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Während ihres Freiwilligendienstes in einem Waisenhaus in Tansania hat Hannah Dunger mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Kinder darauf vorbereitet, wieder zu ihrer Familie oder Verwandtschaft zurückzukehren. Während ihres Freiwilligendienstes in einem Waisenhaus in Tansania hat Hannah Dunger mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Kinder darauf vorbereitet, wieder zu ihrer Familie oder Verwandtschaft zurückzukehren.

Freiwilligendienst in Tansania

Spielkameradin und Ersatzelternteil für Waisenkinder

Wie geht's weiter nach der Schule? Diese Frage stellt sich für viele junge Menschen. Hannah Dunger aus Bad Kreuznach hat sich in ein soziales Abenteuer gestürzt: einen Freiwilligendienst in einem Waisenhaus in Tansania. Nach einem halben Jahr hat sie viele schöne Erfahrungen gesammelt. Doch dann kam das Coronavirus.

„Es war immer mein Traum, vor dem Studium in einem anderen Land Erfahrungen zu sammeln und meine eigenen einzubringen“, berichtet Hannah Dunger. Mit eigenen meint sie vor allem jene aus der jahrelangen Kinder- und Jugendarbeit ihrer evangelischen Heimatgemeinde in Bad Kreuznach. Sie seien maßgeblich für ihre Entscheidung gewesen, einen Freiwilligendienst mit der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) zu absolvieren. Und so arbeitet sie seit September des vergangenen Jahres in einem Waisenhaus in Tansania – oder besser gesagt: hat sie gearbeitet. Denn die Ausbreitung des Coronavirus zwang Dunger im März zur vorzeitigen Rückreise. Ein harter Schlag für die 19-Jährige, die nach eigener Aussage sehr glücklich in Tansania war.

Schnell habe sie sich in Irente eingelebt, dem kleinen Dorf acht Busstunden entfernt von Dar es Salam, der größten Stadt Tansanias. Und die Besonderheiten des Alltags? Etwa die kalte Dusche oder das Wäschewaschen von Hand. Ebenfalls kein Problem. „Wenn man zwei Stunden in der Sonne sitzt und wäscht, macht das sogar Spaß, das hat etwas Meditatives“, erzählt Dunger und lacht. Über einen Unterschied zu ihrer Heimat, der ihr sofort aufgefallen sei, freute sich Dunger besonders: „Die Menschen sind viel herzlicher und hilfsbereiter.“ Dass jemand Fremdes einem einen guten Morgen wünsche und frage, wie man geschlafen habe, würde im zirka zwölf Flugstunden entfernten Deutschland selten vorkommen.

Viel Maisbrei und die Frage nach dem Fleischverzicht

Weniger warm wurde sie hingegen mit den traditionellen Speisen. „Es wird viel Maisbrei gegessen, der aussieht wie ein Knetklumpen, dazu gibt es meistens Spinat-Fisch-Soßen“, erzählt die 19-Jährige und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich sag mal so, wenn das Auge mit isst, greift man hier nicht unbedingt zu.“ Dafür könne man sehr gut auf dem Markt einkaufen. „Das Obst und Gemüse schmeckt viel besser als in Deutschland.“ Ohnehin habe sie als Vegetarierin keine Probleme gehabt. „Manchmal haben die Leute nur gefragt, wieso ich kein Fleisch esse. Schließlich sei es das teuerste Produkt und ich solle mir den Luxus doch gönnen.“

Faszination Kühe und Elternersatz

Die Kinder haben es laut Hannah Dunger geliebt, zu rutschen. Die Kinder haben es laut Hannah Dunger geliebt, zu rutschen.

Dunger lebte nicht nur in Irente, sondern arbeitete auch im dortigen Waisenhaus „Children’s Home“, nur zwei Fußminuten entfernt von der Doppelhaushälfte, die sie mit einem weiteren Freiwilligen der VEM bewohnte. Während der Tagschicht begann ihr Arbeitsalltag um 8.30 Uhr mit einer Andacht. „Anschließend wurde besprochen, wie es den Kindern geht und was zu organisieren ist.“ Dann wurde gespielt, „je nach Wetter drinnen oder draußen“. Letzteres bevorzugt, denn das Waisenhaus sei umgeben von einer schönen Anlage mit vielen Blumen, großen Wiesen – und Kühen. „Die faszinieren die Kinder“, berichtet Dunger mit Blick auf die Wiederkäuer, deren Milch es täglich für die älteren Kinder gebe.

„Es geht darum, den Elternersatz zu spielen, den Kindern genug Essen und Aufmerksamkeit zu geben“, fasst Dunger ihre Arbeit vor Ort zusammen. Das alles diene dem einen Ziel: die Kinder darauf vorzubereiten, wieder in ihre Familien zurückkehren zu können. „Die meisten Kinder sind Halbwaisen. Der Vater, die Mutter oder Verwandtschaft nehmen die Kinder nach drei Jahren wieder auf.“ Das Problem sei oft, dass sie sich nicht um die Kinder kümmern könnten, wenn diese klein seien. „Nahrungsersatzmittel wie Milchpulver sind hier sehr teuer, das kann sich nicht jeder leisten.“ Sei keine Verwandtschaft mehr da, werde versucht, eine Adoptivfamilie zu finden.

Zu viele Höhepunkte, um sich festzulegen

Zwischen 15 und 20 Kinder leben laut Dunger im Waisenhaus. Im Alltag sind sie nach ihrem Alter aufgeteilt. „Ich war meistens bei den älteren, den Zwei- bis Dreijährigen“, berichtet die Bad Kreuznacherin, die nun auch die Sprache Kiswahili grundlegend beherrscht. „Mit den Kindern konnte ich mich verständigen.“ Auch den sonstigen Tagesablauf habe sie gut bewältigen können.

Nach ihren Höhepunkten gefragt, braucht Dunger nicht lange für eine Antwort. „Die Entwicklung der Kinder zu sehen, da freut man sich über jeden Schritt: Sitzen, Krabbeln, Stehen, Laufen, selbstständig auf die Toilette gehen.“ Toll sei auch das Weihnachtsfest bei einer deutschen Familie gewesen oder Silvester mit den anderen Freiwilligen an der Küste zu feiern. „Ich habe so viele schöne Sachen erlebt“, fällt es Dunger schwer, sich festzulegen. Sie ist sich sicher, dass noch viele schöne Erlebnisse dazu gekommen wären – wenn das Coronavirus sie nicht zur vorzeitigen Rückkehr gezwungen hätte, die für Ende August geplant gewesen wäre.

Corona-Virus lässt Ereignisse überschlagen

In der Woche vor ihrem Abflug am 21. März überschlugen sich demnach die Ereignisse. „Mein Freund war zu Besuch, weil wir Urlaub in Tansania gemacht haben.“ Währenddessen habe sich die Situation in Deutschland dramatisch verändert. „Wir haben dann am Montag, 16. März, geschaut, dass mein Freund nach Hause kommt.“ Am selben Tag sei die Nachricht gekommen, dass alle Freiwilligen nach Hause müssten. Zu diesem Zeitpunkt war Dunger acht Busstunden von ihrer Einsatzstelle entfernt. Es ging Schlag auf Schlag: Dienstags flog ihr Freund aus, mittwochs fuhr sie zur Einsatzstelle zurück, packte ihre Sachen. „Donnerstags habe ich mich verabschiedet und samstags bin ich dann geflogen.“ Es sei ihr sehr schwergefallen, auf die Schnelle „Tschüss“ zu sagen. Schließlich habe sie ein zweites Zuhause gefunden.

Beleidigungen und Quarantäne

Mindestens genauso schwer zu verkraften seien die Erlebnisse rund um die Ausreise gewesen. „Als Weiße wurden wir für Urlauber gehalten, mussten Masken aufziehen.“ Im Bus sei das Ganze noch schlimmer geworden. „Wir wurden angeschrien, was wir hier machen und dass wir doch nicht das Virus einschleppen könnten.“ Hinzu kam laut Dunger der beängstigende Gedanke daran, in ein Land zu müssen, das deutlich mehr Coronavirus-Fälle hatte. „Zum Zeitpunkt der Ausreise gab es nur drei bestätigte Infektionen in Tansania.“

Zurück in Deutschland ging es für Dunger zwei Wochen in Quarantäne. „Ich habe dann einen Aushilfsjob angefangen.“ Ihr Dienst in Tansania sei offiziell beendet, der Vertrag laufe aber noch bis August. Wenn es die Situation zulasse, wolle sie 2021 noch mal hin, um sich richtig zu verabschieden. Gut getan hätten ihr nach der Ankunft die Gespräche mit den VEM-Verantwortlichen und anderen Freiwilligen über Videotelefonate. Wie es nach dem Dienst weitergeht, weiß sie schon: „Im Oktober beginne ich mein Grundschulpädagogik-Studium.“

„Man lernt sich selbst neu kennen“

All denjenigen, die noch an den Plänen nach der Schulzeit feilen, könne sie einen Freiwilligendienst nur empfehlen. „Man sammelt viele Erfahrungen, lernt eine neue Kultur und sich selbst neu kennen.“ All das erweitere den Horizont und verändere die eigenen Blickwinkel. „Ich dachte immer, dass die Menschen in Afrika arm sind und nur schwer ein glückliches Leben führen können.“ Dieses Bild werde in deutschen Medien häufig vermittelt. „Das ist aber zu sehr verallgemeinert. Die Leute leben nicht in Stroh- und Lehmhütten, sondern haben ein festes Haus und einen Kühlschrank.“ Und sie hätten das, was sie zum Leben bräuchten. „Den Menschen geht es gut, sie sind lebensfroh, auch wenn sie nicht immer das teuerste Handy haben.“ Diese Einstellung habe sie geprägt. „Es ist wichtig, darüber nachzudenken, was man wirklich braucht“, sagt sie und schiebt die Frage hinterher: „Ist es wirklich schlimm, mal die Wäsche mit der Hand zu waschen, keinen Strom zu haben oder kalt zu duschen?“

 

Zur Sache: Die Vereinigte Evangelische Mission

Die Vereinigte Evangelische Mission (VEM) setzt sich aus 39 Mitgliedern zusammen. Darunter sind protestantische Kirchen in Afrika, Asien und Deutschland sowie die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Sie arbeiten in gleichberechtigter Weise zusammen, um Erfahrungen zu Teilen und Menschen in Not zu helfen. Ein Arbeitsfeld der VEM ist der Freiwilligendienst im Rahmen des Weltwärts-Programms. Einsatzstellen sind beispielsweise in Ruanda und Tansania in Afrika sowie in den asiatischen Ländern China und Indonesien. Darunter sind Schulen, Waisenhäuser aber auch Frauen- und Umweltprojekte.

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ekir.de / Andreas Attinger, Fotos: Hannah Dunger / 10.06.2020



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