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Hermann Barnikol (1890-1952) Hermann Barnikol (1890-1952)

Novemberpogrome vor 80 Jahren

Ein mutiger Pfarrer

"Ich wachte auf von hastigen Laufschritten, aufgeregten Rufen, unerklärlichen Geräuschen. Im Schlafzimmer meiner Eltern ging das Licht an. Durch die angelehnte Flügeltüre hörte ich, dass mein Vater aufstand und sich anzog." So erinnert sich der Sohn, damals sieben Jahre alt, an jene Nacht, an die Pogromnacht vor 80 Jahren.

Er wolle nachsehen, was draußen los ist, hörte Hanns-Christoph Barnikol seinen Vater erklären. Lic. theol. Hermann Barnikol, Pfarrer in Jülich, schloss hinter sich die Haustüre. Und das Kind blieb wach, sah, dass am Nachthimmel ein heller, rötlicher Schein aufflackerte. "Dann klirrten irgendwo zersplitternde Fensterscheiben. Rufe waren zu hören."

Alsbald wurde klar: Der Lärm kam von nebenan. Die Synagoge brannte. Hermann Barnikol lief hin, um löschen zu helfen.

Zu seinem Entsetzen bemerkte er, SA-Männer, Feuerwehrleute, Nachbarn - standen zwar da, guckten aber nur, niemand bekämpfte den Brand. Da rief der Jülicher Pfarrer: "Ihr könnt doch dem Brand nicht tatenlos zusehen! Das ist doch ein Gotteshaus! Hier beten Menschen zu Gott!"

Vor genau 80 Jahren war das. Und Barnikols Einschreiten - es war der einzige öffentliche Protest gegen die Synagogenschändung in Jülich noch in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Stadt Jülich hat 60 Jahre später eine Straße nach dem Theologen benannt, der in der Nachkriegszeit Superintendent des Kirchenkreises Jülich war. Mit der Benennung würdigt die Stadt Hermann Barnikols "mutiges Eintreten".

Hanns-Christoph Barnikol, inzwischen verstorbener Sohn von Hermann Barnikol, hat die Geschichte seines Vaters in der 2010 erschienenen Festschrift "Auf gutem Grund evangelisch... 400 Jahre Evangelische Gemeinde Jülich - 100 Jahre Christuskirche" aufgeschrieben. Der Vater wurde von SA-Männern weggedrängt. Der Protest war mutig. Aber wirkungslos. Die 1862 eingeweihte Jülicher Synagoge, ein Backsteinbau, zurückgesetzt hinter einem Vorgarten, wurde zerstört. Seit 1983 zeugt eine Gedenktafel von ihr.

Fortan stand die Familie unter Druck und Bedrohung, das hat der Sohn in seinem Beitrag beschrieben, er wurde selbst später auch Pfarrer. Große Verantwortung, aber auch viel Zuversicht, so hat es sich auch Schwiegertochter Hannelore Barnikol, heute pensionierte Lehrerin, vermittelt. Die Frau des Barnikol-Sohnes und Theologie-Professors Horst-Martin Barnikol erinnert bewusst an ihren Schwiegervater, weil es gerade heute wieder mehr denn je wichtig ist, von mutigem Verhalten und christlicher Zivilcourage zu erzählen - gegen Antisemitismus.

Geboren war Hermann Barnikol 1890 in Barmen, heute ein Stadtteil Wuppertals. Dort war der Vater Wagenfabrikant. Mit seiner Frau Hildegard hatte Hermann Barnikol fünf Kinder, drei von ihnen leben noch. Die elf Enkel hat er nicht mehr kennenlernen können, denn gestorben ist der Theologe bereits 1952. "Die Lehre Calvins vom unfreien Willen und ihr Verhältnis zur Lehre der übrigen Reformatoren und Augustins" - so lautete der Titel seiner Dissertation.

Weite Wege: Hermann Barnikol war zunächst Mitglied der "Deutschen Christen", allerdings der gemäßigten so genannten Elberfelder Richtung. Später revidierte er seine Haltung zum Nationalsozialismus energisch. Er wagte mutige Sätze, nicht nur in seinen Predigten. Was folgte: Denunziationen, die dem Pfarrer und seiner Familie zu schaffen machten. Die Familie lebte in Angst, der Vater könnte abgeholt werden. Das geschah schließlich, glücklicherweise nur kurz und vorübergehend. 1942 kam Barnikol im benachbarten Aachen für einige Tage in Gestapo-Haft.

Stark war in der Familie auch das Bewusstsein, dass man nicht mehr hatte tun können. Mit den Novemberpogromen vor 80 Jahren begann das Grauen für Jüdinnen und Juden.

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ekir.de / neu; Foto: privat / 08.11.2018



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