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Wolfgang Schumacher ist der neue Beauftragte der Evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz.

Wolfgang Schumacher ist der neue Beauftragte der Evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz.

Interview

„Ich will Grenzgänger sein“

Wolfgang Schumacher ist der neue Beauftragte der Evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz. Der 59-jährige Kirchenrat und Journalist tritt seinen Dienst zum 1. August 2020 an und folgt auf Oberkirchenrat Thomas Posern, der in den Ruhestand geht. Zuvor war Wolfgang Schumacher Pressesprecher der Pfälzischen Landeskirche.

Herr Schumacher, was macht eigentlich ein Beauftragter der Evangelischen Landeskirchen?

Wolfgang Schumacher: Der Beauftragte hat eine doppelte Aufgabe. Zum einen koordiniert er die Meinungsbildung der drei Landeskirchen in Rheinland-Pfalz zu aktuellen politischen Vorgängen und Fragen. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Größe, ihrer Struktur, ihres je eigenen Profils und ihrer Kultur stimmen ja die Kirchen nicht automatisch in allen Fragen von Anfang an überein. Zum anderen vertritt der Beauftrage die Interessen der Evangelischen Kirchen im Bundesland gegenüber der Politik, also Landtag, Regierung, Verwaltung, aber auch gegenüber landesweiten Verbänden und Organisationen. In zahlreichen Gremien, wie der Landeszentrale für politische Bildung, bringt der Beauftragte die evangelische Stimme ein.

Wie sahen denn die letzten Wochen vor Ihrem Wechsel nach Mainz aus?

Schumacher: An einen Übergang im Sinne einer Vorbereitung auf die neue Aufgabe war nicht zu denken. Als Pressesprecher und Öffentlichkeitsreferent war ich bis zum letzten Arbeitstag, dem Pfingstsonntag, eingespannt. Zudem gehörte ich dem Corona-Krisenstab der Landeskirche an. Fast schon ein Job für sich alleine.

  Mit dem Wechsel ändert sich auch Ihr Arbeitsalltag: Welche Aufgaben sind Ihrer Meinung nach für Sie zu Beginn die größte Herausforderung?

Schumacher: Ich hatte das Glück, dass ich die ersten vier Wochen mit meinem Vorgänger im Amte, Oberkirchenrat Thomas Posern, zusammenarbeiten konnte. Ein großes Thema in Rheinland-Pfalz ist das neue Kita-Gesetz, dass nach der Verabschiedung im Landtag mehr Fragen als Antworten bereithält. So jedenfalls mein Eindruck. Hier bin ich mitten hineingeworfen worden in die Debatten und in die Vorbereitungen der anstehenden Verhandlungen mit den kommunalen Spitzenverbänden. Welch ein Glück, dass die Fachfrauen in den Landeskirchen und die juristische Kollegin hier im Evangelischen Büro sowie die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen von Anfang an mit an Bord waren und sind.
Darüber hinaus bin ich täglich zu Antrittsbesuchen unterwegs. Ich treffe Minister und Ministerialbeamte, Fraktionsvorsitzende, Gewerkschafts- und Unternehmensverbandsvertreter, Repräsentanten landesweiter Organisationen und selbstverständlich auch Kolleginnen und Kollegen kirchlicher Werke und Einrichtungen. Gefreut hat mich auch das Gespräch mit dem Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät der Uni Mainz. Vor knapp 40 Jahren hatte ich mein Theologiestudium in Mainz begonnen.  

Wo wollen Sie in Ihrer Arbeit Schwerpunkte setzen?

Schumacher: Die Stelle des Beauftragten bringt es mit sich, dass er Schwerpunkte gesetzt bekommt – durch die politische und kirchliche Tagesordnung. Dort, wo es Freiraum gibt, da möchte ich mich gerne am Schnittpunkt von Kirche und Kultur einbringen. Ich war im Nebenamt Beauftragter meiner Landeskirche für das Reformationsjubiläum. Zu meinen schönsten Erfahrungen zählt, dass sich so viele Menschen von „außerhalb“ der Kirche für dieses Jahrhundertereignis engagiert haben. Und so freue ich mich auf eine Fortsetzung, zum Beispiel 2021 in Worms, wo des 500. Jahrestages des „Auftritts“ Martin Luthers vor dem Reichstag gedacht wird. Nicht nur im historischen Rückblick. Die Debatte über Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Notwendigkeit von Diskursen sind aktueller denn je.

Was sind Ihre Ziele als Beauftragter der Landeskirchen in Rheinland-Pfalz?

Schumacher: Ich will Grenzgänger sein. Dieses Bild habe ich beim Theologen Paul Tillich gelernt, der 1936 seiner Autobiographie den Titel „Auf der Grenze“ gab. Er schreibt: „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.“ Inbegriffen ist auch die Grenzüberschreitung – und zwar in dem Sinne, dass nur, wer Anteil an beiden Seiten einer Grenzlinie hat, dem Übergreifenden, dem Überbrückenden, dem Dialog dienen kann. Und so begebe ich mich an die Grenze zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen Religion und Kultur, und auch an die Grenze zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus. Ich möchte das Eigene vom Anderen her verstehen lernen.
Übrigens: Seit vielen Jahren begleitet mich ein Satz des Niederrheiners Hanns-Dieter Hüsch, der viele Jahre in Mainz gelebt und gewirkt hat. In einem Psalmwort, den die rheinische Kirche zu ihrem Motto für das Reformationsjubiläum gemacht hat, dichtet er: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.“ Das zu bleiben, das ist mein persönliches Ziel. 

 

 

Stichwort: Der Beauftragte der Evangelischen Kirchen

Der Beauftrage ist auf evangelischer Seite der Ansprechpartner für die Landesregierung bei Themen, die die Kirchen betreffen. Er koordiniert die Meinungsbildung der beteiligten Landeskirchen zu politischen Vorgängen und unterhält Kontakte zu politischen Parteien, Vereinigungen und Verbänden auf Landesebene. In Rheinland-Pfalz betrifft dies die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in den ehemaligen Regierungsbezirken Rheinhessen und Montabaur, die Evangelische Kirche im Rheinland überwiegend in den ehemaligen Regierungsbezirken Koblenz und Trier sowie die Evangelische Kirche der Pfalz im ehemaligen Regierungsbezirk Pfalz.

 

 

ekir.de / Andreas Attinger, Foto: lk/Landry / 14.07.2020


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