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Die rheinischen Kirchenleitung tagt zurzeit per Videokonferenz. Die rheinischen Kirchenleitung tagt zurzeit per Videokonferenz. Screenshot: Jochen von der Heidt

Jubiläum

Die Evangelische Kirche im Rheinland wird heute 75 Jahre alt

Heute tagt die Kirchenleitung per Videokonferenz - genau 75 Jahre nach ihrer Konstituierung. Präses Manfred Rekowski würdigt das Verdienst der Männer, die die „Verfassungsurkunde“ der Evangelischen Kirche im Rheinland unterzeichneten. Was am 15. Mai 1945 geschah, erzählt Landeskirchenarchivdirektor Dr. Stefan Flesch.

Präses Manfred Rekowski im Wortlaut  >> Zur Pressemitteilung

Festkalender von Hans Thoma, Verlag von E. A. Seemann, Leipzig. Mappe mit 31 farbigen Tafeln. LupeFestkalender von Hans Thoma, Verlag von E. A. Seemann, Leipzig. Mappe mit 31 farbigen Tafeln.

Heute vor 75 Jahren, am 15. Mai 1945, trafen sich um 10 Uhr vormittags im Dienstgebäude des Konsistoriums in der Düsseldorfer Inselstraße sechs führende Persönlichkeiten des rheinischen Protestantismus. Stundenlang feilten sie an der abschließenden Redaktion eines wegweisenden Dokuments zur zukünftigen Gestalt der Evangelischen Kirche im Rheinland, das sie präzise um 13.30 Uhr unterzeichneten. Es trug den etwas sperrigen Titel „Vereinbarung zur Wiederherstellung einer bekenntnisgebundenen Ordnung und Leitung der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz".

Eine bislang unbekannte Ausfertigung dieser kirchlichen Verfassungsurkunde ist jetzt an unerwarteter Stelle aufgetaucht. Sie werden sich vielleicht auch fragen, was der Sieg des heiligen Michael über den Drachen auf dem Gemälde von Hans Thoma (siehe links) mit der künftigen Kirchenleitung zu tun hat?

Im Protokoll heißt es: „Dieselbe (also die Vereinbarung) wurde um 13:30 Uhr in vierfacher Ausfertigung von den Anwesenden unterzeichnet. Pfr. Held nahm hiernach Bezug auf ein Gemälde von Hans Thoma vom Siege St. Michaels über den Drachen und Generalsuperintendent D. Stoltenhoff sprach auf Bitte des geschäftsführenden Vorsitzenden, Pfr. lic. Dr. Beckmann, ein Gebet. Damit hat sich die Leitung der Evangelischen Kirche constituiert.“

Drei Vertreter der Bekennenden Kirche, drei der etablierten kirchlichen Institutionen

Neben den beiden späteren Präsides Heinrich Held und Joachim Beckmann sowie dem noch amtierenden Generalsuperintendenten Ernst Stoltenhoff unterzeichneten Johannes Schlingensiepen, Rudolf Harney und Helmut Rößler. Die Vereinbarung stellte somit einen Kompromiss dar: Der neuen Kirchenleitung gehörten neben den drei prominenten Vertretern der rheinischen Bekennenden Kirche (Held, Beckmann und Schlingensiepen) auch drei Vertreter der etablierten kirchlichen Institutionen an: Stoltenhoff, Harney als letzter Präses der Provinzialsynode von 1932 und Rößler als Vertreter des Konsistoriums.

Letztgenannter Konsistorialrat war als Repräsentant des alten Kirchenregimes so etwas wie die graue Eminenz hinter den Kulissen. Er bildet auch den Schlüssel für die Herkunft der jetzt entdeckten Ausfertigung.

Vereinbarung zur Wiederherstellung einer bekenntnisgebundenen Ordnung und Leitung der Evangl. Kirche der Rheinprovinz. Bestand: AEKR_7NL 216M (Elfriede Goerisch), 15 LupeVereinbarung zur Wiederherstellung einer bekenntnisgebundenen Ordnung und Leitung der Evangl. Kirche der Rheinprovinz. Bestand: AEKR_7NL 216M (Elfriede Goerisch), 15

Die unterschriebene maschinenschriftliche Erstschrift wurde korrekterweise als Anlage zu den KL-Protokollen genommen (Jg. 1945, Nr. 1-26); eine beglaubigte Abschrift ohne Unterschriften legte man in den Konsistorialakten ab (AEKR Best. 1OB 002, Nr. 537). Die Unterschrift des Juristen Karl Mensing, der zur Bekennenden Kirche gehörte, holte man am 25. Mai nach. Es ist zu vermuten, dass die übrigen drei unterschriebenen Durchschläge bei den Handakten einiger der handelnden Protagonisten gelandet sind.

Schriftstück in verschollen geglaubter Mappe gefunden

Es fand sich aber kein weiteres Exemplar, bis unlängst der Nachlass von Elfriede Goerisch ins Archiv kam. Goerisch (1917-2018) leitete über viele Jahre hinweg im Landeskirchenamt die Präseskanzlei und war auch privat dem Ehepaar Rößler eng verbunden. Ein munteres Video-Interview anlässlich ihres 100. Geburtstages finden Sie hier.

In ihren Unterlagen befand sich dann überraschenderweise eine Mappe mit Schriftstücken zum kirchlichen Neuanfang 1945 (AEKR Best. 7NL 216M, Nr. 15), die noch 1983 bei der Bearbeitung des Nachlasses Rößler dort registriert worden war, aber seitdem als verschollen galt.

Ein letzter Blick zurück zu St. Michael und dem Drachen: Wahrscheinlich interpretierte Heinrich Held die neu gebildete Kirchenleitung als Sieger über den Drachen des NS-loyalen Konsistoriums und der Deutschen Christen (DC) und über Kunstgeschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

 

Dieser Beitrag des rheinischen Archivdirektors Dr. Stefan Flesch ist auch auf dem Blog des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland erschienen. Dort gibt es regelmäßig interessante Beiträge zu kirchenhistorischen Themen.

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ekir.de / Dr. Stefan Flesch, Fotos: Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland / 15.05.2020



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