Bonn

Wie Schüler Eltern auf Probe werden

„Anfangs war mir das ziemlich peinlich im Bus. Ich dachte nur: Hoffentlich schreit sie nicht.“ Der 14-jährige René erzählt aus seinen 24 Stunden mit dem Computerbaby. Zweimal konnte er das schreiende Baby im Bus beruhigen. Aber dann ging nichts mehr.

Schülerinnen der Karl-Simrock-Schule machen sich mit Babys vertraut - zunächst einmal probeweise mit Computerbabys. Aufklärung ist der Sinn dieser Aktion, die die Bonner Diakonie initiiert. Schülerinnen der Karl-Simrock-Schule machen sich mit Babys vertraut - zunächst einmal probeweise mit Computerbabys. Aufklärung ist der Sinn dieser Aktion, die die Bonner Diakonie initiiert.

Am Hauptbahnhof schaffte er es auch mit Hilfe seiner Mutter nicht: Es hatte Hunger. In einer Passage suchte er sich ein ruhiges Plätzchen und „fütterte“ die Puppe. Lachend kommt dann: „Eine Frau hörte das Weinen und fragte, ob sie uns helfen kann. Sie dachte, meine Mutter hätte mich geschimpft und ich würde weinen.“

 

 

Sigrid Vollstedt von der Bonner Diakonie zeigt den Schülern den richtigen Umgang mit Babys. Sigrid Vollstedt von der Bonner Diakonie zeigt den Schülern den richtigen Umgang mit Babys.

Auch Philipp, ebenfalls aus der 7. Klasse der Bonner Karl-Simrock-Schule, wird auf jeden Fall eins der Probe-Babys für einen Tag und eine Nacht übernehmen. „Ich finde es interessant und man kann was lernen dabei“, sagt er als Jüngster in seiner Familie. Bei dem sechs Unterrichtseinheiten umfassenden Projekt der Fachstelle Sexualpädagogik des Diakonischen Werkes „Elternzeit auf Probe“ sind zum ersten Mal auch Jungen beteiligt.

Klassenlehrerin Dagmar Supé erzählt: „Als die Puppen zum ersten Mal in der Klasse vorgestellt wurden, hielten die Jungen noch großen Abstand. In der zweiten Stunde war das Eis gebrochen.“ Projektleiterin Sigrid Vollstedt hat die beiden Computerpuppen mitgebracht, die den Tagesablauf eines drei Monate alten Babys simulieren. Sie können aggressiv schreien, wenn sie gefüttert und gewickelt werden wollen oder der Kopf nicht richtig gestützt wird.

Yasmins Baby bot vor allem nachts das volle Programm. Ab Zehn musste sie es sieben Mal füttern und wickeln. Heute ist sie entsprechend müde. Das Thema Familienplanung scheint für die Zwölf- bis Vierzehnjährigen noch sehr weit entfernt, trotzdem sind viele interessiert. „Wir überlegen mit den Schülerinnen und Schülern was es bedeutet, für ein Kind verantwortlich zu sein“, so Vollstedt. Anhand von Katalogen wird konkret ausgerechnet, wie viel die Erstausstattung eines Babys kostet.

Hintergrund dieses Projektes ist die Zunahme von Minderjährigenschwangerschaften. Allein beim Diakonischen Werk Bonn/Bad Godesberg stieg die Zahl der Rat suchenden Schwangeren unter 18 Jahren von zehn im Jahr 1993 kontinuierlich an auf inzwischen 23. Mit dieser Unterrichtseinheit will das Diakonische Werk den Jungendlichen die Möglichkeit bieten, über ihre eigenen Vorstellungen vom gelungenen Familienleben nachzudenken, bevor sie erste sexuelle Erfahrungen machen.

Eins weiß Philipp heute schon genau: „Ich möchte später ein netter Vater sein.“ Yasmin und René wollen sich erstmal um Schule und Ausbildung kümmern. „Ich will zwei Kinder, aber erst mit 25“, sagt Yasmin. René nickt dazu und ergänzt: „Ein Vater muss sich schon auch kümmern, nicht jede Mutter hat immer Zeit.“

 

 

Renate Hofmann /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 4. März 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 4. März 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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