Im Wortlaut

Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil

Grußwort von Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil, Eröffnung der 6. Bonner Buchmesse Migration, Haus der Geschichte, Bonn, 22. November 2007

Stimmt das Motto, das für die diesjährige Bonner Buchmesse Migration gewählt wurde? Ist Vielfalt Zukunft? Oder: Ist unsere Zukunft von Vielfalt geprägt und wir müssen lernen, uns damit zurecht zu finden und für unser Gemeinwesen tragfähige Antworten zu entwickeln?

Zwischen Politik und Zivilgesellschaft herrscht in dieser Frage noch immer ein tiefer Dissens. Immerhin sind Zuwanderung und Integration inzwischen Vokabeln, die sich allgemeiner Anerkennung erfreuen. Aber reicht das schon?

Schwieriger wird es, wenn das neue CDU-Grundsatzprogramm vom Integrationsland, unser Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen - auch CDU - aber vom Einwanderungsland Deutschland sprechen. Die Bundeskanzlerin hat zu einem Integrationsgipfel geladen und ein Integrationsplan soll bestehende Defizite überwinden helfen. Einwandererfamilien empfiehlt Frau Merkel, sie mögen ihren Kindern auch einmal ein deutsches Buch zur Lektüre geben.

Wir haben noch immer viel nachzuholen in Sachen "Integration". Vor allem die Erkenntnis, nicht allein an diejenigen, die zugewandert sind, Integrationsforderungen zu richten, sondern uns selbst bereit zu finden, sich der globalen Vielfältigkeit in unserer Gesellschaft zu stellen. Es dürfte auf Dauer schwierig sein, wenn drei Viertel der Menschen dem anderen Viertel vorschreiben will, wie es zu leben hat.

Die Verfassung unseres Landes ist eine gemeinsame Basis für alle. Dazu sind die Kenntnis der gemeinsamen Sprache, politische wie soziale Verantwortung für das Gemeinwesen, Respekt vor verschiedenen Kulturen und Religionen notwendig, um sich nicht in Parallelgesellschaften zu verlieren. Vielfalt kann sich in diesem Rahmen entfalten und muss offen gelebt werden können. Das gelingt leider nicht immer und nicht überall.
Menschen, die zuwandern, sind in ihrer Ganzheit zu sehen. Wer nur Arbeitskräfte in ihnen sieht oder angesichts der demographischen Entwicklung die Hoffnung hegt, unsere Defizite bei der Geburtenrate durch Zuwanderung ausgleichen zu können,  irrt sich gewaltig. Zuwanderung löst nicht unsere Familienfeindlichkeit.
Noch immer gilt der Satz von Max Frisch: "Wir suchten Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen!"

Von Zuwanderern können wir aber wieder lernen, was Generationengemeinschaft an Lebensqualität und Kulturtransfer bedeutet. Mehrgenerationenprojekte sind ein interessanter Versuch, wenn sie durch die nötige Infrastruktur, Berufsangebote, soziale und kulturelle Einrichtungen ergänzt werden. Auch hier sind wir aus meiner Sicht noch Lernende.

Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion zeigen uns in unseren christlichen Gemeinden, dass Leben und Tod, Abschied und Trauer ihre Zeit und ihre Rituale benötigen. Wir lernen so wieder Zeit zu haben, wenn Menschen in der Nachbarschaft oder in unserer Familie sterben. Wir begreifen, dass emotionales Empfinden nicht durch funktionale Abläufe bewältigt werden kann.

Zuwanderer aus Afrika zeigen uns die Verantwortung desjenigen, der über Wohlstand verfügt, dass Wohlstand über die eigene Familie hinaus verpflichtet. Die Finanztransfers von Zuwanderern in ihre Herkunftsländer sind ein Wirtschaftsfaktor, der nicht überschätzt werden darf.

Vielfalt ist Zukunft? Die Frage ist notwendig, aber einfache Antworten oder gefühlte Perspektiven helfen nicht weiter. Wir sind gemeinsam aufgerufen, als Einheimische wie Zugewanderte unseren Teil beizutragen, dass Vielfalt zu einem gemeinsamen Gewinn für unser Gemeinwesen wird. Das mag zunächst anstrengend sein, das mag mit erheblich höheren Kosten verbunden sein, als wir es bisher vorsehen. Der Erfolg wird unsere Anstrengungen belohnen. Denn Sprachkenntnis ist nur der Anfang. Aber schon hier darf nicht der kleinste gemeinsame Nenner den Ausschlag geben.
Denn Sprache muss so beherrscht werden, dass sie in Schule und Beruf handlungsfähig macht.

Teilhabe am sozialen Leben, Engagement in Initiativen der Zivilgesellschaft, Gesicht zeigen in Parteien, Vereinen und den Medien sind weitere Aufgaben, vor denen wir für eine gemeinsame, friedliche Zukunft stehen. Teilhabe und Teil werden, wie es in der diesjährigen Interkulturellen Woche hieß, kann der Schlüssel dafür sein, in eine gemeinsame Zukunft zu gehen.

Vielfalt ist Zukunft. Die Bonner Buchmesse Migration ist ein wichtiger Baustein dazu. Sie schafft Zugewanderten das Forum, sich bemerkbar machen zu können. Sie ist eine "Austausch-Börse" gelungener Projekte und stellt Fragen, was noch einer Lösung bedarf. Die Vielfalt der Träger dieser Veranstaltung offenbart Interesse, das ich allen wünsche, die in den kommenden Tagen das reiche Angebot nutzen werden. Ich hoffe, dass der Austausch kritisch und zielführend verläuft, denn in der Kontroverse liegt oft die Kraft, neue Perspektiven zu entdecken.

In diesem Sinne wünsche ich den Veranstaltern viele Besucher, den Ausstellern gute Gespräche und uns allen heute abend interessante Begegnungen.

 

 

 

22.11.2007

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 23. November 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 23. November 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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