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 Wohngemeinschaft mit gemeinsamem Auftrag: Zusammen mit drei anderen Freiwilligen verbrachte Sophie Corazolla (zweite von rechts) mehr als ein halbes Jahr in Israel, um in einem Zentrum für Menschen mit Autismus zu arbeiten. Wohngemeinschaft mit gemeinsamem Auftrag: Zusammen mit drei anderen Freiwilligen verbrachte Sophie Corazolla (zweite von rechts) mehr als ein halbes Jahr in Israel, um in einem Zentrum für Menschen mit Autismus zu arbeiten.

Freiwilligendienst in Israel

Warum ein Freiwilligendienst mehr als eine Auslandsreise ist

Viele junge Erwachsene wollen nach ihrer Schulzeit nicht direkt in eine Ausbildung oder ein Studium starten. Dazu zählt Sophie Corazolla, die sich in Israel für Menschen mit Autismus eingesetzt hat. Die Corona-Krise zwang sie zur vorzeitigen Rückreise. Im Gepäck hatte sie aber eine Menge positiver Erlebnisse.

Sophie Corazolla Sophie Corazolla

Sophie Corazolla ist sich bewusst: Sie hätte einfach in ein Work-and-Travel-Abenteuer starten können, um sich ihren Wunsch nach einem Auslandsaufenthalt zu erfüllen. „Ich wollte aber etwas mit Mehrwert machen“, betont die 18-Jährige. Ihre langjährigen Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit des Kirchenkreises An Nahe und Glan hätten sie bei diesem Unterfangen zusätzlich motiviert. Einige Rechercherunden und Bewerbungen später entschied sich die Bad Sobernheimerin schließlich für einen Einsatz unter der Federführung der Arbeitsstelle für Auslandsfreiwilligendienste der rheinischen Kirche, der sie im September 2019 in ein Zentrum für erwachsene Menschen mit Autismus führte.

Sprachbarrieren schnell gemeistert

Das Zentrum Kfar Ofarim liegt in Ramat HaSharon, einem Nachbarort nord-östlich von Tel Aviv und ist ihres Wissens nach das größte dieser Art weltweit. „Dort leben und arbeiten mehr als 70 Menschen“, erklärt Corazolla. Aufgeteilt sei das Kfar in acht Wohngruppen, die jeweils sieben bis neun „Friends“ beziehungsweise „Chaverim“, wie die Bewohnerinnen und Bewohner genannt würden, Platz bieten. Sieben Stunden am Tag, von 7 bis 14 Uhr, war die Freiwilligendienstlerin im Einsatz. „Zum Start habe ich auf den Wohngruppen zwei Frauen unterstützt, ihnen Frühstück und Medikamente gegeben und beim Anziehen geholfen“, berichtet Corazolla. Im Anschluss sei es gemeinsam in die zwölf Tagesgruppen gegangen. Sie selbst war Teil der Kunstgruppe. „Dort wird beispielsweise gemalt oder gebastelt, wir haben aber auch Ausflüge gemacht.“ Außerdem habe sie unter anderem Chaverims zum Unterricht bei Kfar-eigenen Lehrern begleitet.

Während ihrer Arbeit hat Corazolla viel Neues über das Störungsbild Autismus gelernt. „Manche Bewohnerinnen und Bewohner sind sehr gewalttätig gegen sich selbst. Es werden aber auch verschiedene Entwicklungsstörungen sichtbar.“ Zudem gebe es große Barrieren hinsichtlich der verbalen Kommunikation. „Deswegen hat es auch einige Zeit gebraucht, jede einzelne Person kennenzulernen. Wie tickt sie? Wie kann man auf sie zugehen? Wie mit ihr kommunizieren?“, führt Corazolla aus. Zu alle dem sei die Fremdsprache gekommen. „Ich habe schon vor meiner Abreise angefangen, Hebräisch zu lernen. Das meiste kam aber vor Ort dazu.“ Ihre Kolleginnen und Kollegen hätten sie sehr unterstützt. „Die Basics für die Arbeit, Anweisungen und Smalltalk konnte ich recht schnell ganz gut“, blickt Corazolla zurück.

„Habe das Land immer besser verstanden“

Sophia Corazolla vermisst vor allem auch die Natur Israels. Sophia Corazolla vermisst vor allem auch die Natur Israels.

Nicht nur in ihrer Einsatzstelle, sondern auch in Israel selbst hat sich Corazolla nach eigenen Worten schnell eingelebt. Zum einen, weil sie mit drei anderen Freiwilligen der rheinischen Kirche in Petah Tikva zusammengewohnt hat, die ebenfalls im 25 Busminuten entfernten Zentrum arbeiteten. „Und zum anderen wurde ich viel eingeladen von meinen Kolleginnen und Kollegen.“ Bei der Suche nach Aktivitäten sei ihr außerdem aufgefallen, dass es eine große deutsche Freiwilligencommunity in Israel gebe. „Ich habe immer mehr Leute kennengelernt und bin viel im Land rumgekommen.“ Seit September war sie zudem Teil des englischsprachigen Theaters in Tel Aviv. „Durch all das habe ich das Land immer besser verstanden und mich gut an die Umstände gewöhnt“, sagt die 18-Jährige.

Mit Umständen meint sie ganz alltägliche Dinge. Beispielsweise, dass wegen des Shabbats das Wochenende am Freitag und Samstag ist. Und vor Ort anders eingekauft werde. „Es gibt keine Discounter wie in Deutschland, sondern eher kleinere Supermärkte, die aber meistens sehr teuer sind.“ Deshalb kaufe man eigentlich alles auf dem täglich geöffneten Markt ein. „Dort gibt es riesige Mengen an frischem Obst und Gemüse. Das ist ultralecker.“ Ohnehin ist Corazolla vom Essen angetan. „Das ist top, ich wurde nie enttäuscht.“ Ihre Lieblingsgerichte seien Sabich – eine Pita mit frischem Gemüse und Aubergine aus dem Ofen – sowie Jachnun, ein zwölf Stunden im Ofen gebackenes Shabbatbrot mit frischem Gemüse und Humus.

Nahostkonflikt und fehlende Barrierefreiheit

Mit Umständen meint sie aber auch, dass sich Israel durch die Religionszugehörigkeit definiere – und dadurch in einen Konflikt verwickelt ist. „Das merkt man beispielsweise an der hohen Militärpräsenz.“ Es lasse sich aber sehr glücklich und sicher in Israel leben. „Die Lebensqualität ist hoch. Der Alltag ist vom Konflikt nicht so beeinträchtigt, wie man es sich vielleicht denkt.“ Sie selbst sieht es als wichtige Erfahrung an, den Nahostkonflikt und seine Hintergründe erlebt zu haben. „Der Konflikt ist viel facettenreicher, als man es sich vorstellen kann.“

Ohnehin hat Corazolla eine ganze Menge an Erfahrungen gesammelt und mit nach Deutschland genommen, wie sie am Thema Barrierefreiheit beispielhaft aufzeigt: „Durch meine Arbeit ist mir das noch bewusster geworden.“ Insbesondere für Menschen mit Autismus gebe es viele Hürden, einem möglichst selbstständigen Leben nachzugehen. „Für manche sind wilde Geräuschkulissen wahnsinnig stressend, für andere sind es starke Gerüche, unaufgeräumte Bereiche oder einfach Stufen.“ Eine reizfreie Umwelt sei sicherlich nicht im Sinne des Erfinders, sagt sie. „Allerdings bin ich überzeugt, dass man noch einige Barrieren nehmen könnte.“

Turbulente Woche vor frühzeitiger Abreise

Positives weiß sie auf persönlicher Ebene zu berichten. „Ich wusste nicht, wie geduldig ich bin, bis ich den Job gemacht habe“, sagt sie lachend. Und es sei ein großer Erfolg gewesen, wenn eine Verbindung zu den Bewohnerinnen und Bewohnern entstanden sei. Ein Beispiel: Eine der Frauen, denen sie morgens geholfen habe, habe am Anfang viel geheult und um sich geschlagen. „Anziehen war ein Kampf. Irgendwann saß sie aber bereits am Tisch und hat auf mich gewartet. Als ich kam, rief sie meinen Namen und Schalom. Das war etwas Besonderes.“

Gerne hätte sie all das noch länger miterlebt. Doch wegen der Corona-Pandemie musste sie am 21. März und nicht wie geplant im August ausreisen. „In der Woche davor haben wir täglich stundenlang mit der EKiR, Ministerien, der Einsatzstelle und unseren Familien telefoniert. Es gab ja laufend neue Infos“, erläutert sie. In der Einsatzstelle seien unterdessen Masken und Handschuhe Pflicht für die Mitarbeitenden geworden. Weil bei einem Verbleib die Mitarbeitenden Verantwortung für mögliche Infektionen übernehmen hätten müssen, habe die rheinische Kirche sich für eine Abreise entschieden. „Wir hatten dann nur eineinhalb Tage Zeit für den Abschied und Auszug“, bedauert Corazolla. Viele Bewohnerinnen und Bewohner seien mit der Situation überfordert gewesen. „Das war schlimm mitanzusehen.“

Zwischen Sehnsucht und Zukunftsplanung

Corazolla selbst hatte kurz vor der Abreise nur noch Angst. „Wir wussten ja, dass es sich um ein gefährliches Virus handelt und mussten dicht gedrängt mit Fremden im Flugzeug sitzen.“ Zudem seien die Fallzahlen viel geringer gewesen als in Deutschland. „Es war angsteinflößend, dass man aus einem vermeintlich sicheren Land dorthin muss, wo es viel mehr Fälle gibt.“

Zurück in Deutschland vermisst sie die vielen Kulturen an einem Ort, das Essen, die Natur, die Feste sowie die große Gastfreundschaft. Nichtsdestotrotz habe sie sich wieder gut in der Heimat eingelebt. „Seit meiner Ankunft arbeite ich an einem Mikrofarming-Projekt mit, bin also landwirtschaftlich tätig.“ Parallel dazu feilt sie an ihrer Zukunft. Ihr Wunsch ist es, zu studieren – „entweder Ethnologie, etwas Psychologisches, Musik- und Theaterproduktion oder einen Kombi-Studiengang“. Denjenigen, die sich derzeit ebenfalls mit der Zeit nach der Schule befassen, möchte sie einen Freiwilligendienst ans Herz legen. „Es ist schön, etwas Sinnvolles zu machen. Außerdem lebt man im Ausland, das ist schon an sich eine tolle Erfahrung. Neben all den Erlebnissen, die einem helfen, sich persönlich weiterzuentwickeln.“ Gleichzeitig sei das Risiko gering, auch finanziell. „Es steckt eine gute Organisation dahinter.“

 

Zur Sache: Arbeitsstelle für Auslandsfreiwilligendienste

Die Arbeitsstelle für Auslandsfreiwilligendienste der Evangelischen Kirche im Rheinland bietet seit 1995 jungen Menschen die Möglichkeit, einen Freiwilligen Friedensdienst im Ausland zu leisten. Die Arbeitsstelle ist anerkannter Träger für den Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) und auch Entsende- und Aufnahmeorganisation im Weltwärts-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Seit 2018 kommen auch junge Menschen aus Partnerprojekten für einen Friedensdienst in die Evangelische Kirche im Rheinland.

 

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ekir.de / Andreas Attinger, Fotos: Sophie Corazolla / 10.06.2020



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