Kirche und NS-Zeit

"Einzig wegen des Zeugnisses Christi"

Am 24. November jährt sich sein Todestag zum 60. Mal: Pastor Helmut Hesse (1916-1943) starb im Konzentrationslager Dachau

Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und christlichem Glauben: Helmut Hesse. Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und christlichem Glauben: Helmut Hesse.

 

Nicht mehr länger ertragen, zu den Judenverfolgungen zu schweigen: Dies Foto Helmut Hesses stammt aus dem Jahr 1935. Nicht mehr länger ertragen, zu den Judenverfolgungen zu schweigen: Dies Foto Helmut Hesses stammt aus dem Jahr 1935.

Im Gegensatz zur katholischen Praxis verdrängen Protestanten die Märtyrer aus ihrem Bewusstsein. Während Paul Schneider und Dietrich Bonhoeffer sogar in katholische Martyrologien aufgenommen wurden, haben wir offenbar Probleme, uns zu den Blutzeugen christlichen Glaubens als Vorbilder zu bekennen. Das fällt besonders im Blick auf den jüngsten evangelischen Märtyrer des "Dritten Reiches", Pastor Helmut Hesse aus Elberfeld, auf.

In älteren Geschichts- und Gedenkbüchern an den Kirchenkampf und Widerstand würdigten Wilhelm Niemöller, Bernhard Heinrich Forck, Annedore Leber und andere Hesse als Märtyrer der Bekennenden Kirche. Herwart Vorländer fand in seinem Buch "Kirchenkampf in Elberfeld" diese "Vereinnahme" als problematisch, weil Hesse sich durch seine Kompromisslosigkeit selber aus der Bekennenden Kirche ausschlossen habe.

Im soeben erschienenen Buch der fast 200 sogenannten "Scharfen Gegner" in der Rheinprovinz, wird Helmut Hesse nur im Artikel über seinen Vater kurz und auch noch falsch erwähnt. Von kompetenter Seite wurde sogar die Meinung vertreten, es genüge, stellvertretend für alle Paul Schneiders zu gedenken. Macht Hesse es uns so schwer oder verleugnen wir ihn, weil sonst die Kompromisse der Bekennenden Kirche in dieser Zeit zur Sprache kommen müssten?

Von pietistischer Frömmigkeit geprägt

Helmut Hesse, geboren am 11. Mai 1916, wuchs in einer Familie auf, die von pietistischer Frömmigkeit geprägt war. Die Position des Vaters, Pastor D. Hermann Hesse, brachte es mit sich, dass bei den Hesses über den Kirchenkampf in der NS-Zeit lebhaft diskutiert wurde. So war bereits dem Gymnasiasten die Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und christlichem Glauben bewusst.

Obwohl er naturwissenschaftlich begabt war, entschied er sich wie seine drei Brüder für den Beruf des Pastors: "Wenn ein Schiff in Not gerät, gehören alle Mann an Deck!" Ab Wintersemester 1935 studierte er Theologie und legte das erste Examen vor der Prüfungskommission der rheinischen Bekennenden Kirche im Frühjahr 1940 ab.

Als er sich nach dem Vikariat im September 1941 zum zweiten theologischen Examen meldete, kam es zu dem schweren Konflikt, der die letzten beiden Jahre seines kurzen Lebens überschattete. Helmut Hesse war nämlich nur bereit, die Prüfung vor der Bekennenden Kirche abzulegen. Doch nach der Verhaftung der Berliner BK-Prüfungskommission im Mai 1941 stellte auch die rheinische ihre Arbeit ein und verwies die Kandidaten an andere Landeskirchen.

Kritik an der Leitung der BK

Der Vikar schrieb seinem Vorgesetzten: "Die Bekennende Kirche muss vor diesem Irrweg umkehren und nicht mehr ihr Handeln bestimmen lassen durch menschliche Berechnungen der Gefahr, sondern durch den Glauben an Gottes Wort." Die Kritik an der Leitung der Bekennenden Kirche, die in dieser Zeit immer weiter von dem klaren Weg von "Barmen" und "Dahlem" abwich, teilte Hesse mit vielen anderen "Illegalen".

Mehr als 700 junge Theologen und Theologinnen lehnten es bis zuletzt ab, die Konsistorien als Kirchenleitung anzuerkennen. Die größte Gruppe von ihnen - über 240 - kam aus der Rheinprovinz. Berliner hatten die Idee, sie in einer "Kirchlichen Arbeitsgemeinschaft" zu sammeln, um sich zu beraten und zu stärken. Als Leiter gewannen sie Pastor D. Hesse, einen der wenigen älteren BK-Pastoren, die ebenfalls unbedingt an "Barmen" und "Dahlem" festhielten.

An der konstituierenden Tagung im Januar 1943 konnte D. Hesse nicht teilnehmen, weil die Gestapo ihm verbot, Berlin zu betreten. Helmut verlas das Referat seines Vaters, in dem alle die Punkte aufgelistet waren, in denen es Differenzen gab. Hans Asmussen warnte vor den opponierenden "jungen Brüdern": Es sei "Revolution in Permanenz", wenn sie sich anmaßten, das "Notrecht" gegen die Leitung zu proklamieren.

Faktisch der Gestapo preisgegeben

Nach langen, vergeblichen Auseinandersetzungen mit der rheinischen Prüfungskommission bat Helmut Hesse das Bekenntnispresbyterium in Elberfeld, ihn zu visitieren und zu ordinieren. Sechs Tage nach der Ordination strich die rheinische Bekennende Kirche ihn am 17. April 1943 von der Kandidatenliste. Weil Hesse konsequent auf dem Weg von "Barmen" und "Dahlem" blieb, wurde er ausgeschlossen. Er hatte sich keineswegs selber ausgeschlossen. Er wurde faktisch der Gestapo preisgegeben und zugleich aus dem Gedächtnis der Kirche gestrichen.

Bei der Tagung im Januar 1943 in Berlin wurde besonders darüber gesprochen, wie die illegale Hilfe für rassisch Verfolgte intensiviert werden könne. Helmut Hesse half ihnen seit langem. In einer Zeit, in der die Mehrheit der Deutschen den Massenmord an Juden tolerierte, indem sie dazu schwieg, versuchte Hesse, die Gemeinde an ihre Verantwortung zu mahnen.

Es ist auffällig, dass er bevorzugt über Texte aus dem Alten Testament predigte. Dabei parallelisierte er das Schicksal des Volkes Israel mit der Kirche. So bekamen die Predigten eine politische Dimension, die für den Prediger selber lebensgefährlich wurde. In der letzten Ansprache vor seiner Verhaftung erklärte er: "Als Christen können wir es nicht mehr länger ertragen, dass die Kirche in Deutschland zu den Judenverfolgungen schweigt... Sie darf nicht länger versuchen, vor dem gegen Israel gerichteten Angriff sich selbst in Sicherheit zu bringen. Sie muss vielmehr bezeugen, dass mit Israel sie und ihr Herr Jesus Christus selbst bekämpft wird."

Zusammen mit dem Vater verhaftet

Zwei Tage später, am 8. Juni 1943, wurden Vater und Sohn Hesse verhaftet. Im Gefängnis begrüßte der leitende Beamte sie mit: "Euch Schweine müsste man an die Wand stellen." Helmut Hesse wurde vorgeworfen, im Gottesdienst die Namen verhafteter Christen verlesen und für die Umkehr der antichristlichen Mächte gebetet zu haben, für die Juden fanatisch einzutreten und ein "politischer Hetzer" zu sein.

Obwohl er seit dem Arbeitsdienst an einer Niereninsuffizienz litt, wurden ihm die Verlegung in ein Krankenhaus und Medikamente verweigert. Nach fünf Monaten Einzelhaft, in denen er zum Skelett abgemagert und nicht lagerfähig war, wurden Vater und Sohn am 13. November ins Konzentrationslager Dachau überführt. Dort starb Helmut Hesse in der Nacht zum 24. November 1943. Er war froh, "einzig wegen des Zeugnisses Christi" gefangen zu sein. Weil er dafür das Martyrium nicht scheute, starb er für die Zukunft des Humanums, für das Leben.

                                                                                                            Hartmut Ludwig

 

 

14.11.2003

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 13. November 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 23. August 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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