Sterbebegleitung

"Sehr viel Lebendigkeit ausgelöst“

Die Kaiserswerther Diakonie hat sich intensiv mit Fragen der Sterbebegleitung auseinander gesetzt. Inzwischen ist sie auf dem besten Weg zu einer "Palliativen Kultur" in all ihren Arbeitszweigen

Mit Kerze und Kreuz: Die Kaiserswerther Diakonie hält jetzt sogenannte Laden bereit. Mit Kerze und Kreuz: Die Kaiserswerther Diakonie hält jetzt sogenannte Laden bereit.

Schon von Weitem zieht der gotische Bogen in Bann. Am Kopf des Flurs im ersten Untergeschoss des Florenz-Nightingale-Krankenhauses der Kaiserswerther Diakonie hängt das Gemälde von Ulrike Mann. Und je näher man dem Bild kommt, desto deutlicher schälen sich Helligkeitsstufen im Gelb in der Mitte des Bogens ab. In dieser Tiefe zeichnen sich schließlich Kreuze ab.

Das Bild hängt noch nicht lange. Und der Flur ist erst seit kurzem neu angestrichen. Und vor allem sind die Müllsäcke weggeschafft worden, erzählt Pfarrer Hans Bartosch. Erst im Zuge des Projekts „Palliative Versorgung/Sterbebegleitung“ in der Kaiserswerther Diakonie kam die Farbe in das erste Untergeschoss. Schließlich ist dies der „Weg zu den Toten“, werden die Menschen, die im Krankenhaus sterben, zuletzt hier herunter gebracht.

 

Nicht nur die Geräte: Ein menschlicher Umgang mit Sterben und Tod ist das Anliegen des Palliativ-Prozesses. Nicht nur die Geräte: Ein menschlicher Umgang mit Sterben und Tod ist das Anliegen des Palliativ-Prozesses.

Es geht um mehr als frische Farbe: Untergliedert in sieben konkrete Projekte und angeleitet vom Wiener Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) hat sich die Kaiserswerther Diakonie ganz grundsätzlich mit dem Thema Palliative Care auseinandergesetzt. Alle Einrichtungen – vom Krankenhaus über die Aus- und Fortbildung, die Altenheime, die Schwesternschaft – haben konzertiert und über rund zwei Jahre hinweg an einem gemeinsamem Profil im Umgang mit sterbenden Menschen und ihren Angehörigen gearbeitet.

Wenige Schritte weiter im Flur befindet sich der „Raum für Angehörige“. Dieser Aufbahrungsraum, in dem Angehörige Abschied nehmen können, ist inzwischen „vorzeigbar umgestaltet“, wie es im Projekt-Abschlussbericht heißt. Ein Parament hängt an der Wand. Und demnächst wird die Fensterfront durch ein farbiges, künstlerisch gestaltetes Glas ersetzt. Auch das steht im Abschlussbericht: „Vom Thema Sterben ging für die Kaiserswerther Diakonie ein Vitalisierungsimpuls aus, es hat sehr viel Lebendigkeit ausgelöst.“

 

Natürlicher Bestandteil: Selbstverständlich werden die Patientinnen körperlich gut versorgt. Natürlicher Bestandteil: Selbstverständlich werden die Patientinnen körperlich gut versorgt.

Die Umgestaltung von Aufbahrungsraum und Flur dorthin gehört zum Teilprojekt „Rituale“. Weiteres augenfälliges Ergebnis aus diesem Feld: die so genannte „Lade“. Mittlerweile besitzt jede Station und jeder Wohnbereich ein Exemplar dieser von der Hausschreinerei gezimmerten Holzbehältnisse. Kerzen und Streichhölzer, ein besticktes Tuch, ein hölzernes Kreuz: Wenn heute jemand stirbt, gibt es die Möglichkeit, auf dem Nachttisch das Tuch zu entfalten, die Kerze zu entzünden, das Kreuz hinzulegen. Neu sind auch die vierteljährlichen Gedächtnisgottesdienste, zu denen inzwischen 70 bis 120 Angehörige kommen, wie Pfarrer Bartosch berichtet

Noch nicht realisiert ist das Projekt Palliativstation. Oft verschoben, ist nun immerhin ein wichtiger Schritt passiert: Sechs Betten sind im Krankenhausbedarfsregister nun eingetragen, so dass die Sache vorangehen und diese Fachstation zur Schmerzlinderung möglicherweise noch im Winter realisiert werden kann.

Als eines der ersten Krankenhäuser in Deutschland hat das Florence-Nightingale-Krankenhaus eine „Ethikberatung“ eingeführt. Dieses Besprechungsmodell für Konfliktfälle existiert nicht nur seit Anfang des Jahres 2003, sondern wurde ab Juli auch in der Altenhilfe gestartet. Sechs Beratungen habe es bislang gegeben, so Pfarrer Bartosch – der Krankenhausseelsorger ist keineswegs derjenige, der die Beratungen zu bewerkstelligen hat. Vielmehr haben sich neun Personen aus den verschiedenen Berufszweigen zu Moderatoren ausbilden lassen.

Angemessene Versorgung von Menschen am Lebensende

Beantragen kann jeder und jede Mitarbeitende eine solche Ethikberatung, die auf eine halbe Stunde angelegt ist. Einmal sei es um den Umgang mit einem Patienten gegangen, der sein Sprachvermögen verloren hatte. Mehrheitlich wurde die Beratung in Fragen der angemessenen Versorgung von Menschen am Lebensende beantragt, so Bartosch.

Er sagt: „In der Regel hat es vorher geknallt, um ehrlich zu sein.“ Im Krankenhaus gehe es um so viel, da gebe es häufig Konflikte. Und die Ethikberatung helfe, eine Patientin oder einen Patienten möglichst gut zu verstehen. Aus Sicht des Seelsorgers haben die Ethikberatungen die Atmosphäre geändert: „Es wird sehr viel offener über ethische Fragen gesprochen – mit weniger Scham und Scheu.“ Und das ist gut so: „Es geht um den Ernstfall von Patientenzufriedenheit“ – und letztlich um die Frage nach dem Nächsten.

Angehörigenarbeit, verbesserte Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen – insbesondere aus der Hospizbewegung – sowie Einbeziehung des Themas in die Kaiserswerther Aus- und Fortbildungen sind drei weitere Projekte gewesen. Sichtbar auch die Ergebnisse im Umgang mit dem Tod am Lebensbeginn. 1200 Geburten gibt es im Jahr in Kaiserswerth – aber auch fünf bis sechs Todesfälle. Hebammen und Kinderkrankenschwestern drängten auf sensibleres Verhalten. Heute gibt es ein „Moseskörbchen“, fein mit Stoff ausgelegt. Darin können die Eltern ihr Kind noch einmal anschauen, sagt Bartosch. Und darin kann der kleine Leichnam auch nach unten in die Aufbewahrung getragen werden. Und: Mittlerweile sind neun Babys an der neu eingerichteten Kindergrabstätte in Kaiserswerth beigesetzt. Heute wird auch „kein noch so kleines Kind per Sondermüll entsorgt“. Die Anlage der Kindergrabstätte bewertet Bartosch  als „wichtigen Baustein“ von Palliative Care.

Medizin, Pflege, Sozialarbeit und Seelsorge berührt

Der Seelsorger und Projektleiter verwendet den englischen Begriff Palliative Care gern. Schließlich stehe das Wort Care für alle vier entscheidenden Bereiche: Medizin, Pflege, Sozialarbeit und Seelsorge. Gleichzeitig bindet sich die Diakonie mit dieser Begriffswahl an die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation/WHO zur „ganzheitlichen Versorgung“ von schwerkranken Patientinnen und Patienten.

Beziffern kann Bartosch die Kosten für das Projekt Palliative Care nicht. Aber das ist klar: „Es hat unendlich viele Sitzungs- und Arbeitsstunden gekostet.“ Und durch die Erweiterung auf die Organisationsentwicklung mit Hilfe des IFF sowie Ausgaben beispielsweise für die Laden und die Moderationsschulung kam einiges zusammen. „Die Kaiserswerther Diakonie hat sich das was kosten lassen.“ Dass sich das Projekt Palliative Care – das übrigens auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin vorgestellt wurde - gelohnt hat, ist sich der Projektleiter sicher. „Qualität überzeugt.“

Aus Sicht von Pfarrerin Cornelia Coenen-Marx, der Leiterin der Kaiserswerther Diakonie, war der Palliative-Care-Prozess identitätsstiftend, interdisziplinär und praxisnah, hat Synergien und Dialog im Werk geschaffen. Weil er nicht von oben aufgesetzt, sondern von so vielen Mitarbeitenden getragen wurde, weil er „so viele praktische Ergebnisse – vom Fötenfriedhof bis zur Lade“ erbracht hat, deshalb sei er so gelungen.

Sehr ambitioniertes Ziel

Nicht, dass es nicht im einzelnen Kritik gibt. Der Prozess sei stark krankenhausbestimmt gewesen, die Beteiligung von Alten- und Behindertenhilfe, Sozialpädagogik und Bildung dagegen „an einigen Stellen gar nicht gelungen“, heißt es im Abschlussbericht. Das Kaiserswerther „Flaggschiff“ Florence-Nightingale-Krankenhaus sei geradezu „dominant“ gewesen, steht dort auch. Das muss gesehen werden, weil es doch um das „sehr ambitionierte Ziel“ ging, für das gesamte Diakoniewerk eine „palliative Kultur“ zu entwickeln. Deshalb war es so wichtig, alle Professionen zusammen zu bringen.

Immerhin: Rund zweihundert Menschen – von 1800 Mitarbeitenden – haben sich an dem Prozess beteiligt. Damit sei das Projekt wie gewünscht „von unten“ getragen und die Resonanz „bemerkenswert“. Diese Erfolge dürften auch daran liegen, dass der Prozess mit einer Befragung aller Mitarbeitenden gestartet war. Und so steht nun im Abschlussbericht: „Von einer palliativen Kultur zu sprechen, wäre vielleicht etwas verfrüht. Der Grundstock für einen Paradigmenwechsel wurde jedoch gelegt.“

Die nächsten Schritte: An der Kindergrabstätte auf dem Kaiserswerther Friedhof soll es zukünftig eine Stele geben. Die Ethikberatung soll für Angehörige geöffnet werden. Und in dem vor einem Jahr begonnenen Qualitätsmanagement-Prozess in Kaiserswerth werden die Arbeiten aus dem Bereich Palliative Care einbezogen.

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08.09.2003

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 29. August 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 8. September 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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