Weihnachtspredigt 2005

Präses Nikolaus Schneider

Predigt von Präses Nikolaus Schneider am Heiligen Abend in der Johanneskirche zu Düsseldorf über Jesaja 9, 1-6

Liebe Gemeinde,

„Höret, ihr Himmel, und Erde, horch auf, denn Gott, der Ewige, redet!,“ so rief der Prophet Jesaja vor fast dreitausend Jahren seine befreiende Botschaft dem in Finsternis wandelnden Gottesvolk zu.

„Höret, ihr Himmel, und Erde, horch auf, denn Gott, der Ewige, redet!“, das ist auch der Anfang und der Grund für die Weihnachtsbotschaft im Jahr 2005 nach Christi Geburt. Denn Gott, der Ewige, redet auch heute und hier, auch in der Johanneskirche, auch in meine und deine Finsternis, auch in die Dunkelheiten unserer gegenwärtigen Welt.

„Höret, ihr Himmel, und Erde, horch auf, denn Gott, der Ewige, schenkt uns sein Wort:
Gott ist für uns – auch wenn wir uns von ihm abwenden!
Gott ist mit uns – auch wenn wir unser Leben ohne ihn planen und gestalten!
Gott ist neben uns – auch wenn wir uns in unseren Dunkelheiten verirren!
Gott ist bei uns – auch wenn Angst, Verzweifelung und Ohnmacht uns beherrschen!

„Höret, ihr Himmel, und Erde, horch auf:
Gott, der Ewige, gibt seine Menschenkinder nicht auf! Gott wendet sich seinen Menschenkindern in ihrer Finsternis, in den Dunkelheiten ihrer Welt zu!

Der Prophet Jesaja sah sein Volk im Finstern wandeln, weil es sich von Gottes Wort abgewandt hatte. Habsucht und egoistische Genusssucht, Wucherökonomie und Ausbeutung, Eliten, die nicht das Gemeinwohl, sondern nur die eigene Karriere und die Vermehrung ihres Besitzes im Auge hatten, Priester, die nicht Gott dienten, sondern nur den Reichen und Mächtigen nach dem Munde redeten, das waren die Dunkelheiten, in die hinein die alttestamentlichen Propheten ihre Botschaften sprachen. Die Gottesworte der Propheten sollten gleichsam Lichtpunkte in diese durch Gottesferne verursachten Dunkelheiten setzen. Sie sollten ermutigen zu Neuanfang und Umkehr, sie sollten heilsame und von Gottes Gegenwart gesegnete Zukunft eröffnen.

Hören wir auf die alten Gottesworte des Propheten Jesaja, auf dass auch wir Zukunftslichter für unsere Dunkelheiten gewinnen:
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.

Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, der durch Blut geschleift wird, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth!

Liebe Gemeinde, König Ahas hatte nicht auf die Gottesworte des Propheten Jesaja gehört. Assyrien hatte Israel erobert. Jesaja sieht in dem Israel widerfahrenen Unheil die Hand Gottes am Werk. Aber für den Propheten ist Unheil niemals das letzte Wort Gottes. Gott, der Ewige, gibt sein Volk nicht auf, auch wenn sein Volk ihm nicht treu ist. In seiner Liebe und Barmherzigkeit lässt Gott seine Menschenkinder nicht los, auch wenn er sich kurzzeitig abwendet. Gott, der sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat, dieser Gott wird auch jetzt sein Volk aus der Fremdherrschaft und aus der Finsternis der Gottesferne befreien. Der Eifer des Herrn Zebaoth, die feurige Liebe des Herrn, unseres Gottes, wird es vollbringen:

Ein Licht wird unsere Finsternis erhellen!
Depression und Verzweifelung werden von uns weichen!
Großer Jubel und überschwängliche Freude werden uns erfüllen!
Unsere Fesseln werden gesprengt, unsere Unterdrücker machen sich davon!
Unrecht und Gewalt haben keine Macht mehr über die Menschen!

Denn:
Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben!
Gott versöhnt sich in der befreienden Zukunftsvision des Propheten Jesaja mit seinem Volk durch die Geburt eines Kindes, durch die Geburt des messianischen Königs. In diesem zukünftigen Kind und König sind für Jesaja alle Hoffnungen und Sehnsüchte seines Volkes aufgehoben und erfüllt. In diesem Kind sind all die leidvoll erfahrenen Widersprüche unserer Realität aufgelöst und versöhnt:

Dieses Königskind verkörpert und garantiert große Macht und dabei zugleich ewigen Frieden!
Dieses Königskind stärkt und stützt seinen Machtbereich durch Recht und Gerechtigkeit!
Und dieses Königskind wird sich zu einem Herrscher entwickeln, der alle unsere kleinen und großen Probleme wunderbar löst, den wir anbeten, bewundern und verehren, aber auch zugleich vertrauen und lieben können: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst!

Jesaja hat mit dieser Vision von der Geburt des messianischen Königs seinem Volk Lichtpunkte und Zukunftshoffnung in der Finsternis von Fremdherrschaft und Gottesferne geschenkt. Achthundert Jahre später nehmen Lukas und Johannes diese Vision auf, aktualisieren und radikalisieren sie in ihrer Weihnachtsbotschaft:
„Höret, ihr Himmel, und Erde, horch auf, denn Gott, der Ewige, schenkt sich uns selbst in seinem lebendigen Wort Jesus Christus!“
Jesus Christus, als Kind in Bethlehem geboren, scheint als Licht in der Finsternis der ganzen Welt!
Das Wort Gottes nahm Menschengestalt an und wohnte unter uns Menschen. Das lebendige Gotteswort Jesus Christus lebte, litt und starb für uns Menschen. Und in dem auferstandenen Gotteswort Jesus Christus erkannten wir Menschen Gottes Macht und Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit!

Darum, liebe Gemeinde, ruft der Engel des Herrn auch uns heute am Heiligen Abend des Jahres 2005 zu: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allen Menschen wiederfahren soll: Euch allen ist der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr! Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen!
Das Kind zum Zeichen, dass uns in unseren Dunkelheiten der Heiland geboren ist? Das Kind in der Krippe als Lichtpunkt in der Finsternis von Depression, Verzweifelung und Resignation in unserem Leben und in unserem Land?
Versuchen wir es! Lassen wir uns doch ein auf dieses Kind als Bündelung unserer Hoffnungen und Sehnsüchte nach Neuanfängen, nach Frieden und nach Gerechtigkeit!
Stellen wir doch – wie es Hanns Dieter Hüsch formulierte – unsere Meinungen ein!
Stellen wir doch endlich die Meinungen ein, dass Gewalt nur durch Gewalt zu besiegen sei! Beschämen und begrenzen wir kriegslüsterne Politiker, die zudem noch Unsummen von Geld für Rüstung und Krieg ausgeben. Vor allem - verweigern wir ihnen die Wahl!

Stellen wir doch die menschenverachtende Meinung ein, dass Folterungen zu unserer Sicherheit nötig und für unsere Sicherheit zu rechtfertigen seien! Weigern wir uns, den Rückfall in die Barbarei der Folter zu akzeptieren. Der Abgott Sicherheit rechtfertigt nicht jedes Mittel, auch die Zusammenarbeit mit Folterern ist barbarisch.

Stellen wir doch die menschenzerstörende Meinung ein, dass Arbeitsplätze zu vernichten sind, um den schon vorhandenen Gewinn noch zu steigern! Unternehmen brauchen Gewinne, keine Frage – aber Wohlstand für alle ist ebenso notwendig.

Stellen wir doch die Meinung ein, die Hetztiraden des iranischen Präsidenten müssten lediglich verbal zurückgewiesen werden. Gerade auf deutschem Boden die Nationalmannschaft des Iran, der Israel die Vernichtung androht, bei der Fußballweltmeisterschaft zu empfangen, scheint mir unerträglich zu sein.

Lassen wir uns doch ein auf das uns mit diesem Kind in der Krippe geschenkten lebendigen Gotteswort!
Lassen wir uns von diesem lebendigen Gotteswort erleuchten, begeistern und lenken!
Lasst uns mit Zuversicht, Geduld und Freundlichkeit „Nein sagen“ zu den Stiefeln, die kriegerisch und drohend stampfen, „Nein“ zu den Stöcken, die knechten und schlagen!

Lasst uns mit Zuversicht, Geduld und Freundlichkeit „Nein sagen“ zu Unrecht und Ausbeutung, „Nein“ zu rassistischen und antisemitischen Parolen, „Nein“ zu Leben zerstörender Selbstsucht und Habgier!

Lasst uns mit Zuversicht, Geduld und Freundlichkeit nach Frieden, nach Recht und Gerechtigkeit suchen, Neuanfänge wagen und Lichtpunkte in die Finsternis setzen!

Denn uns ist ein Kind geboren, die Herrschaft ruht auf seiner Schulter!
Höret, ihr Himmel, und Erde, horch auf, denn Gott, der Ewige, redet! Höret, ihr Himmel, und Erde, horch auf, denn Gott, der Ewige hat uns sein lebendiges Wort geschenkt – Jesus Christus!

Gesegnete Weihnachten!
Amen

 

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 21. Dezember 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 21. Dezember 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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