Claudia Paul, Beauftragte für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung. Claudia Paul, Beauftragte für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung.

Sexualisierte Gewalt

Reden – statt immer noch allzu oft schweigen

Sprechen. Ansprechen. Jedenfalls nicht schweigen. Stichworte für eine Aufgabe, die sich unter diesem Aspekt ausführlich durchbuchstabieren lässt. Praktisch ist zu vermelden: Die Ansprechstelle ist online – unter der Kurzadresse ekir.de/ansprechstelle. 

Mehr reden, mehr aussprechen, versachlichen. Das ist nach Erfahrung der Beauftragten der Evangelischen Kirche im Rheinland für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung, Claudia Paul, ein wichtiger Teil ihrer Aufgabe. Sie ist die Ansprechpartnerin für Betroffene von sexualisierter Gewalt. Bis heute werden immer wieder neue Fälle von Grenzverletzungen gemeldet, berichtet sie. Und bis heute gibt es noch großen Klärungsbedarf. Wiederholtes Fehlverhalten von in der Gemeinde beliebten Menschen – wird schweigend geduldet oder ihnen nicht konsequent nachgegangen. Immer noch. Das polizeiliche Führungszeugnis, das neue Mitarbeitende erbringen müssen, soll manchmal Altgedienten oder Frauen erspart werden. Warum, fragt Paul rhetorisch. "Dies kommt einer Diskriminierung gleich."

Eins der schlimmsten Erfahrungen für Betroffene sei es, wenn sie aus der Gemeinde und Gemeinschaft ausgeschlossen werden oder sich zurückziehen müssen, weil sie als diejenigen, die den Verdacht bzw. den Vorwurf ausgesprochen haben, geächtet werden. „Nestbeschmutzer werden ausgegrenzt“, formuliert Claudia Paul ihre allzu häufige Erfahrung.

Betroffene schützen, nicht Täter

Wenn das Ansprechen unerwünscht ist – obwohl bekannt ist, dass ein Jugendleiter mittleren Alters 12-, 13-jährige Mädchen über Facebook zu privaten Treffen drängt. Oder wenn die Leiterin sich während einer Freizeit auf einem der Betten der Jugendlichen fläzt. Paul: „Viele trauen sich nicht aus den oben genannten Gründen etwas zu sagen, aber das muss man ansprechen.“ Und vor allem müssten die Betroffenen geschützt werden, nicht die Täter.

Dabei weiß die Familientherapeutin, dass es fürs Entschuldigen, Beschwichtigen, Schweigen Gründe gibt: einen Freund nicht verlieren, einen Freund nicht als sexuelles Wesen sehen wollen, das Prinzip „eine Hand wäscht die andere“, auf einen aktiven, sympathischen Mitarbeiter nicht verzichten.

Schwierig

Sehr verständlich, sehr verbreitet: „Sexualität ist immer noch ein schwieriges Thema“, sagt Paul. Die schönste Sache der Welt – schwierig?! Ja, sagt Paul: "Schwierig dann, wenn es nicht um gleichberechtigte Partner geht. Wenn es um Ausnutzung der persönlichen Stellung geht, wenn Macht und/oder ein unangemessener Sexualtrieb im Vordergrund stehen."

Sprechen. Ansprechen. Statt schweigen. In einem Gespräch mit älteren Frauen erlebte die Sozialpädagogin, wie fast jede der Damen von Erfahrungen wie Busen- und Pograpschen berichtete, das aber als „Zufall“ darstellte. Sie habe die Frauen gefragt, wie oft sie selbst denn Männern schon zufällig in den Schritt gefasst hätten. Die Antwort war ein lautes Lachen. Natürlich keine. "Kavaliersdelikte – nicht selten, geduldet und entschuldigt."

Schamhaft

Wir gingen bis heute sehr schamhaft mit dem Thema Sexualität um. Es ist ja immerhin auch das intimste Thema eines jeden Menschen. „Es ist für jede und jeden anders.“ Selbst der besten Freundin werde nur erzählt, ob es Sex gibt, „aber nicht was passiert“. Oder auch so gesagt: „Wir reden über Verhütung, aber nicht über Sexualpraktiken."

Dieses Schweigegebot gelte besonders dem Missbrauch und der sexualisierten Gewalt. Und so hat Claudia Paul in Presbyterien beispielsweise auch schon diesen Satz gehört: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein erwachsener Mensch tut.“

Lust auf Leben und Verantwortung

„Wir müssen raus aus dem Tabu“, hält sie dagegen. Reden. Ansprechen. Viel habe sich richtigerweise schon in diese Richtung entwickelt – aber aus ihrer Erfahrung bleibt da noch reichlich Platz für Weiterentwicklung. Denn: „Wir brauchen beides - Lust auf Leben und Verantwortung.“

Die Website der Ansprechstelle wird noch weiter entwickelt, u.a. wird das Thema Prävention noch ergänzt. Auch Fortbildungen und Fachtagungen gehören zu den Dingen, die noch auf der to-do-Liste stehen. Was aber jetzt schon rund um die Uhr zur Verfügung steht: Die Fachberatungsstellen sind gelistet. Die Fonds sind genannt. Publikationen sind abrufbar.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 21. November 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 21. November 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 21.11.2013



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