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GPS-Tracker für Kinder gibt als bunte Uhren oder Anhänger. Die Geräte übermitteln die Eltern genau, wo ihre Kinder sich aufhalten. GPS-Tracker für Kinder gibt als bunte Uhren oder Anhänger. Die Geräte übermitteln Eltern genau, wo ihr Kind sich gerade aufhält.

Familie

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Mit GPS-Trackern können Eltern den Standort ihrer Kinder orten. Die Hersteller versprechen weniger Sorgen für die Eltern. In manchen Fällen mag das sinnvoll sein, doch meistens vermittelt Kontrolle nur ein falsches Gefühl der Sicherheit, sagt der evangelische Psychologe Volker Rohse. Eltern sollten besser auf Vertrauen setzen.

Seit Elijah laufen kann, ist er immer wieder davongerannt. Elijah ist Autist und nimmt Dinge anders wahr als Nicht-Autisten. „Wenn andere Kinder Mama oder Papa nicht mehr sehen, dann rufen sie - aber Elijah war das völlig egal“, erzählt seine Mutter Leonie Richter (Name geändert). Zwei „extreme Situationen“, bei denen Elijah als kleiner Junge zeitweise verschwunden sei, hätten sie traumatisiert, sagt Richter.

Neben der Furcht, dass Elijah alleine nicht zurückfindet, sei auch immer die Angst dagewesen, dass „böse Menschen“ seine schutzlose Situation ausnutzen könnten. Vor anderthalb Jahren beschlossen die Richters deshalb, einen GPS-Tracker für Elijah zu kaufen, um ihren mittlerweile neunjährigen Sohn im Notfall jederzeit wiederfinden zu können. „Das GPS gibt uns jetzt einfach Sicherheit“, sagt Richter. „Im Notfall kann ich nachschauen, wo er ist.“

GPS-Tracker gibt’s als bunte Uhren oder Anhänger

Ein GPS-Tracker überträgt die Position des Gerätes in Echtzeit. Eltern können so am Smartphone nachverfolgen, wo ihr Kind sich im Augenblick aufhält. Neben Smartphones, die grundsätzlich eine GPS-Funktion besitzen, gibt es spezielle GPS-Tracker für Kinder. Zu kaufen sind sie etwa als bunte Uhren, Anhänger für den Schulranzen oder als Einlagen für die Schuhe. Hersteller werben: Eltern wissen durch die GPS-Geräte immer, wo sich ihr Kind aufhält.

Dass Kinder verschwinden oder entführt werden könnten, gehört wohl zu den größten Ängsten von Eltern. Die intensive Berichterstattung der Medien bei Einzelfällen suggeriert laut Bundeskriminalamt ein hohes Gefährdungspotenzial für alle Kinder. Die Statistik zeigt jedoch, dass der Anteil der Kinder, deren Verbleib auch nach längerer Zeit nicht geklärt ist, sehr gering ist.

Vertrauen ist grundlegendes Element in Beziehungen

Bei Kindern im Autismus-Spektrum wie bei Elijah kann es der Leiter der Evangelischen Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen in Mülheim an der Ruhr, Volker Rohse,  noch nachvollziehen, dass Eltern in bestimmten Situationen ein GPS-Gerät nutzen. Ansonsten sieht er diese Form der Überwachung  kritisch: Es gebe den Eltern ein falsches Gefühl von Sicherheit.  „Es gibt diesen bekannten Satz: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ich würde das genau umdrehen: Kontrolle ist – manchmal – gut, Vertrauen ist besser“, sagt der Diplom-Psychologe. Vertrauen sei das grundlegende Element von Beziehungen – gerade innerhalb einer Familie.

Die Ängste von Eltern und den Wunsch, dass ihre Kinder unversehrt bleiben, kann er gut nachvollziehen, aber er rät dazu, damit anders umzugehen: „Es braucht in der Beziehung von Eltern und Kindern Offenheit. Es ist durchaus möglich, mit Kindern über mögliche Gefahren und Unsicherheiten zu reden und dann entsprechende Regeln und Absprachen zu treffen. Das fördert die Selbstständigkeit von Kindern.“

Aufgaben, die das Leben stellt, lassen sich nicht technisch lösen

 Kinder brauchten das Zutrauen der Eltern, um sich auszuprobieren und Herausforderungen alleine zu bewältigen. „Die Möglichkeit von Kontrolle verführt dazu, diese zu nutzen, statt im Gespräch zu bleiben“, sagt Rohse. „ Aber Aufgaben, die das Leben stellt – wie Selbstständigkeit und Vertrauen zu andern zu entwickeln – lassen sich nicht technisch lösen.“

Obwohl die Mehrheit der Eltern ihre Kinder nicht per GPS ortet, kann sich das doch nahezu die Hälfte der Mütter und Väter vorstellen, wie eine Befragung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen im Dezember 2017 ergab. Die andere Hälfte, die sich gegen eine Nutzung von GPS-Geräten aussprach, sah in einer Überwachung ein zu starkes Eindringen in die Privatsphäre des Kindes. Außerdem fanden viele Eltern, dass man seinem Kind auch vertrauen können müsse. Rund ein Drittel der Befragten sorgte sich zudem um den Datenschutz: Sie fürchteten den Zugriff Dritter auf die Daten.

„Kinder zu überwachen ist nicht okay“

Die Kritikpunkte der befragten Eltern teilt auch Marc Urlen vom Deutschen Jugendinstitut. „Kinder von klein auf zu überwachen, ist nicht okay“, findet er. Zudem kritisiert Urlen erhebliche Sicherheitsmängel bei GPS-Trackern für Kinder: „Teilweise lassen sie sich leicht von Dritten anpeilen.“ Ein Vergleichstest aus dem Jahr 2017 stützt Urlens Kritik: Das AV-Test Institut prüfte sechs Kinderuhren mit GPS-Funktion, und bei allen stellten die Tester "erschreckende Sicherheitslücken" fest.

Die meisten Anbieter der getesteten GPS-Kinderuhren gewährleisteten den Datenschutz nicht ausreichend. Sie sammelten neben den Standortinformationen weitere sensible Daten wie etwa Rufnummern und Vitaldaten des Kindes. Im Test zeigten sich alle Kinderuhren darüber hinaus anfällig für sogenanntes Call ID Spoofing: Dabei ist es möglich, die wahre Identität des Absenders zu verschleiern. Zeigt die Uhr dem Kind an, dass Anrufe oder Textnachrichten von Mutter, Vater oder Oma stammen, muss das nicht zwingend der Fall sein. „Das Sicherheitsbedürfnis der Eltern wird ausgenutzt“, ist sich Urlen vom Deutschen Jugendinstitut sicher. „Sehr bedenkliche Geräte werden auf den Markt geworfen, weil es eine Nachfrage gibt.“

Schule verbietet Ortungsgeräte

Auch an Schulen sind GPS-Tracker mittlerweile ein Thema. „Bei uns ist das Problem nach den vergangenen Weihnachtsferien aufgekommen“, erzählt Anke Schneider, Schulleiterin einer Grundschule in Hessen. Nachdem immer mehr Kinder GPS-Uhren trugen, entschloss sich die Schulleitung dazu, die Ortungsgeräte erst einmal zu verbieten. „Wir sehen einfach keine Notwendigkeit, dass Kinder solche Uhren tragen“, sagt Schneider.

Leonie Richter erzählt, dass es ihr nie in den Sinn gekommen sei, Elijah das GPS-Gerät mit in den Kindergarten oder in die Schule zu geben. Er trage das Ortungsgerät meist nur in den Ferien oder in einer fremden Stadt. „Im Dorf lassen wir ihm die Freiheit“, sagt die Mutter von zwei Kindern. Für ihre Tochter, die keine Autistin ist, würde sie auch nie ein GPS-Gerät kaufen, betont Richter. „Klar habe ich bei beiden Kindern Angst, dass sie verloren gehen. Aber ich muss auch lernen loszulassen.“

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ekir.de / epd/ Johanna Greuter/red, Foto: epd-Bild/ Maike Glöckner / 04.11.2019



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