Kriegskinder

"Aufarbeiten ist ein großes Wort"

Seit einiger Zeit wächst das Interesse an den „Kriegskindern“, den Menschen, die als Kinder und Jugendliche noch den Zweiten Weltkrieg erlebten. Viel beschäftigt hat sich mit diesem Thema Frank Weber, Superintendent des Kirchenkreises Düsseldorf-Mettmann.

Gemeinden sollten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes besondere Gottesdienste anbieten: Superintendent Frank Weber. Gemeinden sollten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes besondere Gottesdienste anbieten: Superintendent Frank Weber.

Sie sind auf das Thema "Kriegskinder“ nicht in der Gemeindearbeit gestoßen, sondern in einem Seminar eines Bestatters. Wie kam es?
Das Seminar bei Fritz Roth in Bergisch Gladbach hieß „Eine tüchtige Generation“ und da merkte ich auf und dachte, das ist ja die Generation, mit der du tagtäglich zu tun hast in der Gemeindearbeit. Das war ein Aha-Erlebnis und ich begann, mich dafür zu interessieren.

Es war also nicht so, dass Sie auf Menschen gestoßen sind, von denen Sie dachten „hier stimmt was nicht“?
Im Gegenteil: Ich habe gemerkt, dass bei diesen Menschen sehr wohl vieles stimmt. „Tüchtig“ ist so ein Stichwort. Es geht um die Aufbaugeneration, die viel bewirkt hat. Und mir fiel dann auf, dass diese Menschen jetzt, nachdem sie aus dem Berufsleben ausscheiden, in eine Ruhephase kommen, und mich interessierte: Wie leben diese Menschen, wie gehts ihnen heute, was machen sie und wie kommen sie mit der Vergangenheit zurecht?

Welche psychosozialen Langzeitfolgen zieht ein Krieg nach sich? 
Es sind im Wesentlichen Bilder, Geschichten, die sich festgelegt haben, die weitergegeben werden. Manchmal ist es ein besonderes Familienwissen, das man weiterträgt: Stichwort „Opa war kein Nazi“. Die Auseinandersetzung darüber, welche Rolle die Großeltern früher hatten. Zu den Folgen gehören außerdem Verhaltensweisen, die weitergegeben werden. Sätze wie „Ihr sollt es mal besser haben“. Dahinter verbarg sich ja: Mensch, da ist mal was ganz Schlimmes gewesen. Man hat es selbst nicht erlebt und macht sich dann so seine Fantasien. Ich denke, dass auch bestimmte traumatische Erfahrungen ungebremst weitergegeben werden und weitererzählt werden, ohne dass sie bearbeitet werden können.

Wie lange dauern diese Langzeitfolgen an? In der Bibel heißt es, die Schuld der Väter wird bis ins dritte und vierte Glied verfolgt. Ist das menschliche Erfahrung, dass das so lange dauert?
Also das vermute ich mal, dass an dieser biblischen Weisheit einiges dran ist. Ich glaube, dass 60 Jahre ein ganz wichtiger Zeitraum ist, in dem Menschen ihre eigene Kindheitsgeschichte reflektieren. Wenn die Elterngeneration verstorben ist, werden bestimmte Dinge frei und man dem nachgehen, was geschehen ist. Erstaunlich finde ich zu beobachten, dass viele Menschen, die damals Kinder oder Jugendliche waren, jetzt ihre Lebensgeschichte aufschreiben. Nicht nur Prominente. Auch meine Großmutter, inzwischen 85-jährig, hat begonnen ihre Lebensgeschichte, die eine Fluchtgeschichte ist, aufzuschreiben. Ich finde es bemerkenswert, dass versucht wird, das zu sichern.

Kann man heute aufarbeiten, was jahrzehntelang totgeschwiegen wurde?
Aufarbeiten ist ein großes Wort. Ich glaube, dass es um kleine Ansätze im Alltag geht. Man muss nicht per se davon ausgehen, dass alle Leute bedrückt und betroffen und traumatisiert sind, sondern ihre ganz unterschiedlichen Erfahrungen haben. Bei manchen ist es belastend, aber der überwiegende Teil - glaube ich - hat Bewältigungsstrategien entwickelt. Ich finde bei dem Thema wichtig: Die Veröffentlichungswelle wird - vermute ich mal - bis zum 8. Mai hochebben und danach wieder in sich zusammenfallen. Und mir ist es wichtig, dass die Gemeinden weiterhin ein Ort bleiben, wo das Thema angesprochen werden kann, wo Menschen darauf vorbereitet werden davon zu sprechen oder auch in Ritualen ihrer Trauer, ihren Gedanken und ihrem Erleben Ausdruck verleihen können. Und eben von Angesicht zu Angesicht darüber sprechen und nicht von den Medien und den Talkshows erfahren müssen: was hat man jetzt zu denken und wie ist die Geschichte gewesen.

Was hilft der Generation der Kriegskinder? Was kann die Kirche, was können Gemeinden dazu leisten?
Die beliebteste Form ist Erzählen. Erzählcafés sind geeignete Formen, Vorträge weniger. Ich glaube, dass es in der Woche des 8. Mai und danach darauf ankommt, auch besondere spirituelle Angebote zu machen, die Vertriebenenverbände offensiv anzusprechen und einzuladen und die Kirchräume für die Menschen zu öffnen. Ich glaube, das ist schon eine ganze Menge, wenn man einfach in die Kirche kommen kann zu Gottesdiensten - vielleicht mit einem besonderen musikalischen Angebot -, mit der Möglichkeit seine Gedanken und sein Gedenken mit einzubringen. Zum Beispiel mit Bildern: dass man Bilder von verstorbenen Angehörigen mitbringt und im Gottesdienst ausstellt.

Ist Geschichte objektives Geschehen oder subjektives Wahrnehmen? Was heißt das für die Seelsorge?
Ich glaube, dass die subjektiven Geschichtserfahrungen eine sehr viel größere Rolle spielen als die offizielle Geschichtsschreibung. Und dass sich einfach aus diesen unterschiedlichen Lebensgeschichten ein Gesamtbild entwickelt, das aber nie eindeutig ist und nie in einer Sichtweise zu packen ist. Die Unterschiedlichkeit von Geschichte macht sich ja in jedem Lebenslauf fest. Es gibt in der Seelsorge unterschiedlichste Lebensgeschichten, die einem begegnen, kein Weg ist vergleichbar, auch keine Form der Trauer oder der Traumatisierung ist vergleichbar. Jede Generation oder jeder Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte, aber auch Bewältigungsgeschichte, glaube ich, und die muss man aktivieren.

Spüren Sie in der Gemeindearbeit noch den „langen Arm“ der NS-Erziehung? Stichwort HJ und BDM?
Also es ist mir verschiedentlich begegnet - ich vermute jedenfalls, dass da Zusammenhänge sind - in solchen Sätzen wie “Du musst den untersten Weg gehen“, du musst versuchen alles möglichst ohne Konflikte zu regeln. Bis hin zu Selbsteinsichten oder Selbsteinschätzungen der Entwertung. Menschen sagen von sich - nicht offen, aber sie leben so - „Ich tauge nicht viel, ich bin nicht viel wert“. Es gab ja diesen berühmten Satz „Du bist nichts, du hast nichts, du kannst nichts“, und ich glaube, dass den einige der heute ab 60-Jährigen zumindest noch von ihren Eltern gehört haben. Diese Negativbewertungen, Konfliktscheu, Mutlosigkeit, das ist auch manchmal in Presbyterien anzutreffen. Das erstaunliche Phänomen, dass manchmal in ganz sachlichen Auseinandersetzungen plötzlich raue Töne angeschlagen werden, bis hin zu persönlichen Auseinandersetzungen, das könnte eine Folge sein.

Hat die NS Zeit Auswirkungen auf das Gottesbild?
Da bin ich relativ sicher, dass das so ist. Mir ist das verschiedentlich begegnet, zum Beispiel bei Trauergesprächen, dass Menschen sagen: In der damaligen Zeit musste man den Glauben an Gott verlieren. Einmal durch die Ideologie: es war ja schwierig christlich zu glauben oder das auch zu outen und zu leben. Aber eben auch durch die Ereignisse der damaligen Zeit, also durch die Ereignisse von Tod, Zerstörung, Gewalt. Ich kann das heute gut hören, und das differenziert auch noch mal mein Bild dieser Generationen. Als Jugendlicher denkt man immer, die Eltern und Großeltern, sie waren christlich, da war die Welt noch in Ordnung. Ich glaube aber, dass das damals auch sehr differenziert war und dass da nicht mehrheitlich alle Christenmenschen waren.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Umgang mit der eigenen Biografie und Geschichte?
Subjektiv gesagt: Ich habe das Gefühl, dass Frauen gerne und leichter darüber sprechen können und dass Männer das eher weniger tun, sondern andere Bewältigungsstrategien haben. Es heißt ja oft: Der Vater oder der Mann hat nicht viel davon gesprochen. Aber dann kommt so einiges herraus, was er erlebt und mit sich herumgetragen hat. Frauen sind einfach mehr präsent in der Gemeinde, sind leichter ansprechbar. Ich glaube Männern helfen Angebote, wo sie nicht immer nur reden müssen, sondern wo sie etwas machen können oder ihre Energie für einen guten Zweck einsetzen können. Männer haben andere Zugangswege und die muss man herauskriegen.

Ist es für diese Generation wichtig, dass die Frauenkirche in Dresden wiederaufgebaut wird?
Ich glaube, dass das ein ganz wichtiges Symbol ist, das über Konfessionen und über die Grenzen von Deutschland hinweg sichtbar ist. Es bleibt also nicht das Bild eines Trümmerrestes oder Trümmergrundstücks. Obwohl ich das sehr zwiespältig finde. Ich fand dieses Trümmergrundstück immer sehr wichtig als Mahn- und Gedenkstätte. Aber ich glaube schon, dass das viele als Zeichen der Versöhnung deuten und auch sozusagen einen eigenen positiven Abschluss dieser Geschichte hinkriegen. Was ich einfach bedeutsam finde - und das ist auch zukunftsweisend: dass es über die Grenzen von Deutschland hinaus Verbindungen gibt, also nach Coventry, nach Guernica. Da ist die Stadt Dresden ja schon sehr weit und das wünsche ich mir für andere Projekte auch.

 

 

 

 

Interview: Matthias Köhler /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 8. März 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 13. Mai 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.