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Biblische Archäologie

"Keine Filmaufnahmen oder Fußstapfen"

Biblische Archäologie im Heiligen Land wird mit ganz unterschiedlichen Interessen betrachtet. Im Interview Professor Dr. Dieter Vieweger, Direktor des Biblisch-Archäologischen Instituts Wuppertal.

Professor Dr. Dieter Vieweger LupeProfessor Dr. Dieter Vieweger

Welchen Beitrag kann die Archäologie zum Verständnis der biblischen Texte leisten? Kann die Archäologie die Wahrheit der Bibel gewissermaßen beweisen?

Wenn Sie mir die Frage stellen, ob die Archäologie die Bibel beweisen kann, dann stehen wir auf einem ganz verlorenen Posten. Die Bibel hat ganz verschiedene Aussagen und nicht alles ist beweisbar. Natürlich können Sie davon ausgehen, dass die Schreiber der Bibel das geografische Umfeld kannten und die wichtigen politischen Akteure. Daran ist nicht zu rütteln. Geschehnisse, die aber mit Handlungen und Ereignissen zu tun habe, die sind nicht in der Erde zu ergraben! Das erste Kapitel meines Buches „Archäologie der Biblischen Welt“ lautet „Was hat die Archäologie mit der Bibel zu tun?“ Die Archäologie kann Kulturen beschreiben: Wie haben Städte, wie haben Dörfer funktioniert? Sie kann aber nicht sagen, mit welchem Stein David den Goliath erschlug. Wir haben keine Filmaufnahmen oder Fußstapfen. Da muss man sich von einer Art Kinderglauben an die Archäologie lösen. Nicht jeder Spatenstich ist ein Argument gegen den Unglauben. Wir graben in der Zeit des Alten und Neuen Testaments, sehen unendlich Vieles von dieser Welt, aber nicht unbedingt etwas von den einzelnen beschriebenen Geschehnissen der Bibel. Wer das erhofft, der hofft leider vergebens auf die Archäologie.

Welche Urteile über die biblische Zeit sind durch archäologische Funde ins Wanken geraten?

Ich muss zunächst erst einmal sagen, dass das, was wir in der Erde finden, was wir von der Welt der Bibel sehen, sehr gut zu dem passt, was uns die Bibel über ihre Umwelt berichtet. Dann muss ich hinzufügen: Natürlich gibt es einige Fakten, die nicht stimmen; und dann muss man fragen: warum? Das beste Beispiel sind die viel beschworenen Mauern von Jericho (Buch Josua, Kapitel 6). Die Mauern kann es in der Zeit, als die Israeliten im Lande sesshaft wurden, nicht gegeben haben. Damals – um 1200 vor Christus etwa - war Jericho keine Stadt mehr, sondern schon über Hunderte Jahre zerstört.

Die Davidstadt lockt immer mehr Besucherinnen und Besucher in Jerusalem. LupeDie Davidstadt lockt immer mehr Besucherinnen und Besucher in Jerusalem.

In Josua 8 wird außerdem gesagt, dass die Stadt Ai von den Israeliten zerstört wurde. Ai heißt schon auf Hebräisch „der Schutthaufen“. Daran sehen wir, man kannte Ai nur als zerstörten Siedlunghügel. Die Stadt war bei der Sesshaftwerdung der Israeliten schon mehr als tausend Jahre kaputt.

Es gibt Leute, die versuchen die Mauern Jericho gewissermaßen zu retten, indem sie die Chronologie Ägyptens und Palästinas anders berechnen. Doch bei Ai klappt gar nichts mehr. Die Stadt wurde nicht von einwandernden Israeliten zerstört.

Da sehen sie auch die Vergeblichkeit solcher Versuche. Ich hasse es, wenn zum „Beweis“ einer Aussage der Bibel die Archäologie umgedeutet und vergewaltigt werden muss und dann kuriose Dinge behauptet werden. Dann glaubt uns keiner mehr etwas. Ich bin für eine solide Wissenschaft.

Ein weiteres Beispiel: Der Auszug aus Ägypten, davon haben wir überhaupt keinen schriftlichen Nachweis. Ich würde behaupten, dass es den Exodus nicht gegeben habe. Denn wir wissen, dass der Glaube an Jahwe und vor allem die Erzählung von Mose darauf hindeuten, dass Menschen aus Ägypten ins Heilige Land gekommen sind. Diese Erzählung, dass der Religionsgründer selbst nicht das Heilige Land betritt, das ist auch etwas, was man sich nicht einfach ausdenkt. Der Exodus lässt sich aber archäologisch nicht beweisen. Dass aber 603.550 Menschen (4. Mose 1,46) 40 Jahre lang in der Wüste leben können, das sollte unmöglich sein. Da muss man nicht Archäologe sein, um das zu bemerken.

Es geht um die Art und Weise, wie man die Bibel liest: Man sollte die Bibel nicht wortwörtlich lesen, den Spaten nehmen und archäologisch nachgraben. Die Menschen der Bibel lebten in der Zeit und in ihrem Weltbild. Sie schrieben über ihre Zeit und über frühere Zeiten, von denen sie nicht immer wussten, was sich da ganz genau abgespielt hat. - Und sie schrieben über ihre Erfahrungen mit Gott. Es ist nicht Gott, der schrieb, sondern Menschen haben in ihrer Zeit ihre Erfahrungen mit Gott niedergeschrieben. Und wenn wir die Bibel so lesen, haben wir ein wunderbares - und vielfach verlässliches! - Geschichtszeugnis, das wir auch kritisieren dürfen.

Archäologie im Heiligen Land stößt häufig auf politische und religiöse Interessen. Wie muss sie als Wissenschaft damit umgehen?

Sie muss sehr zurückhaltend damit umgehen. Der ehemalige Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, Professor Gehrke, hat einmal gesagt: „Unsere Archäologie ist politisch, indem sie unpolitisch ist“: Wir dürfen uns nicht in politische Verstrickungen einreihen, sondern müssen ganz klar sagen, dass wir zunächst nur die Vergangenheit erforschen. Was sich heute abspielt, lässt sich mit der Vergangenheit vielleicht manchmal erklären, aber nicht rechtfertigen. Wir können nicht 2000 oder 3000 Jahre überspringen und aus der Vergangenheit Land-, Besitz- oder Vor-Rechte für heute ableiten.

Wir leben heute im Nahen Osten in einer Situation, in der wir miteinander auskommen müssen, und niemand kann aus altem, ausgegrabenem Landbesitz folgern: das gehört uns. Für die einen ist es der Waqf, die Heilige Stiftung von Allah direkt, die man nicht teilen kann, so steht es in der Hamas-Charta, und für den anderen ist es das Buch direkt von Gott, eine ewige Besitzurkunde, nicht diskutabel und verhandelbar.

Wenn man so argumentiert, kann die Archäologie nicht mit. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wir können nur sagen, wie es in der Vergangenheit war. Und wir müssen feststellen, dass in der Vergangenheit nie ein Volk allein in Palästina gelebt hat. Zu allen Zeiten – auch in den biblischen – hat man das Land immer teilen müssen.

Die Klagemauer in Jerusalem mit Blick auf den Felsendom LupeDie Klagemauer in Jerusalem mit Blick auf den Felsendom

Sie haben die archäologischen Grabungen am Tall Zirāʿa initiiert. Was macht dieses Grabungsgebiet für die Forschung besonders interessant?

Grabungen beginnen immer mit Fragen. Man nimmt ja nicht einfach einen Tall, einen Siedlungshügel, und schaut mal, was rauskommt. Als ich begann, hatte ich 1998 dreißig Jahre Forschungstätigkeit vor mir. Da habe ich mir gesagt: Ich möchte einen Tall ausgraben, auf dem möglichst viele Schichten liegen, alle Zeiten übereinander. Ich möchte die Kulturen an einem Ort unter gleichen Bedingungen - Wasser, Feldbau, Handelsmöglichkeiten - miteinander vergleichen. Woher kam die Kultur der biblischen Zeiten? Was veränderte sich, was nicht in diesen Jahren?

Mit dem Tall Zirāʿa habe ich Glück gehabt. Ich habe viel mehr gefunden, als aus den Scherben an der Oberfläche zu erkennen war. 24.000 Scherben habe ich von der Oberfläche abgelesen. Es fehlten ein paar wenige Zeitepochen, die dann bei den Ausgrabungen auch noch herausgekommen sind. Komplett 5000 Jahre auf einem Hügel übereinander geschichtet - wie bei einem Spaghetti-Eis. Wir können am Tall Zirāʿa jede Zeit sehen, sogar Übergangszeiten.

Die Siedler haben über die ganze Zeit auf dem gleichen Siedlungshügel gewohnt, weil es eine Quelle am obersten Ort in der Stadt gab. Es gab ringsum Felder genug und eine nahe liegende Handelsstraße hat die Leute reich gemacht. Das bedeutet aber: In den Jahren bis 2028 werde ich fünf Prozent des Talls ausgegraben haben. Danach kann und wird man 400 bis 500 Jahre weiter graben.

Welche Lebensreiche sind bei den Grabungen besonders im Blick?

Wir haben einen kompletten Tall mit 5,6 Hektar Wohnfläche: Die Stadttore habe ich außen vor gelassen. Ich habe nicht nach großen Dingen gesucht, wie Palästen und Tempel. Paläste sind immer an der sichersten und höchsten Stelle. Sie sind leicht zu finden. Was wenige bisher ausgegraben haben und wo eine interessante Lücke in der Forschung bestand: Das waren die Handwerkerviertel. Wir haben in einem bestimmten Bereich des Talls in allen Schichten immer wieder Windöfen aufgefunden. Wir können so die Geschichte der Metallverarbeitung, der Keramikfertigung, der Fayence- und Glasfertigung nachvollziehen. Wir haben auf fast 2000 Quadratmeter im Handwerkerviertel mächtig gegraben und sind noch lange nicht am Ende. Das ist eine Geschichte von der Erlangung technischen Wissens, von neuen Techniken – und von bitteren Rückschritten nach Erdbeben oder anderen Katastrophen.

In einen zweiten Grabungsbereich legen wir seit sechs Jahren auch die Paläste, die repräsentativen Großbauten frei. Gegenwärtig wird drei Jahre lang nur publiziert. Dann könnten wir neu anfangen und ich könnte mir vorstellen, dass wir dann vom Handwerkerbereich zur Quelle gehen, die inzwischen ausgetrocknet ist. Ich rechne dort mit Tempeln. An einer artesischen Quelle – einem solch wunderhaften Phänomen - müssten doch die Leute gesagt haben: Das kommt von der Aschera, von der Fruchtbarkeitsgöttin, oder von El, dem Schöpfergott. Fertig werden wir mit der Ausgrabung nie – es werden viele Generationen nach uns noch unendlich Wichtiges finden...

Professor Dr. Dieter Vieweger ist Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel und Direktor des Biblisch-Archäologischen Instituts Wuppertal. Der 54-Jährige ist zudem Leitender Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem und Amman, Vertreter des Propstes der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache zu Jerusalem und Koordinator der evangelischen Bildungsarbeit in der Heiligen Stadt.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 15. August 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 22. August 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / rtm / 15.08.2012



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