idea-Interview

„Ich werde meine Tochter in der Ewigkeit wiedersehen“

Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), über das Sterben seiner jüngsten Tochter, den Tod und die Ewigkeit: ein idea-Interview

Unser Leben auf Jesus begründen: Präses Nikolaus Schneider (l.) und seine Frau Anne im Gespräch mit Dr. Lars Tutt vom rheinischen Medienverband beim Kirchentag im Sommer in Hannover. Unser Leben auf Jesus begründen: Präses Nikolaus Schneider (l.) und seine Frau Anne im Gespräch mit Dr. Lars Tutt vom rheinischen Medienverband beim Kirchentag im Sommer in Hannover.

Mit dem Ewigkeitssonntag am 20. November geht das Kirchenjahr zu Ende (am 1. Advent beginnt ein neues). Im Volksmund heißt dieser Sonntag „Totensonntag“. Viele Menschen denken an die, die in ihrem Umfeld gestorben sind. Aber nur 45 Prozent der Mitteleuropäer glauben laut Umfragen an ein Leben nach dem Tode. Zu Sterben, Tod und Ewigkeit ein Interview mit dem Präses der zweitgrößten deutschen Landeskirche, der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider (58, Düsseldorf). Er gehört auch der Leitung der EKD, dem Rat, an. Am 3. Februar dieses Jahres starb die jüngste seiner drei Töchter, Meike, im Alter von 22 Jahren. Am Ende ihres ersten Semesters Theologie erfuhr sie, daß sie an Leukämie erkrankt sei. Zwei Jahre lang kämpfte sie gegen diesen Blutkrebs. Am 20. November wird im Ersten Fernsehprogramm um 17.30 Uhr in einer Sendung der Reihe „Gott und die Welt“ über sie berichtet. Mit Präses Schneider sprach Helmut Matthies.

idea: Herr Präses, Ihre Tochter mußte lange leiden, bevor sie starb. Hatten Sie vorher anders über das Sterben gedacht?

Schneider: Ich habe meinen Vater beim Sterben begleitet und als Gemeindepfarrer an vielen Sterbebetten gesessen. Aber wenn das eigene Kind stirbt, ist es ein Stück weit, als wenn man selbst stirbt. Wir hatten viele Male um Heilung gebetet und auch immer wieder den Eindruck, daß dieses Gebet erhört worden war. Sowohl nach der Chemotherapie als dann auch nach der Rückenmarkstransplantation hieß es, sie sei geheilt. Nach nur fünf Wochen aber war der Krebs wieder da.

„Ich habe jetzt einige Fragen an Gott“

idea: Nimmt da das Bild von Gott Schaden?

Schneider: Natürlich ist dieses Bild angekratzt. Ich habe jetzt einige Fragen an Gott: Warum hat er unsere Tochter mit nur 22 Jahren sterben lassen? Er hätte doch die Macht gehabt, sie zu heilen! Warum ließ er dieses Auf und Ab zu? Andererseits wird die grundsätzliche Beziehung zu Gott nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil: Wir sind dankbar auch für die schlimme Zeit, denn wir haben eine Tiefe in der Beziehung zu unserer Tochter, innerhalb unserer Familie und auch zu Gott erlebt, wie sie sonst nicht vorstellbar gewesen wäre. Wir bekamen ungeahnte Kräfte, aber auch genau die richtigen Worte in unserem Innern, die uns halfen zurechtzukommen.

Wenn man zweimal als „geheilt“ erklärt wird

idea: Wußte Ihre Tochter, daß sie sterben muß?

Schneider: In ihrem Innern, denke ich, ja, obwohl sie bis zu ihrem letzten bewußten Augenblick um ihr Leben gekämpft hat. Es war ja wie eine Achterbahnfahrt: geheilt – Rückfall – geheilt – Rückfall. Natürlich wurde auch ihr Verhältnis zu Gott dadurch mit Fragen versehen. Die Zeit bis zu ihrem Tod war dann ein Ringen um die Erfahrung von Gottes Nähe. Besonders die im Neuen Testament beschriebene Erfahrung Jesu am Kreuz wurde ihr zum Trost: daß Gott nämlich nicht ein ferner Gott ist, sondern in Jesus Christus unsere Tiefen, unsere Verzweiflung, unsere Hilflosigkeit und unsere Schmerzen – sie hatte ja auch erhebliche Schmerzen bei der Therapie – kennt. Auch Jesus hatte ja in seinem Leben Momente der Gottesferne erfahren. Sie durfte erfahren, daß Gott für sie in ihrem Leid da ist. Sie war aber gewiß, daß sie nach dem Tod in Gottes Armen geborgen ist.

idea: Sie war also bewußt Christin?

Schneider: Es ist für uns ein großes Geschenk, daß unsere drei Töchter sich durch die Erfahrung des Pfarrhauses nicht vom Glauben an Christus entfernt haben. Im Gegenteil: Alle setzen sich mit dem Glauben auseinander und sind der Kirche verbunden.

Nie wünschte jemand tatsächlich, daß er schneller stirbt

idea: Es gibt ja gegenwärtig eine breite Debatte über die Sterbehilfe. Hat Ihre Tochter je den Wunsch geäußert, daß man ihr hilft, schneller zu sterben?

Schneider: Auf den Gedanken ist sie überhaupt nicht gekommen. Sie genoß aber auch eine hervorragende Schmerztherapie. Das war eine gute Hilfe.

idea: Haben Sie das als Seelsorger je erlebt, daß Kranke den Wunsch geäußert haben, wegen ihres Leidens schneller sterben zu können?

Schneider: Nein. Letztlich war es stets ein Ja zum Unabänderlichen und dann
auch ein getrösteter Übergang.

Ich habe keine Angst mehr vor dem Sterben

idea: Nachdem Sie den Tod Ihrer Tochter so intensiv erlebt haben: Können Sie
selbst jetzt auch leichter sterben?

Schneider: Bereits seitdem ich als Gemeindepfarrer Menschen beim Sterben begleitet habe, habe ich keine Angst mehr.

idea: Warum nicht?

Schneider: Weil ich gesehen habe, daß es geht. Es ist ein großes Privileg von Pfarrerinnen und Pfarrern, daß sie Menschen beim Sterben begleiten können. Denn dann können sie die Erfahrung machen, wie man stirbt. Daß man nämlich Bilanz ziehen, sich von anderen verabschieden kann und daß die Heilige Schrift dafür wundervolle Texte und Bilder bereithält, die Hoffnung machen auf das Leben nach dem Tod in der Gegenwart Gottes.

idea: Was ist da für Sie das eindrucksvollste biblische Bild?

Schneider: Ich denke besonders an das Wort Jesu: „Ich gehe voraus, euch in meines Vaters Haus eine Wohnung zu bereiten ... Ihr sollt sein, wo ich bin “ (Johannes 14,1 ff) oder an das, was in der Offenbarung des Johannes steht: „Und Gott wird (in der Ewigkeit) abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ (21,4).

Sie starb in unseren Armen

idea: Wie ist Ihre Tochter heimgegangen?

Schneider: Als uns der Arzt sagte, daß es soweit sei, lag sie auf einer Intensivstation in Essen. Unsere ganze Familie und ihre Tante waren die letzten fünf Stunden bei ihr. Wir haben gebetet und miteinander gesungen. Und sie ist dann in meinen und in den Armen meiner Frau heimgegangen.

idea: Hat Ihre Tochter für Ihre Beerdigung etwas festgelegt?

Schneider: Sie hat gesagt, welchen Pfarrer sie sich wünscht und daß die Bibeltexte von Hoffnung bestimmt sein sollten.

Sie wünschte eine große Beerdigung

idea: Seit langem gibt es den Trend, daß Beerdigungen „in aller Stille“ – also im kleinstmöglichen Rahmen – stattfinden. Was wünschte sich Ihre Tochter?

Schneider: Eine ganz große Beerdigung! Sie wollte, daß alle, die zu uns gehören und Anteil an ihrem Leid genommen haben, dabei sind. Wer sagt, man solle das im kleinsten Kreise machen, weiß nicht, was er sich selbst damit antut. Denn Sterben ist ein so mächtiger Prozeß, daß man ganz viele Freunde und Freundinnen und Geschwister im christlichen Glauben braucht, die einen dabei begleiten und trösten. Sterben und Tod sind immer Sache der gesamten Gemeinde.

idea: Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht, die für andere hilfreich sein könnten?

Schneider: Das erste ist, daß man nicht vor dem eigenen Sterben und dem anderer „weglaufen“ sollte. Wir haben hier oft eine völlig falsche Vorstellung, nämlich die, daß das alles nur schrecklich sei. Doch wer andere beim Sterben begleitet, wird dadurch auch innerlich reicher. Tränen und Trauer können guttun. Vor allem aber dürfen wir nicht vergessen, daß wir als Christinnen und Christen eine gemeinsame Hoffnung haben, nämlich daß wir im Reich Gottes wieder zusammenkommen werden. Und das, was im Neuen Testament darüber gesagt ist, sollte man sich selbst und dem Sterbenden vergegenwärtigen. Dann können wir diese Situation bestehen.

Was tun bei Sterbenden?

idea: Was heißt das konkret?

Schneider: Man sollte sich erkundigen, welche Lieblingslieder im Gesangbuch der Sterbende hatte, und sie dann mit ihm zusammen singen. Man kann den wunderschönen Psalm 23 (Der Herr ist mein Hirte) vorlesen oder auch Psalm 139, wo es heißt, daß Gott uns von allen Seiten umgibt. Man sollte auf jeden Fall das Vaterunser beten, dem Sterbenden die Hand auflegen und ihn segnen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß sich dann selbst in den allerletzten Minuten noch die Lippen mit bewegten. Die Sterbenden nehmen also diese Tröstung bewußt wahr. Für Gemeinden sollte es zur Regel werden, daß ihre Geistlichen einmal das Angebot für einen Abend zum Thema „Die Begleitung Sterbender“ machen, wo man Fragen behandelt, wie man sich verhalten, welche Lieder und Texte man berücksichtigen sollte und welche Möglichkeiten es gibt, mit einem Sterbenden noch zu kommunizieren.

Auch sterbende Atheisten warten auf die Frage nach Gott

idea: Wie ist das, wenn man nicht weiß, ob der Sterbende an Gott glaubt: Soll man ihn trotzdem offensiv darauf ansprechen?

Schneider: Ich möchte dazu ermutigen, stets die Frage nach Gott zu stellen. Freilich sollte man das so tun, daß der andere auch die Freiheit hat, nein zu sagen. Oft ist es aber gerade so, daß Sterbende geradezu darauf warten, daß man sie fragt nach Gott oder, ob man mit ihnen beten darf. Das gilt auch für Atheisten. Denn auch sie kommen bei Sterben und Tod ins Fragen. Und da haben wir die große Chance, ihnen zu helfen.

„Ich möchte langsam sterben“

idea: Viele Menschen wünschen sich, plötzlich und schnell zu sterben. Wie möchten Sie sterben?

Schneider: Langsam. Der schnelle Tod ist ein böser Tod, weil man sich nicht verabschieden kann. Das Sterben ist doch eine ganz wichtige Phase unseres Lebens, und wenn wir sie nicht selbst mitgestalten können, dann fehlt uns und unseren Angehörigen etwas Entscheidendes.

idea: Haben Sie die Hoffnung, Ihre Tochter in der Ewigkeit wiederzusehen?

Schneider: Selbstverständlich, denn das steht ja auch klar im Neuen Testament, beispielsweise im 1. Korintherbrief im 15. Kapitel. Dann haben wir im Johannesevangelium (Kapitel 14) die Abschiedsreden Jesu, in denen er uns ganz klar sagt, daß wir mit ihm einst in der Ewigkeit zusammensein werden.

idea: Haben Sie da auch mit Ihrer Tochter darüber gesprochen?

Schneider: Das war auch immer Thema. Im übrigen spreche ich darüber bei allen Beerdigungen.

Was geschieht nach dem Tod?

idea: Im Neuen Testament gibt es ja zwei Aussagestränge im Blick auf die Ewigkeit. Nach dem einen ist es so, daß wir nach dem Tod so lange „schlafen“, bis wir wieder auferweckt werden zum Jüngsten Gericht (Joh. 11,11; 1. Thess. 4,15 ff, 1. Joh. 3,2). Nach anderen Stellen kann man davon ausgehen, daß wir gleich nach dem Tod in der Ewigkeit bei Christus sein werden, zum Beispiel wenn Jesus zum Schächer am Kreuz sagt: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein“ (Lukas 23,4).

Schneider: Wir haben tatsächlich beides, wobei mich die Aussage Jesu, die er gegenüber dem Schächer am Kreuz macht, am meisten überzeugt. Aber letztlich kann ich hier nur sagen: Warten wir einmal ab, wie es wird. Entscheidend ist, daß wir als Christinnen und Christen wissen dürfen, daß wir einmal in der Ewigkeit bei Christus sein werden. Darauf freue ich mich. Und ich habe geradezu eine gewisse Sehnsucht in mir, meine jüngste Tochter dort einmal wiederzusehen.

Es kann uns in die Hölle führen

idea: Rein statistisch ist im Neuen Testament mehr von der Hölle als vom Himmel die Rede. Was bedeutet Hölle für Sie?

Schneider: Daß unser Leben nicht belanglos ist, sondern Konsequenzen hat, daß Gott darüber beim Jüngsten Gericht ein Urteil fällen wird. Und dieses Urteil kann uns in Abgründe führen, also in die Hölle. Natürlich habe ich die Hoffnung, daß Gottes Gnade größer sein wird als alles, was ich mir vorstellen kann. Aber das darf ich nicht voraussetzen.

idea: Nun heißt es in der Rede Jesu an seine Jünger, daß das Kriterium dafür, ob ich in den Himmel komme, ist, daß ich mich zu Jesus Christus vor anderen bekenne (Mt. 10,32) ...

Schneider: Wir können unser Leben nur auf Jesus Christus allein begründen. Das ist tatsächlich der Grund, auf dem wir stehen, und das muß auch klar verkündigt werden.

Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte

idea: Wenn Sie nur noch einen Tag zu leben hätten: Was würden Sie tun?

Schneider: Ich würde mich bei allen entschuldigen, denen ich wehgetan, die ich ungerecht oder gedankenlos behandelt habe. Wenn möglich, würde ich dann versuchen, mich mit so vielen Menschen wie möglich noch einmal zusammenzusetzen. Von meinen Lieben und insbesondere von meiner Frau würde ich mich unter Tränen und Trauer verabschieden. Gleichzeitig würde ich Gott für mein Leben danken. Ich möchte aber auch die Freude darüber zum Ausdruck bringen, daß ich jetzt in das ewige Reich Gottes gehe, und hoffe, viele von denen, mit denen ich hier gelebt habe, einmal wiederzusehen.

idea: Wir danken für das Gespräch.

 

 

 

idea / 18.11.2005

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 16. November 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 18. November 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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