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Weltladen Seit 32 Jahren und derzeit mit Maske und Desinfektionsmittel bieten Ingrid Dreher (re.) und Hannelore Gutermuth im Weltladen in Derschlag die Produkte aus fairem Handel an.

Fairer Handel

„Boutique der schönen Dinge“

Gerechte Preise für Produzierende und hohe Qualität: Seit Gründung der Fair-Handelsbewegung vor 50 Jahren findet der Verkauf ihrer Produkte steigenden Absatz. Doch Corona-Krise, Landvertreibung und Klimawandel bereiten Initiativen wie dem Weltladen im oberbergischen Derschlag derzeit Sorge.

Gerechte Bezahlung für die Produkte, das garantieren die Waren im Derschlager Weltladen. Gerechte Bezahlung für die Produkte, das garantieren die Waren im Derschlager Weltladen.

Den Korb aus Sisal hatte Ingrid Dreher vor mehr als 25 Jahren im Weltladen im Gummersbacher Stadtteil Derschlag erstanden. „Und er ist immer noch gut in Form“, sagt die Mitgründerin des Ladens im Oberbergischen Kreis und zeigt ihre Einkaufstasche mit den breiten Streifen in Orange. „Im Laden verkaufen wir mit den Waren aus dem fairen Handel eben auch gute Qualität“, betont sie.

Der vor 32 Jahren als ökumenische Initiative eröffnete Weltladen in Derschlag und seine seit 2003 bestehende Filiale in der Kreisstadt Gummersbach sind zwei der bundesweit 900 ehrenamtlich geführten Geschäfte, die unter dem Weltladen-Dachverband die Produkte aus fairem Handel anbieten.

Am Anfang standen die Hungermärsche

Die Fair-Handelsbewegung in Deutschland wird dieses Jahr 50 Jahre alt. Ihren Anfang nahm sie vor 50 Jahren, als christliche Jugend- und Studierendenorganisationen bei so genannten Hungermärschen in 70 deutschen Städten faire Handelsbeziehungen zu Produzentinnen und Produzenten im globalen Süden forderten. Etwa 30.000 Menschen nahmen in Deutschland an diesen Kundgebungen teil.

Heute profitierten von dieser Bewegung und dem aus ihm entstandenen fairen Handel mehr als 2,5 Millionen Menschen und deren Familien im globalen Süden, informiert das Entwicklungswerk „Brot für die Welt“ der evangelischen Kirchen in Deutschland.

Eine wachsende Bewegung

Der erste deutsche Weltladen wurde 1973 in Stuttgart eröffnet. Zwei Jahre später gründeten der Kirchliche Entwicklungsdienst und Misereor das Handelsunternehmen „GEPA - The Fair Trade Company“ mit Sitz in Wuppertal. Seit 1992 gibt es den Verein „Fairtrade Deutschland“ in Köln, der den fairen Handel unterstüzt und die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Produzentinnen und Produzenten verbessern will.

Zertifikate wie das der „World Fair Trade-Organization“, das auch die Läden in Gummersbach und Derschlag tragen, und Labels wie das „fair+“ der Gepa oder das Siegel von Fairtrade Deutschland garantieren gemäß ihren Standards faire Arbeitsbedingungen, demokratische Organisationsstrukturen, Umweltschutz, Qualität und Kontinuität.

Zu Beginn sei viel Überzeugungsarbeit geleistet worden, erzählt Ingrid Dreher. Zu Beginn sei viel Überzeugungsarbeit geleistet worden, erzählt Ingrid Dreher.

Der Kaffee galt als teuer und bitter

„Zu Beginn haben wir viel Überzeugungsarbeit geleistet“, erinnert sich Ingrid Dreher. Die Waren seien zu teuer, der fair gehandelte Kaffee zu bitter, sein Pulver verstopfe die Brühmaschinen in evangelischen Gemeindehäusern – gegen diese Argumente gingen die Ehrenamtlichen des Derschlager Weltladens damals an.

„Mittlerweile haben wir elf Sorten hochwertigen Kaffee mit unterschiedlicher Röstung im Angebot“, erklärt Hannelore Gutermuth, Vorsitzende der Weltladen-Initiative in Derschlag und Gummersbach. Der koste im Schnitt 4,80 Euro pro Pfund – und so viel zahle man auch im herkömmlichen Handel für Kaffee von guter Qualität.

Jetzt ist der Umsatz sechsstellig

Mit ihren Bekleidungsstücken, den Deko- und Feinkostartikeln oder Schreibwaren hätten sich die Weltläden mittlerweile als „Boutique der schönen Dinge“ einen Namen gemacht, ergänzt Ingrid Dreher. Und das wirkt sich aus: Nach einem Umsatz von damals 20.000 Mark im ersten Jahr, erzielten die Geschäfte in Derschlag und Gummersbach im Jahr 2018 einen Umsatz von 166.000 Euro.

Der Gewinn der Weltläden kommt immer den Partnerinnen und Partner in den Kooperativen zugute. „Ob Bewässerung, Schulen oder Gesundheitsvorsorge: Sie bestimmen vor Ort, für welche Projekte sie das Geld einsetzen wollen“, sagt Hannelore Gutermuth.

Premium-Kaffee koste andernorts genauso viel, sagt Hannelore Gutermuth. Premium-Kaffee koste andernorts genauso viel, sagt Hannelore Gutermuth.

Einbrüche durch die Corona-Krise

Laut „Brot für die Welt“ erzielten die Weltläden und Fair-Handels-Gruppen im Jahr 2018 bundesweit einen Jahresumsatz von etwa 78 Millionen Euro. Sorge bereitet den Initiativen und Organisationen nun jedoch die Corona-Krise: Nach einem „guten Start" in das Jahr 2020 sei das Geschäft seit Mitte März spürbar eingebrochen, teilte Gepa dem Evangelischen Pressedienst mit. Um bis zu 70 Prozent seien die Umsätze in den Weltläden sowie im Service für Firmenkantinen und Bildungsstätten zurückgegangen.

Auch die Läden in Derschlag und Gummersbach hatten bis zum 28. April sechs Wochen lang geschlossen. „Da wir ausschließlich mit Ehrenamtlichen arbeiten, fielen zwar keine Personalkosten an, doch Miete, Strom, Heizung und Wasser mussten weitergezahlt werden“, erklärt Vorsitzende Hannelore Gutermuth. Für sie gab es dafür zwar die Soforthilfe des Landes Nordrhein-Westfalen, doch das eingeplante Ostergeschäft fiel aus und haltbare Waren wie Küken aus Keramik, Hasen aus Blech oder eierförmige Kerzen mussten eingelagert werden.

Hoffnung auf ein verändertes Konsumverhalten

Mit Masken und Desinfektionsmittel geht der Verkauf der anderen Produkte nun wieder weiter. „Es kommen momentan viele Kundinnen und Kunden, und ich hoffe, dass die Krise die Menschen zum Nachdenken gebracht hat und sie nun bewusster und nachhaltiger einkaufen“, sagt die Ehrenamtliche Ingrid Dreher. Dass die Kaufkraft jedoch aufgrund von krisenbedingter Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit generell abnehme, befürchtet Vorsitzende Hannelore Gutermuth.

Doch gerade jetzt sei es wichtig, die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im globalen Süden zu unterstützen, sagte Andrea Fütterer, Leiterin der Gepa-Abteilung „Grundsatz und Politik“, gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Denn von staatlicher Seite gäbe es für sie keine Hilfen, und die fairen Wertschöpfungsketten dürften nicht zusammenbrechen. Die Gepa unterstützt daher die Initiative zu einem weltweit verbindlichen Lieferketten-Gesetz. In Deutschland zumindest will Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ein solches Gesetz in den nächsten Wochen auf den Weg bringen.

Politische Arbeit so wichtig wie der Verkauf

„Deutsche Unternehmen, die im Ausland produzieren, müssen faire Herstellungsbedingungen vorweisen“, diese Forderung werde von den Ehrenamtlichen aus den Weltläden unterstützt, sagt Hannelore Gutermuth. Die politische Dimension des fairen Handels habe von Beginn an eine große Rolle gespielt, ergänzt Ingrid Dreher. Angemessene Bezahlung, nachhaltiger Anbau, Landvertreibung, Spekulation mit Lebensmitteln und schlechte Ernten aufgrund des Klimawandels seien Themen, die öffentlich angesprochen würden.

Und so haben die Ehrenamtlichen schon vor Derschlager Supermärkten unter dem Motto „Ich bin ein Sattmacher“ mit fairer Schokolade auf Tellern geworben und Briefe aus Südamerika über die dortigen Arbeitsbedingungen vorgelesen.

Da geht noch mehr

Trotz der wachsenden Nachfrage in den vergangenen fünf Jahrzehnten sind sich alle Engagierten einig: Da geht noch mehr. Denn laut „Brot für die Welt“ gaben 2018 zwar jede und jeder Deutsche durchschnittlich 20,50 Euro für fair gehandelte Lebensmittel und Handwerkserzeugnisse aus, in der Schweiz waren es jedoch im selben Zeitraum 94 Euro pro Person.

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ekir.de / Text und Fotos: Sabine Eisenhauer / 12.06.2020



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