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Initiative klärt über Heimerziehung auf

Als „Heimkinder“ abgestempelt

„Die denken, dass wir hier alle Asis sind. Dabei wissen sie gar nicht wie wir leben“, sagt Manuel. Er lebt in einer Wohngruppe im Kreis Mettmann und ärgert sich, wenn Menschen ihn abfällig Heimkind nennen. „Wir sind doch keine Heimkinder“, heißt eine Initiative und ein Film der Graf-Recke-Stiftung. Das Ziel: Vorurteile abbauen.

Schwer erziehbar, verwahrlost, kriminell: Kinder, die „im Heim“ aufwachsen, haben mit vielen falschen Vorstellungen zu kämpfen. Wer statt in der eigenen Familie in einer Jugendhilfeeinrichtung lebt, wird bis heute nicht selten als „Heimkind“ gebrandmarkt. Für die betroffenen Jungen und Mädchen ist das eine schwierige Situation. Deshalb verschweigen sie ihrer Umgebung oft, dass sie in einer Wohngruppe leben. Denn wer sich als Heimkind zu erkennen gibt, läuft Gefahr, in der Schule oder bei Gleichaltrigen zum Außenseiter zu werden.

Film soll Umdenken fördern

In Deutschland leben rund 1,7 Mio. Menschen mit sogenannter „Heimerfahrung“, davon aktuell etwa 100.000 Kinder und Jugendliche in sozialen oder kirchlichen Einrichtungen, unterstreicht die Graf-Recke-Stiftung in Düsseldorf. Mit dem Dokumentarfilm „Wir sind doch keine Heimkinder“ will die diakonische Einrichtung das falsche Bild korrigieren und Tabus brechen. Filmautorin Anke Bruns hat dafür zwei Jahre lang Kinder und Jugendliche in ihrem Alltag begleitet und mit ehemaligen Heimkindern über ihre Erlebnisse gesprochen. Sie hat Erzieherinnen und Erzieher interviewt, mit Eltern gesprochen und Verantwortliche der Graf-Recke-Stiftung befragt. Der Film ist als Informations- und Diskussionsgrundlage gedacht und möchte zum Umdenken anregen.

„Die waren nicht zimperlich mit uns“

Alte Vorurteile versperrten den Blick auf die Jugendhilfe der Gegenwart, macht der Film deutlich. Leonora aus einer Wohngruppe in Hilden zum Beispiel erzählt, dass eine Freundin sie nicht besuchen durfte, weil deren Eltern Angst hatten, „dass ihr hier bei uns was passiert.“ In den Wohngruppen heute gehe es ganz anders zu als in den Kinderheimen der 1950er- und 1960er-Jahre. Jungen und Mädchen waren früher streng getrennt, es gab Schlafsäle statt eines eigenen Zimmers, wie es heute selbstverständlich ist. „Die waren nicht zimperlich mit uns“, berichtet zum Beispiel Herbert Schneider im Film. In den 1960er Jahren lebte er in den Düsselthaler Anstalten, fühlte sich als Heimkind „abgestempelt“.

Gesellschaftliche Diskussion anstoßen

Die Initiative der Graf-Recke-Stiftung „Wir sind doch keine Heimkinder“ entstand durch die Dreharbeiten zu der Dokumentation. Die Stiftung möchte möglichst viele Jugendhilfeeinrichtungen, Träger und Kirchengemeinden dafür gewinnen, „Heimkinder“ von den alten Vorurteilen zu befreien. Sie können zum Beispiel den Film zeigen und öffentliche Diskussionen über das Thema Heimerziehung anstoßen. Die Graf-Recke-Stiftung hat auch Lehrmaterialien entwickelt, die im Schulunterricht eingesetzt werden können. Der Film und die Unterrichtsmaterialien können kostenlos von der Internetseite der Initiative www.wir-sind-doch-keine-heimkinder.de heruntergeladen werden.

 

Information auf dem Kirchentag

Auch auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund stellt sich die Initiative vor - am Donnerstag, 20. Juni, um 12.20 Uhr auf der Diakonie-Bühne in Halle 6. Filmautorin Anke Bruns will mit den Besucherinnen und Besuchern darüber sprechen, welche Bilder sie im Kopf haben, wenn sie an „Heimkinder“ denken. Betroffene von heute und ehemalige Heimkinder aus den 60er-Jahren erzählen über ihr Leben. Um 18 Uhr wird im Kino Schauburg Dortmund (Brückstraße 66) der Film von Anke Bruns gezeigt. Eintritt frei.

ekir.de / Ulrike Klös, Fotos: Initiative „Wir sind doch keine Heimkinder“ / 12.06.2019


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