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Irmgard Bachor kennt die im Freilichtmuseum Kommern wieder errichtete Kirche seit ihrer Jugend. Von deren Einweihung im Jahr 1951 in Overath erzählt sie Präses Manfred Rekowski. Irmgard Bachor kennt die im Freilichtmuseum Kommern wieder errichtete Kirche seit ihrer Jugend. Von deren Einweihung im Jahr 1951 in Overath erzählt sie Präses Manfred Rekowski.

Museumsreif: die Versöhnungskirche

Den Wandel im Blick

Die Versöhnungskirche des Architekten Otto Bartning ist in Overath abgebaut und jetzt im Freilichtmuseum Kommern wieder aufgebaut worden. „Sie wurde 1951 den Bedürfnissen der protestantischen Flüchtlinge gerecht“, sagt Präses Manfred Rekowski. Und wie damals müsse Kirche bis heute auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren.

Einzug in die Kirche: Mit Musik und Andacht wurde ihr Wiederaufbau in Kommern gefeiert. Einzug in die Kirche: Mit Musik und Andacht wurde ihr Wiederaufbau in Kommern gefeiert.

„Es kommt mir vor, als wäre ich in Overath“, sagt Irmgard Bachor. „Die Kirche sieht aus wie früher, und um mich herum sitzen die Menschen aus meiner Gemeinde.“ Wie sie sind an diesem Sonntag zahlreiche Gemeindemitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde Overath nach Mechernich in der Eifel gereist, um im Freilichtmuseum Kommern ihre dort wieder errichtete Versöhnungskirche zu eröffnen. Die 83-jährige Irmgard Bachor freut sich über den originalgetreuen Aufbau und die authentische Ausstattung der Kirche. Denn als Jugendliche war sie bereits 1951 bei deren erster Indienstnahme dabei - und bis zum Abbau des Gebäudes vor zwei Jahren hat sie in ihm Taufen, Hochzeiten und Trauerfeiern miterlebt.

Ein Gotteshaus für die Flüchtlinge

Die sogenannte Diasporakapelle des Bauhaus-Architekten Otto Bartning war 1951 im bis dahin katholisch geprägten Overath im Rheinisch-Bergischen Kreis errichtet worden, um den protestantischen Neubürgerinnen und -bürgern aus Schlesien und Ostpreußen einen Ort für Gottesdienst und Gemeinschaft zu bieten. Anstehende und aufwändige Renovierungen an dem Gebäude ließen die Overather Gemeinde ihr Gebäudekonzept überdenken und die Kirche an das Museum des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) übergeben. Hier steht sie nun auf dem „Marktplatz Rheinland“, der das Leben in der Nachkriegszeit dokumentiert.

Mit Superintendentin Almut van Niekerk vom Kirchenkreis An Sieg und Rhein eröffnete der Präses die Kirche im Museum. Mit Superintendentin Almut van Niekerk vom Kirchenkreis An Sieg und Rhein eröffnete der Präses die Kirche im Museum.

„In den 50er Jahren gehörten dem evangelischen Seelsorgebezirk in Overath etwa 1800 Menschen an, 90 Prozent von ihnen waren Flüchtlinge“, berichtet der rheinische Präses Manfred Rekowski bei der Indienstnahme in Kommern. Ihre Gottesdienste feierten sie in Privaträumen, sie trafen sich in den Sälen von Kino und Wirtshaus. „Wenn gesellschaftliche Veränderungen es erfordern, ist die Kirche gefragt, darauf zu reagieren“, betont Präses Rekowski. Mit der Errichtung einer der bundesweit insgesamt 100 sogenannten Notkirchen in Fertigbauweise von Otto Bartning sei dies in Overath damals geschehen.

Hartnäckig, mutig und mit Gottvertrauen

Um die Menschen in den 156 Ortschaften zu betreuen, war der damalige Pfarrer Kurt Schalaster zu Fuß, mit dem Fahrrad und später mit Motorrad und VW-Käfer unterwegs. „Er lag der Welt und dem Himmel hartnäckig mit der schließlich erfolgreichen Bitte um ein eigenes Gotteshaus in den Ohren“, erzählt Präses Rekowski. Solch eine Hartnäckigkeit, gepaart mit Gottvertrauen, Mut und Offenheit, sei auch bei den heutigen gesellschaftlichen Veränderungen notwendig, ergänzt er: „Unsere Gemeinden reagieren auch derzeit auf neue Herausforderungen.“

Denn die Kirche Jesu Christi habe ein festes Fundament, und doch müsse sie sich regelmäßig verändern. „Mit einer quartiersbezogenen Arbeit oder mobilen Kirchen lassen sich zum Beispiel kleiner werdende Gemeinden intensiv auf ihren Stadtteil oder ihr Dorf ein“, sagt der rheinische Präses bei der Eröffnung des feierlich geschmückten Gebäudes in Kommern.

Geschmückt wie 1951: Der Overather Pfarrer Karl-Ulrich Büscher bei der Einweihung vor originalgetreuer Dekoration. Geschmückt wie 1951: Der Overather Pfarrer Karl-Ulrich Büscher bei der Einweihung vor originalgetreuer Dekoration.

Dessen Dekoration aus Girlanden mit weißen Papierblumen, aus roten Bändern und Lorbeerbäumen sei den Fotos von der ersten Indienstnahme in Overath nachempfunden worden, erzählt Martin Schalaster. Er ist der Sohn des damaligen Pfarrers Schalaster, der bis 1963 in Overath im Dienst war, und hatte als Elfjähriger die Feier mit seiner Kamera auf einem 6x9-Rollfilm festgehalten.

Weiterhin in der Mitte des Geschehens

Bis hin zu diesem Detail ist dem Museum die authentische Wiedergabe seiner Ausstellungsstücke wichtig. „Im Rheinland zeigten die Kirchtürme von weitem die wichtige gesellschaftliche Stellung der Kirchen in der Region, und diese Mitte soll auch die Overather Kirche auf unserem Marktplatz einnehmen“, sagt Anne Henk-Hollstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland. Und dass Kirche diese prägnante Position behält, ist auch dem Präses wichtig: „Unsere Aufgabe ist das Auslegen biblischer Texte sowie das stetige Eingehen auf den Kontext, in dem sie verkündet werden.“ Und wenn Kirche diesen Grundsatz befolge, beweise sie, dass sie heute wie in den 50er Jahren diasporafähig ist.

Unter dem Titel Bartning.Bartning.Bartning. Architekt der Moderne steht eine Ausstellung im Freilichtmuseum Kommern vom 6. Oktober 2019 bis 25. Oktober 2020. In ihrem Zentrum steht das von Otto Bartning ab 1945 entwickelte Notkirchenprojekt. Dafür sucht das Museum derzeit noch Fotos vom Inneren oder Äußeren der Bartning-Kirchen. Kontakt: kommern.marketing@lvr.de

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ekir.de / Text und Fotos: Sabine Eisenhauer / 22.07.2019



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