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Trugen zum Thema religiöse Identität bei (v. l.): Michael Rubinstein, Sabine Federmann, Gesa Edeberg, Volker Haarmann und Christoph Nötzel. Trugen zum Thema religiöse Identität bei (v. l.): Michael Rubinstein, Sabine Federmann, Gesa Ederberg, Volker Haarmann und Christoph Nötzel.

Religiöse Identität

Willkommen zuhause

Nur ein Konstrukt? Irgendwie allgegenwärtig, aber nur schwer zu fassen? Heutzutage eher eine Art  Patchworkdecke – bunt und vielteilig? Was ist religiöse Identität? Und – genauer gefragt: Was ist jüdische Identität, was ist christliche Identität? Schabbatbox lautet das Stichwort, das zu einer der Antworten gehört.

Aber der Reihe nach. Macht man es nicht zu kompliziert, lässt sich religiöse Identität als religiöse Praxis und religiöses Selbstverständnis definieren. Kurz zusammengefasst ist gemeint: an Gott glauben, beten, biblische Geschichten kennen. „Ich bin im Judentum zuhause“, so klar definiert Michael Rubinstein seine religiöse Identität. Integraler Bestandteil dieser so beschriebenen Identität ist die Auseinandersetzung mit seiner Religion, mit den Gesetzen und der Tradition, und damit dann auch das Leben oder Umsetzen der Inhalte. Michael Rubinstein ist Geschäftsführer  des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, hat gerade eine Tagung über religiöse Identität mitgeleitet. 

Das Bild eines Zuhauses verwendet auch Dr. Volker Haarmann, Leitender Dezernent für Theologie im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland und einer der weiteren Veranstalter dieser Tagung in der Reihe „Impulsives. Jüdisch-christliches Lehrhaus“: „Religiöse Identität ist für mich das Bewohnen einer bestimmten Perspektive, die Gott für unsere Sicht auf die Welt in Anspruch nimmt.“

„Willkommen Zuhause“: So lautete der Titel der Tagung. Zuhause, das ist für Michael Rubinstein nicht unbedingt und zwingend die Einhaltung von 613 Ge- und Verboten. Jüdische Identität, sie ist für ihn auch nicht einfach in Abrede gestellt, wenn einer die Kipa nicht trägt oder nicht koscher isst. „Aber ich werde das oft gefragt. Und dann frage ich mich immer, wie diese Leute selbst ihre Religion leben.“

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Für religiöse Identität gibt es immer zweierlei: eine Selbstwahrnehmung und eine Fremdwahrnehmung. Das ist den Beteiligten bei der Tagung besonders deutlich geworden. Ist Christ oder Christin, wer ein Kreuz trägt? Oder, ein anderes Beispiel von Michael Rubinstein: wer ein T-Shirt mit einer religiösen Botschaft trägt, zum Beispiel vom Kirchentag. „Ich finde das gut, denn wir sollten stolz sein, religiös zu sein“, erklärt er. Wie wichtig ist es, religiöse Identität äußerlich sichtbar zu machen? Rubinstein: „Ich finde, es sollte niemandem aufoktroyiert werden, es zu zeigen oder verheimlichen zu müssen.“

Einfach den eigenen Glauben leben. Und so erzählt Michael Rubinstein von der Schabbatbox: eine Holzkiste, gefüllt mit dem, was am Freitagabend gebraucht wird, zum Beispiel Brot, Wein, Gebetbücher. Die Box wird dann weiterwandern, zu anderen Gemeindemitgliedern. "Schabbat@home"-Box wurde diese Idee auch schon genannt. Eine Box, die unterstützt, den Glauben zu leben, über den Glauben zu reden, die Identität zu stärken.

Oder die Jewrovision, der größte jüdische Gesangs- und Tanzwettbewerb in Deutschland bzw. Europa. Es ist sozusagen der Eurovision Song Contest der Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren aus den hiesigen jüdischen Gemeinden. In diesem Jahr kamen dazu 1.200 unter dem Motto „The Circle of Live“ nach Dresden. Nächstes Jahr geht’s nach Frankfurt am Main. Willkommen in der Gemeinschaft, die Religion stiftet. Willkommen zuhause.

Keine Identität ohne Dialog

Steigen wir noch einmal tiefer ein. Religiöse Identität, sagt Volker Haarmann, ist „das Drin-Stehen in einer Geschichte, die unsere Väter und Mütter im Glauben in den biblischen Texten festgehalten haben: Erzählungen, die Gott in der Welt wahrnehmen. Erzählungen, die darauf vertrauen, dass das, was wir sehen, nicht alles ist, dass der Sieg von Ungerechtigkeit und Gewalt nicht das letzte Wort behält.“

Grundsätzlich ist noch festzuhalten: Weil Identität nicht „nur bei mir selbst“ entsteht, gilt: Es gibt keine Identität ohne Dialog, erklärt Haarmann. Identität ist ein Weg, ein Prozess, der immer auch als Gespräch oder Diskurs mit anderen geführt werden muss. Michael Rubinstein betont: „Fundierter Dialog erfordert Ahnung vom eigenen Glauben, und am besten auch vom anderen Glauben.“ Haarmann: „Die weitreichenden Gemeinsamkeiten, die uns als Christen mit dem Judentum verbinden, sind dabei eine wunderbare Entdeckung dieses Dialogs.“

Christliche Identität – dazu berichtet der Theologe von der Tagung: „Eine Teilnehmerin hat ausdrücklich bedauert, dass wir in der christlichen Tradition, anders als im Judentum, wenig konkrete Lebensweisung haben, wie wir unseren Alltag gestalten. Da gibt es in den jüdischen Traditionen sehr viel mehr Konkretes, wie der Alltag gelebt werden soll nach dem Willen Gottes und wie daraus Identität im Gehen dieses Weges entsteht. Ich denke, davon können wir auch im Christentum viel lernen.“

Auch als Exoten

Um genauer zu sein: Auch für Christinnen und Christen geht es um konkretes Tun, nicht nur um ein Gefühl. "Auch bei uns geht es um Lebensweisung und -vergewisserung. Wir haben allerdings kaum noch einen Konsens, was konkret das heißt und wie sich diese christliche Identität ausprägt.“

Und, wie schaut Haarmann auf die Geschwister? „Jüdische Identität hat nicht nur eine religiöse Dimension, sondern viel mit konkretem Leben zu tun, mit der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk auf der ganzen Welt.“ Im Judentum sei es daher völlig normal, dass es auch eine säkulare Zugehörigkeit gibt.

„Davon können wir meines Erachtens auch im Christentum noch einiges lernen: Es geht nicht nur um das Teilen eines theologischen Bekenntnisses, sondern es geht um mehr: Es geht für uns Christinnen und Christen um das Bewusstsein, in der Nachfolge Jesu Christi und gemeinsam mit dem jüdischen Volk Gottes Weg zum Leben zu wählen und dafür in der Welt einzustehen. Auch als Exoten, die eben bewusst mit dem ganz anderen Gott für eine ganz andere Gesellschaft eintreten und kämpfen, wie es der Theologe Helmut Gollwitzer einmal formuliert hat.“

Christen bleiben auf das Judentum bezogen

Wahrnehmung ist das eine. Gibt es darüber hinaus eine Art Beeinflussung? „Im Glauben relativ wenig“, sagt Michael Rubinstein. Ostereieressen bleibt einfach mal folgenlos. Aber doch, sagt er, jedenfalls in der Glaubenspraxis: Im Gottesdienst sind hebräische Gebetsbücher im Gebrauch. Und doch betet er manchmal auf Deutsch, „um die Gebete besser zu verstehen. Ich bete dann leise, nicht laut, in der mir verständlichen Sprache“.

Trägt der Glaube des anderen zur eigenen religiösen Identität bei? Haarmann: „Für mich gibt es als Christ keine Identität, die nicht im Kern auf das Judentum bezogen wäre: Weil Jesus Jude war und weil unsere ganze Bibel ein jüdisches Buch ist, das wir beim Alten Testament auch mit dem Judentum teilen, müssen wir beim Judentum lernen, um unsere eigene Identität als Christinnen und Christen finden zu können.“

Christinnen und Christen blieben auf das Judentum bezogen, können ihre Identität nicht unabhängig davon definieren. „Es gehört zur den schlimmsten Fehlern, dass Kirche seit fast 2000 Jahren sich dabei immer nur negativ vom Judentum abgegrenzt hat. Das müssen wir heute überwinden. Mit Jüdinnen und Juden hoffen wir als Christinnen und Christen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. So sagt es unsere Kirchenordnung im Rheinland.“

Angegriffene, bedrohte Identität

Bei der Tagung in Villigst, zu der u. a. auch Prof. Dr. Helga Kuhlmann (Paderborn), Landespfarrer Christoph Nötzel (Wuppertal) und Dr. Sabine Federmann (Villigst) Impulse beitrugen, hat Rabbinerin Gesa Ederberg aus Berlin ihren Impuls zunächst mit einer Gedenkminute an die Opfer des Terroranschlags auf die Synagoge in Pittsburgh begonnen. Jüdische Identität, sagt Dr. Volker Haarmann deshalb, „ist immer wieder eine angegriffene und bedrohte Identität“.

Auch in Deutschland, wo die jüdischen Gemeinden heute rund 100.000 Mitglieder haben. Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland mit der größten jüdischen Bevölkerung. Jüdisches Leben hier aber ist „aktuell weder selbstverständlich noch unbeschwert möglich“, konstatiert Michael Rubinstein. Bewachte Gemeindezentren. Eine sich verschärfende Sicherheitslage. Antisemitismus, der „in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“, in „unseliger Allianz auch unter dem Deckmantel von Israelkritik“. Mobbing jüdischer Schüler auf hiesigen Schulhöfen. „Jude“ wieder ein Schimpfwort. Schmierereien. Beleidigungen. Tätliche Angriffe.

In wenigen Tagen jährt sich das Gedenken an die Pogromnacht in Deutschland zum 80. Mal. Dr. Volker Haarmann: „Mir macht Sorge, dass christliche Identität sehr leicht missbraucht werden kann und in vielen Kontexten auch missbraucht wird: Bolsonaro in Brasilien kommt an die Macht, weil die Evangelikalen ihn unterstützen. Bei Trump ist es ähnlich. Auch bei uns gibt es einen Populismus, der den vermeintlichen Schutz des christlichen Abendlandes zur Waffe gegen andere Identitäten macht. Dagegen müssen wir uns wehren.“ 

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ekir.de / neu / 07.11.2018



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