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Für die Installation 'Die Zwangsarbeiter' bilden schwarze Hosen und Jacken inmitten von metallenen Archivkästen in der Sinteranlage einen Kleiderberg. Foto: epd-bild / Oliver Dietze Für die Installation "Die Zwangsarbeiter" bilden schwarze Hosen und Jacken inmitten von metallenen Archivkästen in der Völklinger Hütte einen Kleiderberg. Foto: epd-bild / Oliver Dietze

Zwangsarbeit

Ein Beispiel kollektiver Verdrängungskunst

„Mord auf Raten, der billigend in Kauf genommen wurde. Es geschah am helllichten Tag. Niemand hätte nach 1945 sagen dürfen: ‚Wir haben von nichts gewusst‘.“ Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann findet klare Worte bei der Vorstellung des Mahnmals für die Zwangsarbeiter in der NS-Zeit in der Völklinger Hütte im Saarland.

„Das Thema Zwangsarbeit war lange Zeit ein Beispiel kollektiver Verdrängungskunst und ein Lehrbeispiel dafür, wie Unfassbares nicht thematisiert wird“, sagte Hofmann in seiner Ansprache zur Eröffnung des Erinnerungsorts im Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Auch in Kirche und Diakonie habe vielerorts das Bewusstsein für die Problematik gefehlt.

„Viel zu lange ging man auch in den Kirchen davon aus, dass man nicht am nationalsozialistischen System der Zwangsarbeit teilgenommen habe“, bekannte der Beauftragte der Evangelischen Kirchen für das Saarland und Sprecher der saarländischen Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit. Erst mit dem im Jahr 2000 in Kraft getretenen Gesetz zur Errichtung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zur Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern hätten auch die Kirchen nach dem eigenen Mitwirken geforscht und Erschreckendes gefunden. Verschleppte Menschen seien unter diskriminierenden Rahmenbedingungen auch von kirchlichen Stellen beschäftigt worden, so Hofmann.

Dem Vergessenwollen widerstehen

Er appellierte an die Gesellschaft, „dem bewussten Vergessenwollen und Verdrängen aktiv zu widerstehen“. Von ewig Gestrigen und Rechtspopulisten werde die NS-Zeit als „Vogelschiss“ bezeichnet und das Holocaust-Denkmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ diffamiert. „Was ist nun die Schande - die Verbrechen der Nazis an Juden, Homosexuellen, Zwangsarbeitenden – oder das Gedenken daran?“, fragte Hofmann.

Das Mahnmal im heutigen Weltkulturerbe Völklinger Hütte erinnert an die insgesamt 12.393 Männer, Frauen und Kinder vor allem aus Frankreich, Italien, Polen und den besetzten Westgebieten der damaligen Sowjetunion, die im Zweiten Weltkrieg in den Röchling’schen Eisen- und Stahlwerken Zwangsarbeit leisteten. 261 ausländische Arbeitskräfte starben, darunter 60 Kinder.

Ein „monströses Verbrechen“

Die Installation des französischen Künstlers Christian Boltanski „Die Zwangsarbeiter“, nun dauerhaft als Erinnerungsort im Weltkulturerbe zu sehen, stelle das „monströse Verbrechen“ an den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen unsentimental dar, sagte Hofmann. Boltanski habe „ein atmosphärisch dichtes und emotional stark berührendes Kunstwerk geschaffen“.

Ein Gang mit meterhohen Aktenschränken führt zu einem Kleiderberg aus schwarzen Jacken und Hosen, beleuchtet von einer Deckenlampe. Ein durchdringendes Flüstern füllt den Erinnerungsort: Constant Van de Wiele, Jules Arroeuy, Rosa Genuizzi, Olga Kreschanowskaja – die Namen aller Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter werden verlesen.

Sprechen der Namen ist wesentlich

"Das Sprechen der Namen gehört wesentlich zum Erinnerungsort dazu", erläuterte der Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Meinrad Maria Grewenig, mit Blick auf Boltanskis Installation. Dem Künstler gehe es darum, die Menschen wieder sichtbar zu machen, die in der Hütte zur Arbeit gezwungen wurden. "Die Industriekultur in allen europäischen Ländern war keine unschuldige Kultur", sagte Grewenig. Es gehe darum, zu versuchen sich mit den Zwangsarbeitern wieder zu versöhnen.

Ebenfalls  zu sehen ist die Installation "Erinnerungen". Sie setzt sich mit den regulären Arbeitern der Völklinger Hütte auseinander. In der 800 Quadratmeter großen Erzhalle hat Boltanski dafür 91 Spinde aus allen Betriebsteilen der Hütte gruppiert und beleuchtet. Aus den Spinden erklingen von ehemaligen Hüttenarbeitern gesprochene Erinnerungen an ihre Arbeit. Während die Zwangsarbeiter-Installation als Erinnerungsort dauerhaft ihren Standort im Weltkulturerbe hat, ist dieses Werk nur bis zum 31. August 2019 zu sehen.

1944 in Paris geboren, war Christian Boltanski drei Mal auf der Kasseler documenta vertreten. Ausgestellt wurden Werke von Boltanski auch auf der Kunstbiennale in Venedig, in New York, London und Paris.  

Hinweise: Die Völklinger Hütte ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Am 24., 25. Und 31. Dezember ist sie geschlossen. Zusammen mit der Historikerin Inge Plettenberg hat die Völklinger Hütte auch ein Buch zur Geschichte der Zwangsarbeiter herausgegeben.

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ekir.de / uks, epd / 06.11.2018



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