Freiwilliges Soziales Jahr

"Mit ist wichtig, gebraucht zu werden"

„Verwirrte Menschen registrieren nicht alles und können sich oft nicht klar äußern.“ Und damit muss Maria Stritzel umgehen. Schließlich arbeitet die junge Frau – sie ist 18 Jahre alt – im Itzel-Sanatorium in Bonn, einem Haus für Demenzkranke

Ein Jahr mit Demenzkranken: Maria Stritzel (l.) und Inesa Halavanava. Ein Jahr mit Demenzkranken: Maria Stritzel (l.) und Inesa Halavanava.

Maria Stritzel, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr im Itzel-Sanatorium macht, beschreibt ihren Umgang mit Patientinnen und Patienten so: „Wie ich es für mich selbst als richtig empfinde, so mache ich es für Andere.“

Seit zehn Jahren besteht dieses Haus für desorientierte Menschen. Das Projekt der Itzel-Stiftung, vom Collegium Augustinum in München betrieben, genießt den Ruf einer anerkannten Modelleinrichtung. Mit einem Festgottesdienst in der evangelischen Kirche Oberkassel und dem Sommerfest wurde dieses Jubiläum gefeiert.

 

 

Anregung: Die Clownin bewegt die Demenzpatientinnen und -patienten. Anregung: Die Clownin bewegt die Demenzpatientinnen und -patienten.

In einem großen Park am Rhein sind in drei Gebäuden Appartements für 55 Demenzkranke und die notwendigen Verwaltungs- und Wirtschaftsräume untergebracht. Am Rande des Parks neben der Gymnastikhalle leben die maximal acht „Philas“ und Philus“, wie die jungen Frauen und Männer heißen, die in einer der vielen Einrichtungen des Collegium Augustinum ihr Freiwilliges Soziales Jahr leisten. Der ungewöhnliche Name bezieht sich auf den stilisierten griechischen Buchstaben Phi im Logo des Augustinum. Er steht am Anfang des Wortes Philadelphia, das übersetzt Zuwendung zum Mitmenschen bedeutet.

Für die jungen Freiwilligen ist es in vieler Hinsicht ein intensiver Start ins Erwachsenenleben. Neben dem nicht immer ganz unkomplizierten Miteinander in der Wohngemeinschaft müssen sie lernen, sich in den Arbeitsablauf einzufügen. Und sie müssen beim Waschen und Versorgen der Betreuten mitmachen.

 

Zwischen Leid und Heiterkeit: Venezianischer Karneval im Bonner Itzel-Sanatorium. Zwischen Leid und Heiterkeit: Venezianischer Karneval im Bonner Itzel-Sanatorium.

Für die 22-jährige Inesa Halavanava aus Minsk in Weißrussland ist die Zeit schon fast zu Ende. Als 20-Jährige beendete sie ihre Ausbildung als Musiklehrerin und wusste nach kurzer Berufstätigkeit, dass sie eine andere Perspektive brauchte. Sie hat ein Jahr als Au-pair-Mädchen in einer Familie in Berlin gearbeitet, um Deutsch zu lernen. „Die Arbeit mit Kindern und den alten, verwirrten Menschen hier hat viel Ähnlichkeit.“

Im August 2002 hatte Inesa Halavanava dann in einem dreitägigen Praktikum ausprobiert, ob sie im Itzel-Sanatorium das ganze Jahr arbeiten wollte. „Zuerst war ich geschockt“, erinnert sich die junge Frau. „Ich konnte mir nicht vorstellen, einen alten Menschen zu waschen und anzuziehen. Aber ich wollte es unbedingt.“ Inzwischen ist sie sich sicher: „Ich habe viel bei dieser Arbeit gelernt. Für mich ist es wichtig, gebraucht zu werden.“

Maria Stritzel nickt zustimmend. Nach einer Orientierungsphase hat die 18-Jährige diesen Weg für sich gefunden. Ihre Suche führte über verschiedene Praktika im Drogeriemarkt, bei einem Friseur und in einem Kinderhort zu dem Entschluss, im sozialen Bereich zu arbeiten. Nach ihrem dreiwöchigen Praktikum will sie sich mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr die Grundlage für eine Altenpflegeausbildung schaffen.

Viele Ideen, um den Tag gut zu bewältigen

Auf die Frage, ob es für sie als junge Frau nicht schwer sei, die Veränderung und den Verfall der Persönlichkeit demenzkranker Menschen anzusehen, meint sie: “Das Praktikum war für mich sehr wichtig um zu wissen, ob ich es schaffe, ob es mir nicht zu sehr zu Herzen geht.“ Es erfordere großen Ideenreichtum mit diesen Menschen, die in einer anderen Wirklichkeit leben, jeden Tag gut zu bewältigen.

Ähnlich Inesa Halavanava: „Jeder Mensch ist hier jeden Tag anders. Man muss seine Kreativität einbringen und den Umgang damit finden.“ Eine 93-jährige Frau ist seit fünf Monaten hier. „Am Anfang hat sie viel gesprochen, gelacht und ist herumgelaufen. Sie hat sich seitdem sehr verändert und sich zurückgezogen.“ Wie sehr die Wahrnehmung der Realität von Bewohnerinnen und Bewohnern auseinanderdriftet, zeigt eine Umfrage eines lokalen Radiosenders; ein Beispiel: „Hier ist ein gut geführtes Hotel, wir sind im großen Speisesaal und in Nordrhein-Westfalen“.

Grundlage des Pflegekonzeptes im Itzel-Sanatorium ist es, jede Bewohnerin und jeden Bewohner zu lassen, wie sie sind. Das ist in der Praxis nicht immer ganz einfach. Heimaufsicht und Pflegeversicherung verlangen Tagespläne mit festen Strukturen, die den Bedürfnissen der demenzkranken Menschen oft entgegenstehen. Anne Hartmann, die Leiterin des Hauses: „Zu Hause schreibt man ja auch nicht alles auf, und hier ist das letzte Zuhause. Die Zeit fürs Aufschreiben geht den Bewohnern verloren.“

Einmal in der Woche kommt die Clownin

In der Rolle als Vermittlerin zwischen Leid und Heiterkeit des Lebens tritt einmal in der Woche, zur Freude von Personal und Kranken, Clownin Charlotte im Itzel-Sanatorium auf. Ihre Arbeit gehört, wie die wöchentlichen Andachten des evangelischen Pfarrers Helmut Hofmann, zum besonderen Konzept dieses Hauses – den Demenzkranken Anregung und zugleich Geborgenheit zu bieten.

„Die Philas und Philus bringen viel menschliches, junges und unbekümmertes Potenzial ein. Manchmal auch Konflikte mit Mitarbeiteinnen und Mitarbeitern, weil viele ihrer Ideen an den Rahmenbedingungen scheitern“, sagt die 43-jährige Leiterin des Hauses. Mit einer Supervisionsgruppe werden die jungen Menschen während des Jahrs, das durch eine Auseinandersetzung mit Sterben und Tod geprägt ist, begleitet.

Die Philas Maria Stritzel und Inesa Halavanava sind sich einig, dass ein großer Wert dieser Arbeit in der menschlichen Resonanz liegt. Und sie sind sich sicher, dass die Arbeit sie für ihr weiteres Leben prägen wird.

Kontakt: Itzel-Sanatorium, Julius-Vorster-Straße 10, 53227 Bonn-Oberkassel, Telefon 0228/97050

ReH

 

 

04.09.2003

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 28. August 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 4. September 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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