Notfallseelsorge

Eine langwährende, langfristige Aufgabe

"Wir wurden damals allein gelassen." Mit diesen Worten blickte der rheinland-pfälzische Innenminister Karl Peter Bruch auf seine Zeit als junger Polizei- und Kriminalbeamter in seiner Ansprache beim 11. Notfallseelsorge-Bundeskongress in Koblenz zurück.

Gott sei Dank gibt es die Notfallseelsorge: Karl Peter Bruch, rheinland-pfälzischer Innenminister. LupeGott sei Dank gibt es die Notfallseelsorge: Karl Peter Bruch, rheinland-pfälzischer Innenminister.

"Wie gehen wir mit schweren Unfällen um? Wie gehen wir mit Unfallopfern um? Wie gehen wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen um, die möglicherweise ein traumatisches Erlebnis hatten?" Auf diese Fragen habe es damals keine Antworten gegeben. "Damit musste man irgendwie klarkommen", berichtete der Staatsminister des Inneren und für Sport sowie Schirmherr des 11. Bundeskongresses für Notfallseelsorge und Krisenintervention. Der Kongress zum Thema "Spiritualität und Trauma" läuft bis Mittwoch.

Wiederholt sei er auch als Politiker mit Fragen von Traumatisierung konfrontiert gewesen, Stichwort Ramstein, Stichwort Tsunami, Stichwort Ludwigshafen. Dabei sei es auch darum gegangen, inwieweit der Staat hier tätig werden müsste. "Gott sei Dank hat die Notfallseelsorge einen großen Teil übernommen", dankte der Minister. Weiter betonte Bruch, dass Notfallseelsorge "kein Luxus" ist, dass es um "existenzielle Fragen" gehe und dass die Aufgabe langwierig ist, keine kurzfristig zu bewerkstelligende. "Das Wichtige ist, dass wir über die Zeit diese Hilfe organisieren."

 

 

Sechs Fachvorträge und sechzig Workshops umfasst das Programm des Bundeskongresses. LupeSechs Fachvorträge und sechzig Workshops umfasst das Programm des Bundeskongresses.

Rund 320 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Notfallseelsorge, Feuerwehr und Rettungsdiensten sind zum Bundeskongress nach Koblenz gekommen. Sie hören Fachvorträge und vertiefen ihr Können und Wissen in Workshops - sechzig verschiedene stehen auf dem Programm. Teilnehmende kommen auch aus Österreich, Italien, Schweden und Luxemburg. Am Dienstagabend steht ein ökumenischer Gottesdienst in der Florinskirche auf dem Programm, unter anderem mit Vizepräses Petra Bosse-Huber. Anschließend lädt die gastgebende Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) die Teilnehmenden des Kongresses zu einem Empfang.

 

 

Spiritualität hilft bei der Bewältigung eines Traumas: Landespfarrer Joachim Müller-Lange. LupeSpiritualität hilft bei der Bewältigung eines Traumas: Landespfarrer Joachim Müller-Lange.

"Gelebte Spiritualität, zum Beispiel Gebete und Andachten an Unfall- oder Unglücksstellen oder Trauerrituale, ist eine heilsame Ressource, um Traumata zu bewältigen", erläutert der rheinische Landespfarrer für Notfallseelsorge, Joachim Müller-Lange, das Kongress-Thema. Die Notfallseelsorge tue gut daran, sich auf ihre einzigartige Ressource Spiritualität zu verlassen.

Bei der Pressekonferenz forderte Müller-Lange auch, dass sich die Notfallseelsorge trotz der Sparzwänge der Kirchen dauerhaft behaupten müsse. Außerdem stellt der Theologe klar: "Notfallseelsorge und Krisenintervention sind als Erste Hilfe für die Seele inzwischen ein anerkanntes Glied in der Rettungskette."

Im ersten Fachvortrag "Spiritualität nach dem Trauma" berichtete der amerikanische Traumaberater Dr. David Berceli davon, wie entgegengesetzt Menschen auf ein traumatisches Ereignis reagieren können. Einer der Feuerwehrmänner vom 9. September habe ihm berichtet, dass er heute viel bewusster lebt, seiner Frau und seinen Kinder viel zugewandter. "Er lebt jetzt, wie er eigentlich leben sollte", kommentierte das Berceli, der andererseits verzweifelte, verbitterte Trauma-Opfer kennt.

"Spirituelle Chance"

"Trauma und Spiritualität erscheinen zunächst wie komplette Gegensätze", sagte Berceli. Doch: Ein Trauma sei eine "Gipfelerfahrung", also ein Erlebnis, das das menschliche Fassungsvermögen übersteige, aber auch lebensverändernde Qualität in sich berge. Und insofern biete ein Trauma auch eine "spirituelle Chance", so der Therapeut und Theologe.

Ein Trauma werfe das Opfer aus der gewohnten Bahn, erschüttere sein gewohntes Glaubenssystem. Wer sich dem Schmerz stelle, dem gelinge eine tiefe Bewusstseinsänderung. Berceli: "Es lohnt, in das Leiden hinein zu gehen und als anderer Mensch daraus hervor zu gehen." Schließlich befähige der Heilungsprozess auch zu spirituellen Veränderungen.

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 19. Mai 2008. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 20. Mai 2008. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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