Email aus Namibia

Deshalb geben wir alles, wenn ein Gast kommt

Zählt nur die „Kohle“? Ist ein Fehler im Grunde eine mittlere Katastrophe? Und darf man auf sein Land stolz sein – nicht nur in Sachen Fußball? Ein deutsch-namibisches Gespräch unter Jugendlichen.

Gruppenbild in Swakopmund: die Jugendlichen aus Namibia und Düsseldorf. Gruppenbild in Swakopmund: die Jugendlichen aus Namibia und Düsseldorf.

Die Zeit in Swakopmund nutzen wir für eine Auswertung der Jugendbegegnung. Was haben wir in der gegenseitigen Begegnung über die eigene Kultur und was haben wir über die fremde Kultur gelernt? Und was haben wir spirituell voneinander erfahren?

Die deutschen Jugendlichen heben hervor, dass ihnen durch die Begegnungen in Namibia anschaulich wurde, dass Menschen den materiellen Erfolg nicht brauchen, um zufrieden oder glücklich zu sein. „In Deutschland zählt nur ‚die Kohle’“, sagen sie, „alles ist auf Materielles und auf Leistung hin ausgerichtet.“

Die namibischen Jugendlichen bestätigen diesen Eindruck, allerdings meinen sie, dass bei denen, die in Namibia „etwas“ haben, das Materielle, das Äußere, die Leistung genauso schwergewichtig zähle wie in Deutschland.

Immer perfekt

„Ihr macht alles so perfekt und sucht immer gleich nach den richtigen Lösungen, zum Beispiel bei der Armutsbekämpfung oder bei dem Thema HIV/AIDS!“, sagen die Namibier, „bei Euch traut man sich überhaupt nicht etwas falsch zu machen. Schule, Erziehung, Kirche, Leben – alles ist bei Euch genau überlegt! Manchmal wirkt diese perfekte  Art einschüchternd auf andere“, kritisieren sie.

Das korrespondiert mit dem Eindruck der deutschen Jugendlichen, dass es in Namibia kein „Weltuntergang“ ist, wenn mal etwas nicht planmäßig verlaufe. In Deutschland führten (persönliche) Tiefschläge häufig gleich in schwere Krisen.

Immer wieder wird von den Deutschen betont, dass sie beobachtet haben, wie Menschen in Namibia das Leben aus ihrem Glauben heraus akzeptieren wie es ist. Damit akzeptieren sie auch Gott. „Wir in Deutschland wollen immer alles selbst in die Hand nehmen, verändern, gestalten, usw. Und wenn dann mal etwas nicht klappt, dann sind wir völlig verzweifelt“, sagen die deutschen Jugendlichen.

Nach dem Essen warten?

Aber auch ganz alltägliche kulturelle Verschiedenheiten werden angesprochen, wie zum Beispiel unterschiedliche Gewohnheiten beim Essen. Die Namibier „schlingen“ und springen dann auf. „In Deutschland sind wir es gewohnt, dass wir sitzen bleiben, bis alle zu Ende gegessen haben.“

Sehr unterschiedlich zwischen Namibiern und Deutschen ist das Bedürfnis nach Individualität. Die deutschen Jugendlichen äußern, dass sie großes Bedürfnis nach Individualität hätten. Das zeige sich beispielsweise daran, dass sie sich in den vergangenen drei Wochen  manchmal auch zurückgezogen hätten oder es sich zumindest gewünscht hätten, sich stärker zurückziehen zu können. Individualität mache sich auch daran bemerkbar, dass sie in der Gruppe verschiedene Meinungen vertreten würden.

Starke Gruppe

Für die Namibier ist Individualität im Sinne von „für sich sein“ oder eine Meinung gegen die gesamte eigene Gruppe vertreten zu wollen nicht vertraut. „Wir genießen es, wenn möglichst viele in einem Raum zusammen schlafen oder wenn wir eine geschlossene Meinung vertreten“, sagen sie. „Wenn jemand dann ausschert, dann macht er doch nur unsere Gruppe kaputt." Alleinsein ist in Namibia ein Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. „Dann müssen wir helfen!“

Die deutschen Jugendlichen haben in Namibia einen engen Zusammenhalt in der Familie, bzw. was sich zu einer Familie zählt, kennen gelernt. Die Familie zählt mehr als Beruf, Karriere und Reichtum.

Häufiger Patchwork-Familien

Paarbeziehungen sind in Deutschland und Namibia sehr verschieden. Den deutschen Jugendlichen ist aufgefallen, dass es in Namibia viele „Patchwork-Familien“ gibt. Kinder aus verschiedenen Beziehungen des Mannes oder der Frau leben in der Familie mit. Oder eine Frau hat mehrere Kinder von verschiedenen Partnern, mit denen sie zeitweise zusammengelebt hat.

„Das kommt bei uns selbstverständlich auch vor“, sagen sie deutschen Jugendlichen, „aber in Deutschland sind Partnerschaften ,normalerweise' auf die Wahl eines Lebenspartners hin ausgerichtet. In dieser Hinsicht haben wir bei Euch außerhalb der Kirche eine große Offenheit und Toleranz für verschiedene Partnerschafts- und Familienformen kennen gelernt“, geben die deutschen Jugendlichen zu.

Sogar Nachbarn nehmen Waisenkinder auf

Sie sind alle zutiefst beeindruckt von der Bereitschaft vieler Familienangehöriger (Großeltern, Tanten, Onkels usw.), verwaiste Kinder von Angehörigen oder manchmal auch von Nachbarn aufzunehmen und mit aufzuziehen. „Das würden wir in Deutschland bestimmt nicht so machen!“, kritisieren die Deutschen die deutschen Verhältnisse, „da werden die Kinder in Heime abgeschoben!“

„Ihr geht untereinander respektlos miteinander um!“, sagen die namibischen Jugendlichen. Sie meinen damit, dass die deutschen Jugendlichen häufig kein Gespür für hierarchische Strukturen hätten. „Bei uns wäre es undenkbar, dass wir unseren Pfarrer oder die Pfarrerin ,einfach' duzen und ihn/sie wie einen von uns behandeln."

Wenigstens Pastor

„Aber der Kontakt zu den leitenden Personen ist dann doch viel unmittelbarer“, entgegnen die deutschen Jugendlichen. Die namibischen Jugendlichen geben zu, dass sie das ja auch ganz schön finden, aber trotzdem: Carsten ist immer noch Pastor Carsten und Valeria ist immer noch Pastor Valeria.

Von den namibischen Jugendlichen wurde ihr Nationalstolz betont. „We are proud to be Namibian!“ Das ist etwas Fremdes für die deutschen Jugendlichen, in so intensiver Weise stolz auf das eigene Land zu sein. Der Nationalstolz fördert Identifikation mit dem Land, in dem man lebt. „Unsere Identifikation mit Deutschland ist häufig indifferent (außer beim Fußball!)“, stellen die deutschen Jugendlichen fest.

Gäste sind Freunde

Die Gastfreundschaft der Namibier wurde angesprochen. Deutsche sind Fremden gegenüber meist reserviert eingestellt. Namibier freuen sich über Fremde und tun alles (das haben die deutschen Jugendlichen in den vergangenen drei Wochen hautnah zu spüren bekommen), um es den Gästen so angenehm wie möglich zu machen.

„Denn Gäste sind unsere Freunde“, sagen die Namibier, „wir wollen sie gut behandeln. So wie Abraham seine Gäste gut behandelte. In jedem Gast kann dir Gott begegnen. Deshalb geben wir alles, wenn ein Gast kommt. Deshalb ist ein gegenseitiger Besuch eine Gute Nachricht – Evangelium!“

 

 

 

 

CK / 12.07.2006

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Samstag, 15. Juli 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Samstag, 15. Juli 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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