigkeit braucht soziale Gestalt“ (Luise Schottroff) – oder : Managing diversity. Managing diversity ist eine Chance die Geschlechterfixierung zu überwinden und die Differenzierung von Milieus, Orientierungen, Prägungen und Interessen einzubeziehen (Keine Frau ist jede Frau; kein Mann ist jeder Mann auch nicht jedermann).

9. „So ist mein Leib“ – Das Abendmahl als eschatologische Hoffnungsgemeinschaft der Verschiedenen.

Luise Schottroff und andere haben durch sorgfältige Übersetzung des griechischen Textes herausgearbeitet, dass Jesus mit den sogenannten Einsetzungsworten „Dies ist mein Leib“ nicht auf das Brot hinweist, sondern mit der Formulierung „So ist mein Leib“ auf die Tischgemeinschaft, die er bis in die letzten Tage seines Lebens hinein mit den Verschiedenen – mit Sündern, Zöllnern, Huren, Ausgegrenzten, Kranken, Armen, Reichen, Zweifelnden, Eifernden, Stillen – hatte. Dem entspricht, was nach seinem Tod sein soll: die Tischgemeinschaft der Verschiedenen als Hoffnungsge-meinschaft. So ist uns in der Mitte unseres Gottesdienstes eine Möglichkeit gegeben der Hoffnung auf Gerechtigkeit, auch auf Geschlechtergerechtigkeit, eine soziale Gestalt zu geben.

10. Ein Gespenst geht um in der Kirche: die „Feminisierung“ der Kirche wird als Gefahr ausgemacht und die Benachteiligung der Männer als Herausforderung beschrieben.

Kaum nehmen mehr Frauen als Männer ein Theologie-Studium auf und kaum standen zwei Frauen an der Spitze der EKD, war von der „Feminisierung der Kirche“ die Rede, wie sie sich z. B. in der UCC schon lange abbilde. Parallel wird ein gesellschaftlicher Veränderungsprozess ausgemacht, den die einen als postpatriarchalen Transformationsprozess beschreiben, der Rollenveränderungen und Rollenverunsicherungen mit sich bringt und die anderen als Ergebnis feministischer Umtriebe und rücksichtsloser Selbstverwirklichungswut von Frauen. Manche Reaktionen von Frauen heute erinnern mich an das Schuldbekenntnis der Männerarbeit in den 1990er Jahren (siehe oben). Beides ist nicht hilfreich. Das Wort von der Feminisierung entstand nicht, weil der überwiegende Teil der Gottesdienstteilnehmenden Frauen sind; weil das soziale Ehrenamt in der Kirche überwiegend weiblich ist, weil wir in Kirche und Diakonie wesentlich mehr Mitarbeiterinnen haben als Mitarbeiter, sondern weil sie in das kirchenleitende und das geistliche Amt vordringen und die Ausprägung einer weiblichen Dominanzkultur befürchtet wird.

Um das zu verhindern (!) muss nach Jahren massiver Gehaltsabsenkungen im Pfarrberuf selbstverständlich auch wieder über eine angemessene Bezahlung nachgedacht werden.

Ebenso wie bei Grundschullehrern, Kindergärtnern, Krankenpflegern. Der gesamte Bereich der „Care-Berufe“ der Für-Sorge-Arbeit gerät unter den oben beschriebenen gesellschaftlichen und geschlechtsspezifischen Entwicklungen neu in die Diskussion. Spätestens diese Entwicklung zeigt, wie notwendig, auch heute noch, geschlechterdifferenzierende und geschlechtsspezifische Betrachtungsweise und Fördersysteme sind.

Ganz zum Schluss das Zitat Ihres früheren Präses Manfred Kock, das er im Zusammenhang einer Rede zum Ende der ökumenischen Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ gehalten hat: „Ich möchte jedoch auch die Grenzen und Probleme im Blick auf die Anliegen der Dekade benennen. Der Weg zu einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in Kirche und Gesellschaft ist steinig und weit. Aber wir dürfen dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren. Für mich ist das eine Frage der Gerechtigkeit und letztlich auch unserer Glaubwürdigkeit als Kirche. Wir werden dabei nur dann Erfolg haben, wenn wir als Kirche vor der eigenen Haustür kehren.“

Zum Schluss auch von mir Assoziationen aus der Musik:
Bruce Springsteen singt von der Arbeit an einem Traum „Working on a dream“ und er besingt die rauen Hände und die Rückenschmerzen durch das Beugen, durch die Bückarbeit. Arbeit an dem Traum von der Geschlechtergerechtigkeit bedeutet, dass wir immer wieder raue Hände haben werden und die Bereitschaft zur Bückarbeit zeigen müssen. Außerdem denke ich an Lucinda Williams „Car Wheels on a Gravel Road“ und so ist es wohl manchmal - als würden die Räder über eine Schotterpiste rollen, aber sie rollen.

ekir.de / 27.04.2010