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Die rheinische Delegation besuchte auch eine evangelische Gemeinde in Damaskus. Dort hängt ein Kreuz zwischen den Porträts von Präsident Baschar Hafiz al-Assad und seinem Vater Hafiz al-Assad. Die rheinische Delegation besuchte auch eine evangelische Gemeinde in Damaskus. Dort hängt ein Kreuz zwischen den Porträts von Präsident Baschar Hafiz al-Assad und seinem Vater Hafiz al-Assad.

Christen und Muslime in Syrien

Syrische Christen sehen nur unter Assad eine Zukunft

Die Kirche in Syrien befindet sich in einer im Vergleich zu Deutschland äußerst schwierigen Situation, sie muss unter einem diktatorischen Regime als Minderheit in einem Land mit überwiegend muslimischer Bevölkerung zurechtkommen. Was das bedeutet, davon konnte sich eine Delegation rheinischen Kirche selbst ein Bild machen.

Zur Delegation, die Ende August nach Syrien und in den Libanon gereist ist, gehörten Präses Manfred Rekowski, Vizepräsident Johann Weusmann, Kirchenrat Stefan Drubel sowie Kirchenrätin Anja Vollendorf.

Was den Gästen sofort auffiel: Auch in christlichen Räumen hängt ein Bild des Staatspräsidenten. Was es damit auf sich hat, brachte der evangelische Pfarrer Reverend Boutros Za’our, der eine Gemeinde in der Altstadt von Damaskus betreut, mit einem Satz auf den Punkt: „Die Christen stehen zum Regime.“ Auch jetzt noch, trotz allem, was im Krieg geschehen ist?, wird er gefragt. „Ja, auch jetzt.“

Und  dann folgt seine Begründung, die ähnlich von vielen Christen in Damaskus zu hören war: „Ansonsten“, sagte er, und er wählte dabei ein drastisches Wort, „ansonsten würden wir von den Islamisten abgeschlachtet oder wir würden muslimisch“. Christen in Syrien sehen nur unter Assad eine Zukunft. Für sie ist er der Garant für einen säkularen Staat.

Rund 500.000 Christen sind geflohen

Die christliche Gemeinschaft zählt zu ältesten christlichen Gemeinschaften auf der Welt. Etwa zehn Prozent der Syrer (2010 waren es knapp 21 Millionen Menschen) sind Christen. Wie viele von ihnen jetzt in Syrien leben, kann nur spekuliert werden. Man geht davon aus, dass rund 500.000 Christen geflohen sind, andere Schätzungen gehen von weit mehr aus.

Ihre Angst vor einer islamistischen Herrschaft ist spürbar stark ausgeprägt. Assad ist für sie das kleinere Übel. Das wirft Fragen auf, für Präses Manfred Rekowski gibt es darauf aber keine einfachen Antworten. „Mich beschäftigt die Haltung der christlichen Kirchen zum Assad-Regime sehr“, sagte er in der syrischen Hauptstadt. „Es wurde uns vermittelt, dass das Regime sicherstellt, dass christliches Leben in dem Land weiter möglich ist.“

Und aus Sicht der Christen traue man dies eben nur Assad zu. Auch deshalb hingen die Bilder in christlichen Räumen. „Es ist auch Ausdruck der Angst die besagt: ,Wenn der IS an die Macht kommt, wird es eine grauenvolle Zukunft für uns.‘“ All dies, gab der Präses zu bedenken, „wirkt auf uns sehr befremdlich.“ Es sei ein Dilemma, und es „gibt weder einfache Lösungen noch einen Königsweg“.

Auskömmliches Verhältnis zum Großmufti ist von großer Bedeutung

Dass die Nähe aus deutscher Sicht auch äußerst problematische Züge annehmen kann, wurde bei einem Besuch bei dem Großmufti, Ahmad Badr al-Din Hassun, deutlich. Für die Kirche ist der Großmufti ein wichtiger Gesprächspartner. Ein auskömmliches Verhältnis zu ihm und seiner Behörde, die für das Verhältnis des Staates zu den Religionsgemeinschaften zuständig ist, ist von großer Bedeutung für sie.

Aber dieser muslimische Würdenträger gehört eben auch zum Regime. So unterzeichnet er nach Aussagen von hochrangigen politischen Beobachtern, wenn auch ohne eigenes Ermessen, Todesurteile, die das Regime verhängt. Im Jahr 2013 erließ er ein religiöses Dekret, in dem er Eltern dazu aufrief, ihre Kinder in die Armee zu schicken, um gegen „ausländische Feinde“ zu kämpfen. Und 2011 drohte er den USA und Europa mit Selbstmordattentaten, falls es Angriffe auf Syrien geben werde.

Liberale Positionen vs. Regimetreue

Ein Besuch, der großes Befremden hinterließ. Doch zunächst überraschte Ahmad Badr al-Din Hassun mit liberalen Positionen im interreligiösen Dialog. Er berief sich mehrfach auf Abraham als den gemeinsamen Ursprung von Judentum, Christentum und Islam. Er prangerte religiöse Prachtbauten, Kirchen und Moscheen gleichermaßen, als Verschwendung an.

Wenn Jesus auf die Erde zurückkäme, sagte er, würde er die kostbaren Gegenstände aus den Kirchen nehmen und den Armen geben. Vergleichbares gelte für Muslime. Aufgrund dieser Positionen war er lange Zeit ein gern gesehener Gast im Westen, sprach 2008 vor dem Europäischen Parlament in Straßburg und 2010 auf dem Ökumenischen Kirchentag in München.

Doch in seinen politischen Aussagen wurde seine Regimetreue umso deutlicher. Viele Syrier seien nach Deutschland geflohen, weil „ausländische Armeen mit ihren Waffen“ den Krieg ins Land getragen hätten. Flüchtlinge in Deutschland gäben vor, zur Opposition zu gehören, einzig, um den Flüchtlingsstatus zu erlangen. Was in den westlichen Medien über Assad geschrieben werde, sei falsch. „Wenn das zuträfe, was über ihn geschrieben wird“, sagte er mit einem Lächeln, „wäre ich in der Opposition“.

„Es ist extrem verstörend“

Bei den Mitgliedern der rheinischen Delegation hinterließ der Besuch, der auf ausdrücklichen Wunsch der kirchlichen Partner zustande gekommen war, viele Fragezeichen. „Es ist extrem verstörend“, erklärte Präses Manfred Rekowski, „dass ein Religionsvertreter uneingeschränkte Loyalität zu dem Regime zeigt und auch dessen Positionen vertritt.“

Eine nicht  einmal andeutungsweise vorhandene Distanz, das Verstricktsein in das Regime, spiegele sich auch darin wider, dass er die Liste mit den Todesurteilen kraft Amtes unterschreibe. Aber der Besuch hinterließ auch eine gewisse Zwiespältigkeit, denn die moderaten Töne in Bezug auf den interreligiösen Dialog der Religionen, eine offensiv einladende Haltung, mit der er auf die Christen zugeht, standen dazu in Gegensatz.

So sehr Christen eine Herrschaft von Islamistischen fürchten, so freundschaftlich fühlen sie sich ihren muslimischen Nachbarn gegenüber verbunden. Das hob auch der Patriarch der griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochia, Johannes X., bei einem Treffen hervor. „Obwohl die Mehrheit um uns herum Muslime sind, haben wir ein gutes Verhältnis zu den ihnen, und damit meine ich nicht den IS.“ Sein Bruder, der griechisch-orthodoxer Erzbischof von Aleppo, wurde 2013 zusammen mit dem syrisch-orthodoxen Erzbischof entführt. Über den Verbleib weiß er bis heute nichts.

Friedvolles Miteinander zwischen Christen und Muslimen

Probleme bereite den Menschen jedoch die schlimme wirtschaftliche Lage. Umgerechnet 1000 Dollar seien heute nur noch 100 Dollar wert. Sie kämpften jeden Tag ums Überleben. „Deshalb ist es unsere Pflicht, hier zu bleiben und sie zu unterstützen.“ Seine Kirche arbeite im Bereich der Bildung, Kultur, der Humanität und im Gesundheitswesen, in Krankenhäusern, sagte Johannes X.. „Viele Muslime sind stolz darauf, auf eine christliche Schule gegangen zu sein.“

Dieses friedvolle Verhältnis beider Religionen zueinander hat auch der Bürgerkrieg nicht verändert. Eine Beobachtung, die die rheinischen Reisende so nicht erwartet hatten. „Wir haben erlebt, wie freundlich unsere kirchlichen Partner überall begrüßt wurden“, staunten die Gäste. „Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass sich die Religionen auch jetzt nicht, während des Krieges und auch nicht durch den IS auseinanderbringen lassen“, stellte Manfred Rekowski fest. Ein positives Zeichen in all dem großen, millionenfachen Leid, das der Bürgerkrieg angerichtet hat.

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ekir.de / Angelika Wölk, Foto: Marcel Kuß / 11.09.2019



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