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Alexandra Wust unterstützt die Besucher des Kurses „Lesen und Schreiben – für Erwachsene“ im Evangelischen Erwachsenenbildungswerk in Simmern beim Lernen. Alexandra Wust unterstützt die Besucher des Kurses „Lesen und Schreiben – für Erwachsene“ im Evangelischen Erwachsenenbildungswerk in Simmern beim Lernen.

Bildung und evangelische Kirche 4

„Hätte ich das mal früher gemacht“

Sechsmal in der Woche unterstützt das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Rheinland-Süd Männer und Frauen in Simmern beim Lesen- und Schreiben lernen. Die Kurse sind beliebt – weil Bildung hier nichts kostet und Leben verändert.

Hans Tischner* kämpft mit den Buchstaben. Langsam führt sein Finger unter den sperrigen Sätzen des Übungsbuchs entlang, um Wort für Wort zu bezwingen. Die Leseübung verlangt dem 62-Jährigen viel ab. Wenn er ins Stocken gerät, dann springt Alexandra Wust ein. Sie hat auf einem Stuhl am Tisch gegenüber Platz genommen. Wenn Hans Tischner aufgeben will, dann übernimmt ihr Finger und führt die Buchstabenreihe weiter – und er lässt sich ermutigen. Die beiden sind ein eingespieltes Team.

Seit vier Jahren besucht Hans Tischner den Kurs „Lesen und Schreiben – für Erwachsene“, den das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Rheinland-Süd in Simmern anbietet. Er verpasst kaum eine Stunde, ist immer der Erste im Übungsraum und hochmotiviert. „Immer nur Schaffe, Schaffe, Schaffe“, sagt Hans Tischner. Er habe sein Leben lang hart gearbeitet – nur Schreiben und Lesen habe er nie richtig gelernt. Irgendwie sei er mit Ach und Krach durch die Schule gekommen, zu Hause auf dem Hof habe man nicht viel Wert auf Bildung gelegt.

„Ich hab mich halt durchgeboxt“

„Das Problem ist vielleicht auch mein Dialekt“, sagt er. Der mache es ihm schwer, heute als Erwach-sener die Grammatik richtig zu lernen. „Aber ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen“, sagt er dann. Die theoretische Führerscheinprüfung habe er mündlich machen können, bei der Arbeit wurden ihm zuweilen Zettel mit Anweisungen zum Verhängnis. „Aber ich hab mich halt durchgeboxt“, erzählt er. Einfach sei das nicht gewesen, aber er habe sein Einkommen und ein Häuschen gebaut.

Dann begegnete er beim Einkaufen mit seiner Frau dem Alpha-Mobil, mit dem Alexandra Wust und ihre Kollegen vom Evangelischen Bildungswerk im Supermarkt für die Kurse warben. Damals war er gerade 58 geworden und habe gedacht: „Na gut, da gehe ich mal hin.“ Vier Jahre später kann Hans Tischner lesen und schreiben – es kostet ihn noch Mühe und viel Konzentration. Aber gemeinsam mit Alexandra Wust ist er auch in die Grammatik eingestiegen. „Das mache ich für mich selber“, sagt er und legt den Stift für einen Augenblick zur Seite, „ich möchte da weiterkommen.“  Irgendwie sei er damals im Supermarkt sicher gewesen, dass er es bereuen könnte, wenn er diese Chance nicht wahrnehmen würde. Heute sagt er: „Hätte ich das mal früher gemacht.“

Zeit für Einzelne statt Frontalunterricht

In den Kursen wird sich viel Zeit für die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer genommen. In den Kursen wird sich viel Zeit für die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer genommen.

Alexandra Wust kennt die Lebensgeschichten ihrer Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Schließlich begleitet sie die meisten von ihnen schon seit Jahren beim Lernen. „Jeder hier hat seine eigene Motivation“, sagt sie, „aber alle haben das gleiche Ziel.“ Auf dem Weg dahin bietet sie gemeinsam mit Christina Heiles, die den Kurs ehrenamtlich begleitet, Unterstützung an.

Statt Frontalunterrichts nehmen sich die beiden Zeit für jeden einzelnen, sprechen die Ergebnisse der Hausaufgaben durch, geben neue Aufgabenzettel aus, erledigen Leseübungen und Fragenkataloge. „Wir wünschen uns, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fähig werden, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“, sagt Alexandra Wust. Es gebe keine Prüfungen und keinen Druck. Für die Besucher entstehen keine Kosten. Die Hürden sind niedrig gesteckt, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

„Viele haben nie gelernt, zu lernen“

„Mehr als sieben Millionen erwachsene Bundesbürgerinnen und -bürger können gar nicht oder nur mühsam lesen und schreiben“, sagt Alexandra Wust. Obwohl viele von ihnen im mündlichen Aus-druck gewandt seien, würden sich aus der Lese- und Schreibschwäche häufig Probleme ergeben. Es seien die typischen Situationen des Alltags, in denen Analphabeten an ihre Grenzen stoßen: Briefe aus der Schule, von Versicherungen oder Behörden.

Diesen Herausforderungen stellen sich Teilnehmende und Kursleiterin in Simmern. Und weil die Kurse aus europäischen Fördertöpfen mitfinanziert werden, stehen auch Themen rund um die Europäische Union und das gemeinsame Wertesystem auf dem Programm. „Viele der Teilnehmenden haben auch nie gelernt, zu lernen“, sagt Alexandra Wust. Deswegen nimmt sich die Kursleiterin Zeit, diesen Schritt mit den Männern und Frauen zu gehen.

Inzwischen nehmen das Angebot auch viele Menschen mit Migrationshintergrund wahr – statt einem Kurs gibt es inzwischen vier verschiedene Angebote. Für Anfänger und Fortgeschrittene. Und viele sind dankbar dafür – wie die junge Mutter aus dem Irak. „Sprache lernen ist wichtig für alles“, sagt sie. Und weil sie Zuhause nie eine Schule besuchte, nie Buchstaben oder Zahlen lernte, tat sie sich im Sprachkurs schwer. Dann hörte sie von dem Angebot des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes. „Ich habe angefangen wie ein Kind“, sagt sie und dann lächelt sie vorsichtig: „Jetzt kann ich lesen.“

„Jetzt bin ich dran. Mit 54“

Das gilt auch für die siebenfache syrische Mutter, die vor 30 Jahren mit ihrem Mann nach Deutsch-land kam. Sie habe die Kinder aufgezogen, Sprachangebote habe es damals wenig gegeben. Aber als in den vergangenen Jahre viele ihrer Landsleute aus Syrien nach Deutschland gekommen seien, als es plötzlich Sprachkurse und Angebote für Erwachsene gegeben habe, als alle Kinder bis auf ihren Jüngsten aus dem Haus gewesen seien, da habe sie entschieden: „Jetzt bin ich dran. Mit 54.“ Und was sie in dem Kurs bei Alexandra Wust gefunden hat, sind nicht nur Buchstaben, Wörter und Grammatik. Das habe auch mit Selbstbewusstsein zu tun, sagt sie. Und: „Hier ist es einfach schön. Wir sind Freunde geworden.“

Das gemeinsame Lernen habe die Männer und Frauen zusammengeführt – egal ob ihre Wurzeln im Simmern, in Syrien oder in China liegen. Und deswegen will keiner von ihnen auf die Tasse Kaffee verzichten, die Alexandra Wust und Christina Heiles nach anderthalb Stunden Lernen anbieten. Dann wird geplaudert und gelacht, erzählt und gewitzelt – bevor es ans Konjugieren geht. Denn das will gelernt sein.

*Name geändert


Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Rheinland-Süd
Auf dem Gebiet der Evangelische Kirche im Rheinland bestehen drei Evangelische Erwachsenenbil-dungswerke (eeb) – Rheinland-Süd, Nordrhein und Saarland. Sie sind gemeinnützige Vereine. Zu den Mitgliedern des eeb Rheinland-Süd gehören etwa 170 Evangelische Kirchengemeinden in Rheinland-Pfalz. Im Zentrum seiner Bemühungen steht der mündige Mensch, dem es in der Tradition Evangelischer Erwachsenenbildung Angebote zur Selbstwahrnehmung und Weltgestaltung macht. Das eeb Rheinland-Süd arbeitet in drei Bereichen:

  • Es fördert und berät evangelische Einrichtungen und Initiativen, die auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung tätig sind.
  • Es koordiniert Bildungsmaßnahmen der Gemeinden, Kirchenkreise und der kirchlichen Werke.
  • Und es plant und gestaltet Bildungsveranstaltungen in Zusammenarbeit mit seinen Mitgliedern.

 

ARD-Themenwoche Bildung   
Die ARD-Themenwoche 2019  trägt den Titel „Zukunft Bildung“ und beschäftigt sich vom 9. bis 16 November mit den vielfältigen Aspekten dieses zentralen Aspekts des menschlichen Lebens. Eine Programmübersicht finden Sie hier.
Einen kompakten Überblick über das evangelische Verständnis von Bildung bieten die Leitlinien für die Bildungsarbeit in der Evangelischen Kirche im Rheinland.

 

 

 

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12.11.2019



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