Public Viewing

Zusammen gucken, zusammen sein

Viele Kirchengemeinden haben schon vor zwei Jahren bei der Fußball-Weltmeisterschaft damit angefangen: Public Viewing in der Kirche. Und auch zur Europameisterschaft stehen wieder Beamer und Fernseher in Kirchen und Gemeindesälen.

Hunderte von Fans verfolgen das Fußballspiel in der Evangelischen Kirche in Obermeiderich. LupeHunderte von Fans verfolgen das Fußballspiel in der Evangelischen Kirche in Obermeiderich.

So auch in der Evangelischen Kirche in der Emilstraße in Obermeiderich, einem Stadtteil von Duisburg. "Diesmal haben die Leute uns schon vor einem halben Jahr gefragt, ob sie bei uns wieder Fußballgucken können", erzählt Pfarrer Michael Schurmann. Beim Viertelfinalspiel Deutschland gegen Portugal war es in seiner Kirche "rappelvoll, 600 bis 700 Leute waren sicher da".

Darunter Menschen, die er vorher noch nie in der Kirche gesehen hat, aber natürlich auch Gemeindeglieder. Letztlich treffe sich in der Kirche die Nachbarschaft, erzählt Schurmann. "Bei der Weltmeisterschaft gab es Leute, die hier im Viertel wohnen und sich beim Fußballgucken kennengelernt haben." So bezeichnet Schurmann das Public Viewing denn auch als "gemeindezentriertes Nachbarschaftsprojekt".

Schwellenangst überwinden

Seine Erfahrungen: "Die Leute, die hierhin kommen, bringen oft Menschen mit, die seit Jahren keinen Fuß mehr in eine Kirche gesetzt haben. Da können wir eine tiefsitzende Schwellenangst überwinden. Natürlich ist es nicht so, dass heute die Menschen zum Public Viewing kommen und am Sonntag sind Hunderte mehr im Gottesdienst."

Es gebe immer mehr Menschen, für die Kirche keine Bedeutung mehr hat. "Und das verändern wir mit solchen Aktionen langfristig. Die Menschen, die hier mitgucken, denken jetzt: Das ist ein Ort, wo man hingehen kann, es ist in Ordnung dort."

 

Natürlich gibt es auch Bier

Ihm gefällt, dass sich beim Fußballgucken Menschen vieler Nationalitäten und auch unterschiedlichen Alters zusammenfinden. "Natürlich trinken die Menschen bei uns auch Bier, aber ich denke, es gibt viel weniger Kampftrinken und Pöpelei als in einer Kneipe. Es ist hier viel entspannter", sagt er und freut sich schon auf das Halbfinale Deutschland/Türkei am Mittwoch.

In der Johanneskirche in Köln-Klettenberg treffen sich hingegen meist Leute, die der Gemeinde schon verbunden sind, erzählt Pfarrerin Gaby Masanek. Auch hier hat das Public Viewing mit der Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren angefangen. Beim Spiel der Deutschen gegen die Portugiesen saßen etwa fünfzig Zuschauerinnen und Zuschauer in der Kirche.

Gemeinde auch im weltlichen Leben

Aber das werden mit jedem Spiel mehr, weiß Masanek. "Je weiter die deutsche Mannschaft kommt, desto größer wird das Gefühl, das in der Gemeinschaft erleben zu wollen." Ihre Erfahrungen mit dem Public Viewing sind positiv. "Es ist eine nette getragene Atmosphäre, die über diesen Anlass hinaus tragen wird. Die Gemeinde findet sich so neben dem kirchlichen auch im weltlichen Leben zusammen."

Masanek findet es "schön zu sehen, dass Kirche nicht weltabseits steht, sondern daran teilnimmt." Sie würde nicht in eine Kneipe gehen, um die Europameisterschaft zu sehen. Und neben der Tatsache, dass die Kirche rauchfrei bleibt, sieht sie auch noch andere Unterschiede: "In der Kneipe ist der Anreiz zu konsumieren, hier ist der Anreiz wirklich zusammen zu gucken, zusammen zu sein und das Spiel zusammen zu erleben."

Neues Bild von Kirche

In der Thomaskirche in Wuppertal treffen sich auch etwa fünfzig Menschen zum Fußballgucken. "Das ist einerseits die Kerngemeinde, aber da sind auch Leute dabei, die wir sonst nicht erreichen", erzählt Pfarrerin Norma Lennartz. Für sie macht Public Viewing Sinn, "weil Menschen, die mit uns nie etwas zu tun hatten, ein anderes, ein neues Bild von uns, von Kirche bekommen".

Die Thomaskirche steht in einem sozialen Brennpunkt und Public Viewing gehört für Lennartz zur "einladenden Kultur der Kirche". Eines weiß sie sicher: Public Viewing ist für sie ein Erfolg, denn "mit vielen, die ich vorher gar nicht kannte, bin ich schon ins Gespräch gekommen".

 

 

 

 

Petra Anna Siebert / 23.06.2008

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Samstag, 21. Juni 2008. Die letzte Aktualierung erfolgte am Sonntag, 29. Juni 2008. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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