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Syrische Kinder im Flüchtlingscamp Zahlé im Libanon. Syrische Kinder im Flüchtlingscamp Zahlé im Libanon.

Syrische Flüchtlinge im Libanon

Von der Hoffnung und von offenen Fragen

Das syrische Mädchen, das in einem Flüchtlingslager im Libanon lebt, hat einen großen Wunsch: Die Zwölfjährige möchte, dass die Ferien bald enden  und sie endlich wieder in die Schule kann. „Sie geht so gern in die Schule“, erzählt ihre Mutter voller Freude, „sie liebt ihre Lehrerin.“ Manfred Rekowski hört ihr aufmerksam zu.

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland ist mit Vizepräsident Dr. Johann Weusmann und einer kleinen rheinischen Delegation derzeit in Syrien und dem Libanon unterwegs, um sich ein Bild von der Situation im Bürgerkriegsland selbst und in den Flüchtlingscamps im Nachbarland zu machen. Jetzt sitzen sie in der Stadt Zahlé, in der Bakaa-Ebene, östlich von Beirut, und hören der Mutter zu, die von der Flucht berichtet: Sie, deren Namen wir aus Gründen des Schutzes nicht nennen, ist mit ihren drei Kindern und ihrem Mann vor rund sieben Jahren aus Aleppo vor dem Krieg in Syrien geflohen. Ihr Schicksal macht wie in einem Brennglas die gesamte Dramatik, die gesamte Ungewissheit über die Zukunft der zig Millionen Flüchtlinge aus Syrien deutlich.

Der Ehemann wurde auf der Flucht verhaftet

Auf der Flucht, erzählt die Frau, die knapp 40 Jahre alt ist, an einem Kontrollpunkt, hätten sie ihren Mann plötzlich mitgenommen und ins Gefängnis geworfen. Ob er der Opposition angehörte und deswegen gefangen genommen wurde? „Nein“, sagt sie resigniert, „wir kennen den Grund bis heute nicht.“ Und das ist fast sieben Jahre her. Sie machte am eigenen Leib eine Erfahrung, die viele Beobachter als typisch für das Regime in Syrien beurteilen: Es handelt der eigenen Bevölkerung gegenüber willkürlich. Das Mädchen, erzählt die Mutter, vermisst ihren Vater sehr. Wenn andere Kinder in dem Zeltlager ihren Vätern erzählten, weine die Tochter. Nun muss die Mutter die Kinder irgendwie allein durchbringen.

Sechs Millionen Einwohner, 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge

Das Flüchtlingslager etwas außerhalb von Zahlé ist eines der nicht offiziellen, ein informelles Zeltlager, das vom UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, errichtet wurde. Hier leben rund 120 Menschen. Der Libanon hat 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen, bei einer Bevölkerungsanzahl von geschätzt sechs Millionen Menschen. Es ist das Land mit der höchsten Flüchtlingsquote weltweit. Außer den syrischen Flüchtlingen leben rund 800.000 Flüchtlinge aus dem Sudan, Eritrea, dem Irak in dem Zedernland. Und 180.000 palästinensische Flüchtlinge, die seit Jahrzehnten im Land sind. Der Libanon, sagen Hilfsorganisationen, wolle nicht, dass auch die syrischen Flüchtlinge „permanent“ im Land bleiben, dass sich die Situation wiederhole. Daher unterbinde es die Errichtung von regulären Camps für sie. Also haben die syrischen Flüchtlinge bei privaten Eigentümern Unterschlupf gefunden – in Ruinen, alten Fabrikgebäuden oder, wie in Zahlé, auf dem Acker eines Bauern.

Bei Regen von oben trocken, von unten im Schlamm

Die Zelte der Hilfsorganisation darauf sind wetterfest, aber der Grund ist es nicht. Wenn es stark regnet, und in dieser Gegend regnet es im Frühjahr oft stark, steht das Wasser hoch in dem Schlamm. Miete müssen die Menschen dennoch dafür zahlen: 80 Dollar pro Monat, plus Elektrizität. Und wenn die Müllabfuhr kommen soll, koste das extra, sagen sie, sonst bleibt der Müll liegen. Das UNHCR unterstützt sie aus dem Hilfsfonds, aber das Geld reicht längst nicht.

Sehnsucht nach Sicherheit und Bildung für die Kinder

Die Mutter des zwölfjährigen Mädchens hat Arbeit in der Umgebung gefunden: Im Sommer hilft sie in der Landwirtschaft, im Winter in einer Art Packstation. Sie erzählt auch, was ihr größter Wunsch ist: An einem Ort leben zu können, der sicher ist und an dem ihre Kinder eine Zukunft haben und Bildung. Und dann spricht sie über ihre eigene Zukunft. Ihre Zukunftsgedanken, das sind so oder wohl so ähnlich die Zukunftsgedanken der allermeisten Flüchtlinge aus Syrien. Zurück? Ja, sagt sie in kargen, aber gleichzeitig alles beschreibenden Worten: Ja, eigentlich möchte sie zurück. Aber, sagt sie: Jetzt nicht. Sie habe ihre Verwandten verloren im Krieg, ihre Freunde. Sie habe niemanden mehr dort. Und dann ist da diese eine, diese traumatische Erfahrung: Der Mann wurde ins Gefängnis geworfen, einfach so, ohne einen Grund zu nennen. Willkürlich. Die Frage, ob sie zurück möchte, erhält damit einen ganz anderen Klang.

Präses Rekowski ist tief beeindruckt

Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, ist von der Geschichte der syrischen Familie tief beeindruckt. Er besucht mit einer kleinen Delegation den Libanon und Syrien, um genau dieser Frage nachzugehen: Wie stellt sich die Situation der Menschen, der Opfer dieses nun schon acht Jahre währenden Krieges dar? Bedrückend sei der Zustand in diesem informellen Camp, sagt er nachdenklich. Und dennoch habe er es als ermutigend empfunden, darin auf eine Mutter zu treffen, deren Mann in Gefangenschaft ist und die nun, allein, dennoch alles tut, um ihre Kinder zu unterstützen. „Ich empfinde das als ermutigend.“ Ermutigend finde er es auch, dass sie eigentlich zurück möchte. Gleichzeitig sagt der Präses der rheinischen Kirche aber auch. „Die Frau hat die Willkür des Regimes in Syrien erfahren. Deshalb kann ich es gut verstehen, dass sie im Moment nicht zurück möchte.“ Fluchtgeschichten sind selten einfach und eindimensional, genauso wenig wie die Lösung der Probleme in Syrien, wo die Waffen noch immer nicht schweigen. Noch sind viele Zukunftsfragen offen.

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ekir.de / Text: Angelika Wölk, Foto: Marcel Kuß / 25.08.2019



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