Salbung

Heilsame Berührung Gottes

Heilungsgeschichten nicht nur predigen, sondern auch nach ihnen handeln: Eine Reportage aus der evangelischen Kirche über das Thema Salbung

Die heilsame Kraft des Glaubens erfahrbar machen: Salbung in Sankt Augustin. Die heilsame Kraft des Glaubens erfahrbar machen: Salbung in Sankt Augustin.

Heilungsgeschichten stehen nicht in der Bibel, damit der Pfarrer darüber predigt, sondern damit die Gemeinde entsprechend handelt." Zu diesem Ergebnis kam der Schweizer Theologieprofessor Walter Hollenweger in der Begegnung mit Christinnen und Christen aus China, Indien und Afrika, wo die Erfahrung durchaus keine Seltenheit ist, dass Menschen nach einem Gebet um Heilung gesund werden.

Seither bemüht er sich, den vernunftbetonten Protestantismus aus seiner Selbstreduzierung auf das Wort zu wecken und die Ganzheitlichkeit des Heils wieder zum Zuge zu bringen. Gemeinsam mit Krankenhauspersonal entwickelte Hollenweger deshalb eine Liturgie für den alten biblischen Ritus der Krankensalbung. In ihm soll die heilsame Kraft des Glaubens für Menschen von heute wieder erfahrbar werden.

 

Wiederentdeckung einer verschütteten Praxis. Wiederentdeckung einer verschütteten Praxis.

Der rheinische Pfarrer Dr. Reiner Stuhlmann war einer der ersten, der nach einer Begegnung mit Hollenweger die über Jahrhunderte im Protestantismus verschüttete Praxis der Krankensalbung wieder entdeckte und sie regelmäßig im Gottesdienst praktiziert. Inzwischen macht das Beispiel in Gemeinden, Thomasmessen und Einkehrtagungen Schule - auch in Kreisen, die keineswegs als charismatisch gelten. Auf dem Kirchentag gehörte die Salbungsfeier, in der Menschen die heilsame Berührung Gottes erfahren wollten, zu einer der best besuchten Veranstaltungen in der Deutschlandhalle.

"Kranke, Gebrechliche, Mühselige und Beladene oder einfach Menschen, die Zuwendung brauchen, sind besonders eingeladen", ist auf den Handzetteln zu lesen, mit denen in Sankt Augustin-Mülldorf zwei Mal im Jahr zu einem Gottesdienst mit Salbung und Segnung eingeladen wird. Dann durchzieht der Duft von Rosenöl das Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindezentrum und Taizé-Gesänge füllen den nüchternen, betonverschalten Gottesdienstraum.

 

"Und der Herr wird sie aufrichten." "Und der Herr wird sie aufrichten."

Vollmundige Heilungsversprechen wie sie in der Esoterikszene oder in manchen charismatischen Gottesdiensten an der Tagesordnung sind, hält der reformierte Theologe Rainer Stuhlmann für "Scharlatanerie in religiösem Gewand". Für die Praxis der Krankensalbung beruft er sich ganz einfach auf das Neue Testament: "Im Jakobusbrief gibt es gerade zu eine Anleitung, wie mit den Kranken in der Gemeinde umgegangen werden soll. Die Gemeinde soll für sie beten, ihnen die Hände auflegen und sie mit Öl salben. Und der Herr wird sie aufrichten", zitiert er. Dieses Aufrichten, so Stuhlmanns Erfahrung, geschieht in dreierlei Hinsicht: Salbung kann nach biblischer Verheißung Gesundung bewirken, Erleichterung und Besserung verschaffen oder auch nur dazu beitragen, besser mit unveränderlichen Beeinträchtigungen zu leben.

Wer in Sankt Augustin im Gottesdienst zur Salbung und Segnung kommt, wird in einer geschützten Nische des Gottesdienstraumes von drei Gemeindemitgliedern erwartet, die sich zuvor gründlich mit Theorie und Praxis des alten biblischen Salbungsritus beschäftigt haben. Ganz bewusst ist die Salbung nicht allein Sache des Pfarrers, denn Salbung setzt keine Ordination voraus und kann von jedem Christen und jeder Christin vollzogen werden.

Sanfte kreisende Bewegungen

Eine junge Schwangere ist die erste, die vom Angebot der Salbung Gebrauch macht. Sie nimmt auf einem der beiden Stühle Platz, eine Salberin setzt sich ihr gegenüber, eine zweite stellt sich hinter sie, legt ihr die Hände auf die Schultern, der dritte hält die Schale mit dem Öl. Vorsichtig, fast zärtlich, mit sanften kreisenden Bewegungen verreibt die Salberin das Öl auf dem Handrücken, birgt die Hände der jungen Frau in ihren, salbt ihr auch Stirn und Schläfen.

Weil das Geschehen in den Nischen den Blicken fast entzogen sind, bleibt von den meisten Gottesdienstbesuchern unbemerkt, wie aus der Hand auf der Schulter eine Umarmung wird - liebevoll und dennoch diskret wiegt eine Salberin die Frau, die sich mit zurückgelehntem Kopf an sie lehnt. Ein leises Gebet, ein Segenszuspruch, beenden den Ritus. Ein Lächeln huscht über das Gesicht der jungen Frau, ehe sie dem nächsten in einer Kette von Menschen Platz macht, die spüren wollen, dass Gottes Segen unter die Haut geht.

"Es bedarf eines großen Einfühlungsvermögens, zu erspüren, ob jemand nur den Handrücken oder auch die Innenflächen und Stirn und Schläfe gesalbt haben möchte", berichtet eine der Salberinnen. Für sie ist das Geschehen eine intensive spirituelle Erfahrung, die anstrengend und wohltuend zugleich ist. "Ich merke, dass da Kraft fließt", versucht sie in Worte zu fassen, was die Sinne erfahren.

Wenn lang zurückgehaltene Tränen fließen

Das Salböl scheint auch seelische Erstarrung und lang zurückgehaltene Tränen zu lösen. Einen Tag bevor sie mit dem Verdacht auf Brustkrebs ins Krankenhaus musste, erbat die allein erziehende Mutter Sonja Stibitz sich außerhalb des Gottesdienstes in ihrer Gemeinde in Reichshof eine Krankensalbung. Ihre wichtigste Erfahrung dabei ist nicht, dass sich die Knoten als gutartig erwiesen und schließlich sogar verschwanden, sondern dass sich ihre Angst in einer Flut von Tränen buchstäblich auflöste und sie am nächsten Tag gelassen ins Krankenhaus gehen konnte.

Auch Gisela Nicodemus, die nach einer überdosierten Strahlentherapie mit schweren Beeinträchtigungen leben muss, hat eine heilsame Erfahrung mit der Salbung gemacht. Auf das Angebot der Krankensalbung reagierte sie zunächst zögernd, machte dann aber eine überraschende Erfahrung: "Ich konnte mich einfach ganz fallen lassen, ich fühlte mich von Gott berührt. Das hat mir unendlich gut getan und für eine längere Zeit meine körperliche Situation verändert", erinnert  sie sich. Seither nimmt sie in ihrer Gemeinde regelmäßig an Angeboten der Krankensalbung teil und lädt auch kirchenferne Menschen zu dem heilsamen Ritus ein. Nicodemus sagt: "Ich denke auch heute noch, bei einer Salbung kann auch mal eine komplette Heilung geschehen - muss aber nicht. Aber Kraft und neuen Mut kriegt man auf jeden Fall."

Natürlich wird immer wieder die Frage gestellt, ob es im Zusammenhang mit der Salbung denn auch die Erfahrung von "echter Heilung" gibt. Ja, Rainer Stuhlmann kennt solche Genesungen. Besonders im Bereich von Hauterkrankungen und psychosomatischen Diagnosen sind sie gar nicht selten. Aber er hütet sich davor, solche Erfolge lauthals zu vermarkten.

Gott heilt durch die Medizin - aber auch ohne sie

Den Arztbesuch und eine medizinische Behandlung will Stuhlmann damit auf keinen Fall ausgeschlossen wissen. "Gott heilt durch die Medizin, ohne die Medizin und manchmal auch gegen die Medizin", schreibt er denjenigen Medizinern ins Stammbuch, die Heilung in erster Linie als Reparatur eines defekten Systems verstehen und die dabei aus den Augen verlieren, dass der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Vernunftbetonten Theologen, die das Evangelium auf die Predigt und das Wort reduzieren und gern zur Vorsicht vor möglichem Missbrauch  mahnen, ruft er in Erinnerung: "Jesus hat seine Jünger beauftragt: ‚Predigt das Evangelium und heilt die Kranken‘. Der Protestantismus hat nur noch das eine gehört und die Heilung den Ärzten überlassen – zum Schaden des Glaubens und zum Schaden des Heilens."

 

14.07.2003

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 14. Juli 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 16. August 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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