Passion (3)

Die Fastenzeit in der Familie gestalten

Für die Advents- und Weihnachtszeit gibt es in jeder Familie Rituale und Bräuche. Im Blick auf Ostern und erst recht auf die vorausgehende Passionszeit fehlen vielen Eltern lebendige Formen, die die Bedeutung dieser Zeit auch für Kinder plastisch machen.

So kann die so genannte Osterkrippe aussehen. So kann die so genannte Osterkrippe aussehen.

Ingo Baldermann, evangelischer Theologe und ehemaliger Professor für Religionspädagogik, ermutigt zur Wiederentdeckung und zum Neuerfinden verlorener Rituale. Den Einwand, man könne doch Kinder nicht mit Leiden und Tod konfrontieren, mag er angesichts allgegenwärtiger Schreckensmeldungen in den täglichen Nachrichten nicht gelten lassen. Gerade an der Leidensgeschichte Jesu, so argumentiert er, könne auch Kindern deutlich werden, dass Jesus das Leiden nicht fremd sei und dass es Leben ohne Leid nicht gibt.

Zwei Vorschläge für die Dose

Wer Ostern feiern will, sollte die Passionszeit nicht übergehen. Schon jüngere Kinder lassen sich in der mit dem Aschermittwoch einsetzenden Fastenzeit durchaus dafür gewinnen, für begrenzte Zeit etwa auf Süßigkeiten verzichten. Schleckereien, die dennoch ins Haus kommen, können in einer Fastendose aufbewahrt werden.

Auch mit einer zweiten Dose lassen sich gute Erfahrungen machen: mit der „Fastenopfer-Dose“, in die das Geld wandert, das durch den Verzicht auf bestimmten Luxus gespart wird. Zum Auftakt der Fastenzeit kann der Familienrat beraten, wohin das Geld gehen soll. So hat einmal eine Familie einer Nachbar-Familie geholfen: Sie hatte hohe Fahrtkosten, weil eines ihrer Kinder nach einem Unfall lange im Krankenhaus lag.

Der „Fastenbaum“ sammelt Kummer und Freude

Ein aufgemalter „Fastenbaum", auf den alle Familienmitglieder je nach Anlass „Kummerblätter“ oder „Freudenfrüchte“ kleben, ist eine weitere Möglichkeit, die Fastenzeit bewusst zu erleben. Er kann helfen, das eigene Leben und das, was in der nahen und fernen Nachbarschaft an Schlimmem und Schönen geschieht, aufmerksam wahrzunehmen. Am Karsamstag kann die Familie dann gemeinsam Rückblick halten, ehe man gemeinsam die Wohnung österlich schmückt.

Eine Art Osterkrippe bauen

Eine andere Idee: ein fest verabredeter bildschirmfreier Abend pro Fastenwoche. An diesem Abend könnte man dann zum Beispiel miteinander spielen, vorlesen oder einfach reden. Mit jüngeren Kindern kann man in der Karwoche etwa mit Bauklötzen oder Legosteinen eine Art Osterkrippe bauen. Die Stadtmauern von Jerusalem mit der Straße, auf der Jesus nach Jerusalem einzog, das Kreuz auf Golgatha, das Felsengrab. So kann das Geschehen, über das man gemeinsam in einer Kinderbibel noch einmal informiert, anschaulich gemacht werden.

Mit Heranwachsenden zum Beispiel über Entwicklung reden

Wer heranwachsende Kinder zur Fastenzeit motivieren will, sollte begründen können, wozu und womöglich für wen der Verzicht gut ist. Auf Dialog und Denkarbeit in der Familie setzt deshalb Diplompädagoge Hannspeter Schmidt. Gemeinsam mit Heranwachsenden Themen wie „Globalisierung oder Lebensstandard bei uns in der Dritten Welt“ zu bearbeiten, hält Schmidt für ein gutes Familienprojekt in der Fastenzeit. Schmidt: „Warum sich nicht im Internet oder in den Medien informieren und nach Konsequenzen für den eigenen Lebensstil fragen, die zumindest in den nächsten Wochen erprobt werden könnten?“

Wenn es gelingt, deutlich zu machen, „weniger für uns bedeutet mehr für andere“, könnte das eine Motivationshilfe sein für einen begrenzten zeitlichen Verzicht zugunsten eines gemeinsam ausgewählten Entwicklungshilfeprojektes. Keinesfalls solle das Thema Ernährung zum alleinigen Fokus des Fastens gemacht werden. Denn dafür gebe es bei Jugendlichen schon zu häufig Essstörungen, so Schmidt.

Zwischen Überforderung und Faszination

Außerdem macht Schmidt Mut, mit Jugendlichen auch das Thema Fasten in biblischen Texten und als christliche Tradition anzusprechen. Wenn auch nicht überfordernd. Die Mutter eines 15-Jährigen hat die Erfahrung gemacht: „Erst als ich mit Christian über Sinn und Unsinn der Fastenzeit wirklich diskutiert habe, habe ich gemerkt, dass ich mich selbst noch mal mit den Grundlagen befassen muss.“ In ihrer Familie gehörte Süßigkeitenfasten in der Passionszeit seit langem zum selbstverständlichen Jahresrhythmus.

Noch vor einem Jahr hat der Sohn auf die Frage, warum er mitmacht, geantwortet: „In der Passionszeit hat Jesus gelitten, da kann ich doch mal auf Süßes verzichten.“ In diesem Jahr finde er es „blöd“, anderen in seiner Klasse zu erklären, weshalb er denn vor Ostern Apfelringe statt Snickers kaut. Nun ist er froh, wenn niemand ihn fragt.

Eine Scheu, die Eltern laut Hannspeter Schmidt ruhig respektieren sollten. Das Gefühl, die eigene christlich geprägte Familienkultur nach außen tragen oder verteidigen zu müssen, könne Jugendliche überfordern. Oder faszinieren. Ein 17-Jährige sagt: „Meine Freundinnen finden es sogar richtig gut, dass es bei uns in der Fastenzeit irgendwie besonders ist.“

Lesetipps

  • Ingo Baldermann: Fürchtet euch nicht. Die Passions- und Ostergeschichte für Kinder, 64 Seiten, 14,90 Euro, Patmos Verlag, 2003
  • Michael Jahnke (Hg.): Dornenkrone, Osterfeuer und ein leeres Grab. Mit Kindern Ostern erleben, 48 Seiten, 9,90 Euro, Aussaat Verlag, 2005
  • Edda Reschke: Auf dem Weg zum Ostermorgen, Mit Kindern Fastenzeit und Ostern erleben
    128 Seiten, 12,40 Euro, Lahn-Verlag, 2000

 

 

 

Karin Vorländer / 20.02.2007

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 15. Februar 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 20. Februar 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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