Email aus Namibia

Schon mittags taumeln zwei Betrunkene vors Auto

„Sheebeen“ Dieses Wort begegnete uns allen bereits am ersten Abend unserer Namibia-Reise, als wir mit der Gouverneurin der Hardap-Region zusammentrafen. Sie sprach davon, dass es viele Probleme mit so genannten Sheebeens gebe.

Schlichte Hütte, die große Probleme auslöst oder fördert: Sheebeen. Schlichte Hütte, die große Probleme auslöst oder fördert: Sheebeen.

Die Regierung sei gerade dabei, rigoros gegen die Betreiber illegaler Sheebeens vorzugehen. An diesem Abend wusste ich weder, was ein Sheebeen ist, noch warum diese Einrichtungen hier anscheinend so große Probleme verursachen. Ich sollte es bald erfahren.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Auto durch Mariental und uns taumelten während der Mittagszeit völlig unvermittelt zwei Betrunkene im Stadtzentrum vor das Auto. Zum Glück ist nichts passiert. Als ich danach unseren Jugendleiter Joseph auf diesen Vorfall ansprach, sagte er, dass die beiden Betrunkenen bestimmt gerade aus einem Sheebeen kamen.

Zeit für eine kleine Erklärung. Was ist ein „Sheebeen“? „Sheebeen“ ist in Namibia der Ausdruck für das, was wir in Deutschland wahlweise als Diskothek oder Kneipe bezeichnen würden. Wie ich aber später aus erster Hand erfuhr, haben Sheebeens nichts mit Kneipen oder Bars, wie wir sie zum Beispiel aus Düsseldorf kennen, gemein. Die meisten Sheebeens sind notdürftig zusammen gezimmerte Wellblechhüten, aus denen in ohrenbetäubender Lautstärke afrikanisch klingende Rap-Musik schallt.

Armut zieht Alkoholismus nach sich

„Wo ist das Problem?“, werden Sie vielleicht jetzt denken. Ein amerikanischer Entwicklungshelfer, den wir in Aranos, einem der reicheren Orte im Kirchenkreis Mariental, trafen, formulierte es so: „Wo große Armut ist, dort scheint auch Alkoholismus ein besonders großes Problem zu sein.“ In der Tat verhält es sich so, dass viele Menschen in den besonders armen, meist ausschließlich von Schwarzen bewohnten Orten Namibias ihre Probleme im Alkohol ertränken.

Die Sheebeens versorgen die Menschen in diesen Ortschaften billig mit Alkohol und leisten so dem Alkoholismus Vorschub. Für etwa 15 namibische Dollar (etwa 1,50 €) bekommt ein Alkoholkranker hier etwa so viel harten Alkohol, um den Bedarf für eine Woche zu decken.

Das ist allerdings nur einer der Gründe, warum Sheebeens hier in Namibia so große Probleme verursachen. Viele zumeist junge Leute nutzen nämlich die Sheebeens auch als Kontakthof, um neue Partner für kurze Sexaffären zu finden. Da die jungen Leute, trotz der im Allgemeinen guten Sexualaufklärung, häufig wenig tun, um die Verbreitung von Sexualkrankheiten zu verhindern, wird auch durch die Sheebeens die Verbreitung der AIDS-Pandemie forciert.

Messerattacken und Morde

Außerdem gelten Sheebeens aufgrund des in großen Massen strömenden Alkohols auch als Orte, wo besonders häufig Messerattacken und sogar Morde vorkommen. Ich wurde daher vor meinem ersten Besuch in einem dieser Sheebeens gewarnt, dass ich aufpassen solle, dass ich nicht niedergestochen werde. Ich habe mich dennoch nicht entmutigen lassen und mir ist glücklicherweise nichts passiert.

Die Regierung weiß das natürlich alles. Sie versucht seit Ende der 1990er Jahre durch die Implementierung so genannter „Liquor Acts“, die unter anderem vorsehen, dass Sheebeens über Toiletten verfügen müssen, um eine Lizenz für den Alkoholausschank zu erhalten, dem Problem Herr zu werden. Die beiden Sheebeens in Maltahöhe und in Gibeon, die ich besucht habe, verstießen jedoch (wie wahrscheinlich Dutzende andere im Kirchenkreis Mariental) gegen diese Vorschriften.

Die Regierung ist mit ihren Versuchen, illegale Sheebeens zu schließen, deswegen so zaghaft, weil sie weiß, dass die Schließung von Sheebeens erstens nicht das Problem des Alkoholismus (und all die anderen, die dieser Problemkomplex fördert) löst und zweitens vielleicht sogar zusätzliche ungewollte Probleme schafft. Die hohe Arbeitslosenquote in weiten Teilen Namibias, die Perspektivlosigkeit für junge Leute und die ökonomische Inaktivität von großen Teilen der schwarzen Bevölkerung bilden auf der einen Seite zweifelsohne einen guten Nährboden für Alkoholismus, auf dem der geschäftliche Erfolg der Sheebeens beruht.

An der Stellschraube drehen

Auf der anderen Seite bieten Sheebeens auch Menschen eine Möglichkeit, durch das Betreiben eines kleinen Geschäftes ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Würde man alle Sheebeens oder eine große Anzahl von ihnen schließen, würde man vielen Menschen diese Perspektive nehmen. Das würde vielleicht neue Probleme schaffen und außerdem würde es Alkoholkranke nicht von ihrer Sucht heilen.

Warum schreibe ich das alles? Auf unserer Reise durch Namibia habe ich gemerkt, dass die Sheebeen-Problematik stellvertretend für viele größere Probleme steht, mit denen dieses Land zu kämpfen hat. Auf den ersten Blick scheint es so einfach, dieses Problem zu beseitigen. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sich durch Schritte in eine bestimmte Richtung möglicherweise viele neue Probleme auftun.

Die Probleme, für die Sheebeens zumindest teilweise verantwortlich sind, sind wie andere Probleme dieses Landes mit sehr vielen verschiedenen Bereichen verflochten und es ist sehr schwierig, durch das Drehen an einer Stellschraube ein Problem wie zum Beispiel den weit verbreiten Alkoholismus auszurotten.

 

 

 

 

Felix Kusch / 06.07.2006

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 11. Juli 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 11. Juli 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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