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Jürgen Sohn Der Leitende Dezernent Jürgen Sohn ist im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland zuständig für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung.

Interview

„Wir sind es den Betroffenen schuldig“

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat eine Aufarbeitungsstudie zu sexualisierter Gewalt beauftragt. Der Leitende Dezernent Jürgen Sohn, in der Evangelischen Kirche im Rheinland zuständig für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung, geht davon aus, dass sich die rheinische Kirche finanziell beteiligt.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat eine umfassende Studie zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt beschlossen. Die Entscheidung der 20 Landeskirchen in der Kirchenkonferenz fiel einstimmig.  Ab Oktober sollen von einem unabhängigen Forschungsverbund in mehreren Teilstudien die Ursachen und Besonderheiten von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche untersucht werden. Die 3,6 Millionen Euro teure Studie soll innerhalb von drei Jahren Ergebnisse liefern und wird von Betroffenen begleiten. Sie ist Teil eines umfassenden Maßnahmenpakets zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, das die Synode der EKD im November 2018 beschlossen hatte.

Die Kirchenkonferenz hat zudem den Inhalten eines „Letter of Intent“ zur weiteren Zusammenarbeit zwischen EKD und dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) zugestimmt. Bis Ende September sollen die gemeinsamen Perspektiven für das weitere Vorgehen bei der Aufarbeitung konkretisiert werden. Jürgen Sohn, Leitender Dezernent der Evangelischen Kirche im Rheinland, sieht die Entscheidungen als Fortsetzung der langjährigen Bemühungen, Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung innerhalb der Kirche möglichst gut zu verhindern.
 
Herr Sohn, in welcher Form wird die Evangelische Kirche im Rheinland die jetzt beschlossene Aufarbeitungsstudie im Auftrag der EKD unterstützen?

Jürgen Sohn: Vieles zu dem Thema muss noch beschlossen werden, da die Entscheidungen jetzt erst einmal auf der Ebene der Kirchenkonferenz der EKD getroffen wurden. Ich gehe aber davon aus, dass die rheinische Kirche sich im Rahmen eines geplanten regionalen Verbunds gemeinsam mit der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Lippischen Landeskirche und der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe beteiligt. Das Design der regionalen Studien wird gemeinsam mit dem Forschungsinstitut vorbereitet. Dies umfasst natürlich die finanzielle Beteiligung und die inhaltliche Unterstützung der Studie. Wie diese regionale Teilstudie aussieht, steht im Einzelnen aber noch nicht fest.

Welchen konkreten Nutzen versprechen Sie sich von den Ergebnissen, wenn diese in drei Jahren vorliegen?

Sohn: Es ist immer schwierig, Ergebnisse vorwegzunehmen. Insgesamt erhofft sich die evangelische Kirche durch die Studien natürlich, Hinweise zu bekommen, welche kritischen Punkte in den Strukturen angelegt sein könnten und wie von daher die präventive Arbeit weiter verbessert werden kann. Wir sind es wie alle Organisationen auch den Betroffenen schuldig, möglichst viele Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie grenzverletzendes Handeln geschehen konnte, welche Betroffenen es möglicherweise noch gibt über den Kreis derer hinaus, die sich bereits gemeldet haben, und welche Strukturen, welche Haltung  oder welches Verhalten grenzverletzendes Handeln möglich gemacht beziehungsweise nicht unterbunden hat.

Wenn Sie die Entwicklung des innerkirchlichen Umgangs mit sexualisierter Gewalt betrachten: Was sind die größten Herausforderungen, vor denen die rheinische Kirche noch steht?

Sohn: Insgesamt ist das Thema für uns nicht neu. Seit mehr als zehn Jahren arbeiten wir intensiv daran, Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung möglichst gut zu verhindern und Beschuldigungen konsequent nachzugehen. Wir haben mit der Unabhängigen Kommission auch versucht, insbesondere Betroffenen gegenüber, deren Anschuldigungen schon lange zurückliegen, eine finanzielle Leistung in Anerkennung des erlittenen Leides zukommen zu lassen, auch wenn die Beschuldigten oft schon verstorben sind. Seit etwa zwei Jahren arbeiten wir intensiv daran, flächendeckend Schutzkonzepte zu erarbeiten und zu schulen. Durch das Kirchengesetz, das am 1. Januar 2021 in Kraft tritt, bekommt diese Anforderung eine klare rechtliche Grundlage. Dies in allen Kirchenkreisen, Gemeinden und Einrichtungen der rheinischen Kirche umzusetzen, ist sicherlich eine ganz besonders dringliche Herausforderung.

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ekir.de / Ekkehard Rüger, Foto: Markus J. Feger / 22.06.2020



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