Kirchenmusik

Ein Plädoyer für die Ekstase

„Als Jugendlicher hörte ich im Gottesdienst musikalisch-religiöse Impulse in meinem Inneren immer als Rock oder Pop.“ Gotthard Fermor, Dozent an der Evangelischen Fachhochschule Bochum, hätte den Herrn am liebsten mit Rock und Popmusik gepriesen.

Popsongs sind originärer Glaubensausdruck: Dr. Gotthard Fermor. Popsongs sind originärer Glaubensausdruck: Dr. Gotthard Fermor.

Das war aber mit seiner Jugendband im Gottesdienst der Freien Evangelischen Gemeinde nur ab und zu möglich. „In der Schülerband, in der ich gleichzeitig spielte, da wurde die ekstatischere Musik gemacht, ich konnte eigene Texte und Musik mit vielen religiösen Aspekten einbringen.“ Bei seinem einjährigen Amerikaaufenthalt beeindruckten ihn vor allem  die Gottesdienste in der Jazz Church in New York mit ihrer Lebendigkeit.

 

 

Jugendbands bilden (wie Kinderchöre) traditionell den musikalischen Nachwuchs. Jugendbands bilden (wie Kinderchöre) traditionell den musikalischen Nachwuchs.

Seither hat den Theologen das Thema „Ekstasis. Das religiöse Erbe in der Popmusik“ bis in seine Promotion nicht losgelassen. Als begeistertem Musiker bedeutet ihm die musikalische Vielfalt des Glaubensausdrucks sehr viel. Da kann die klassische nicht gegen die moderne Musik ausgespielt werden. Ein Bach sei für ihn genauso ekstatisch wie Deep Purple. Dieser Reichtum sollte nicht in Schubladen gesteckt werden.

Die Popmusik hat ihre eigene Tradition, die aus frühen Worksongs und Spirituals gespeist wird und ursprünglich aus Westafrika stammt. „Diese Wurzeln ekstatischer Musik sind durchaus erlebbar und gehen bis ins Alte Testament zurück, bis zu Miriam, die in der Sprache Luthers auf die Pauke haut.“ Da blitzen Fermors Augen.

In der Geschichte wurde die schamanische Trommel als ekstatisches Instrument eingesetzt, auch in den Psalmen, das sei Tradition. Längst sind die Popsongs nicht mehr nur Ausdruck der kurzlebigen Jugendkultur. Für viele amerikanische Christinnen und Christen sind sie originärer Glaubensausdruck. Wenn auch die musikalische Vorliebe alle drei Jahre wechselt, für Fermor sind Monokulturen schlimmer.

Engagiert bei der Gründung des „Netzwerks Popmusik“ und Mitherausgeber des im Herbst erscheinenden Handbuches „Kirchenmusik als religiöse Praxis“, plädiert er für genaues Hören der Texte von Popsongs, die nicht für Kirche gemacht sind. Sie seien voll von existentiellen und religiösen Lebensthemen, die oft in anrührender Weise dargestellt sind. Vielleicht hören Menschen gerade da genau zu, weil es dafür keine religiösen und institutionellen Ziele gibt.  Die vielfältigen Popmusikströmungen in der Kirche brauchten Unterstützung. Ohne das Streichquartett zu verdrängen. 

Essentiell ist für Fermor das den Glauben stärkende Gemeinschaftserleben durch Musik. „Da ist ein Ton nicht allein und auch ein Mensch nicht.“ Gotthard Fermor erlebt in seinem musikalischen Empfinden, was ihn trägt: den Urton, den Schöpfer.

 

 

 

Renate Hofmann /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 20. Juni 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 21. Juni 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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