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Inklusion (1)

Wie die Acht ins Heft kommt

Wie können Kinder mit und ohne Handicap zusammen lernen - ohne Ausgrenzung oder dass sie sich gegenseitig stören? Inklusion heißt das Zauberwort. Eine Reportage aus der „Schule am Lönsberg“ in Essen.

Ole, Emmylou und die Acht: in der LupeOle, Emmylou und die Acht: in der "Schule am Lönsberg" in Essen.

Wie kriegt Emmylou bloß die verflixt schwierige Acht in ihr Matheheft? Der Bleistift in der Hand der Siebenjährigen mit Down-Syndrom schafft es, Kugeln zu malen, die sich behäbig aufeinander türmen wie beim Schneemann draußen im Schulhof. Aber eine elegante S-Kurve zu zeichnen, nein, das geht nur mit Hilfe von Ole. Der ist schon zehn und absolut geduldig. Kann ich nicht? Das ist zu schwer? Solche Sätze lässt er nicht gelten. Stattdessen führt Ole Emmylou's Hand vorsichtig über das Papier und freut sich mit der temperamentvollen Emmylou über jeden gelungenen Strich.

Und Integrationshelferin Maike Warwel, die das Trio auf der Schulbank komplett macht, hält sich aufmerksam zurück: „Das System der gegenseitigen Hilfe ist gut“, meint die 18-Jährige aus Velbert, die auf einen Studienplatz in Heilpädagogik wartet. „Beide haben Spaß daran und lernen was.“ 

Bild-Lupe"Freistunde" in der Essener Schule am Lönsberg

„Freiarbeit“ heißt dieser Unterricht in der „Schule am Lönsberg“ in Essen, der immer in den ersten zwei bis drei Stunden im Montessori-Zweig der Gemeinschaftsgrundschule stattfindet, bevor die Kinder nach Jahrgangsklassen geordnet in den Fachunterricht gehen. Die Freiarbeit ist das Herzstück des Unterrichts und der Montessori-Pädagogik überhaupt. Sie gibt den Kindern Raum, ihre Arbeit, ihre Materialien und ihr Lerntempo selbst zu wählen – in Mathe, Deutsch oder Sachkunde.

Und liefert Emmylou damit ein willkommenes Stichwort: „Ich habe auch englische Lieder, auf meinem iPod, den hab ich gestern zum Geburtstag bekommen“, erzählt sie stolz, bevor sie sich wieder ihren Achten widmet. Dafür hat Maike Warwel, die künftige Studentin, gesorgt.

„Alle Kinder sind sowieso verschieden und jedes braucht eine eigene Förderung, egal ob mit oder ohne Handicap“, meint Schulleiterin Gabriela Paschke, die wie ein guter Geist mal hier und mal da auftaucht. „Dafür können wir hier Gelingensbedingungen schaffen.“ Die Pädagogin ist selbst Dozentin für Montessori-Pädagogik, deren wichtigster Grundsatz im Umgang mit behinderten Menschen lautet: „Hilf mir, es selbst zu tun!“

Zahlen werden anschaulich, werden einprägsam. Bild-LupeZahlen werden anschaulich, werden einprägsam.

Von den insgesamt acht Klassen mit 200 Kindern an der „Schule am Lönsberg“ im Essener Stadtteil Huttrop sind vier Montessori-Klassen mit „Gemeinsamem Unterricht“, in denen pro Klasse etwa fünf bis sechs Kinder einen „besonderen Förderbedarf“ haben: wegen ihrer körperlichen, geistigen, emotionalen oder sozialen Entwicklung.

Auf eine Förderschule nur mit anderen behinderten Kindern gehen sie trotzdem nicht, dafür sind auch die Eltern bereit, sich im Schulalltag zu engagieren. „Wir wollten immer, dass unser Sohn Jan ganz normal beschult wird“, berichtet Roland Feistel. Mittlerweile ist Jan, der an motorischen Störungen und einer Spastik leidet, in der vierten Klasse und hat viel gelernt. „Dass der die Kurve so gut kriegt, hätte ich selbst nicht gedacht“, meint Feistel anerkennend und hofft, dass sein Sohn demnächst auf die Gesamtschule kann.

Fotografisches Gedächtnis

Mittlerweile weiß jeder in der Klasse, dass Jan zwar Hilfe bei Arbeitsabläufen braucht, aber dafür hat er ein außergewöhnliches fotografisches Gedächtnis und findet schnell Dinge wieder, die andere verloren haben. Und er merkt sich vieles. „Wie war es gestern in Duisburg?“ Das hat Jan den Sonderpädagogen Guido Nymphius neulich gefragt. „Da hatte er mein Auto nur so im Vorbeifahren auf einem Parkplatz gesehen und das Nummernschild gescannt, obwohl bestimmt noch 20 andere von derselben Marke da standen. Er wusste, das war meins.“

Bei der Freiarbeit an seinem Platz im Klassenzimmer der „Bären“ ist Jan allerdings nicht sehr gesprächig und blickt kritisch durch seine modische Intellektuellenbrille auf die fremde Besucherin. Viel lieber würde er sich weiter mit Wortarten und Familienforschung beschäftigen und die Ruhe genießen. Während des Freiunterrichts nämlich wird nur geflüstert. „Wenn alle leise sind, kann man sich besser konzentrieren“, erklärt Jan das Unterrichtskonzept, für das Personal und Material hier ausreichend vorhanden sind.

Nachhall sorgt für geschäftige Stille

Wenn der Geräuschpegel doch einmal ansteigt, erklingen Klangschalen oder ein Xylophon, mit deren langem Nachhall auch die Lautstärke wie durch ein Wunder verebbt. Dann herrscht wieder geschäftige Stille, in der die Lehrerinnen, Sonderpädagogen und Integrationshelferinnen mal beratend, mal aufmunternd, korrigierend oder motivierend unterwegs sind. „Wir sind eine Montessori-Klasse“, gibt Jan weiter Auskunft, „das macht aber keinen Unterschied, wenn welche mit Behinderungen da sind, dann helfe ich einfach oder halte die Tür auf.“

So einfach ist das – wenn die Sensibilität und der Respekt füreinander erst einmal da sind. Oder besser: Wenn sie gezielt geweckt wurden. „Von alleine funktioniert Integration natürlich nicht. Dabei sein ist längst noch nicht alles“, sagt Sonderpädagoge Guido Nymphius. Als zum Beispiel Natalie mit ihrem pink-roten Rollstuhl neu in die Klasse kam, mussten alle erst einmal lernen, damit umzugehen. Warum war die kleine Kante der Gymnastikmatte in der Turnhalle so ein Hindernis für sie, warum war sie so ängstlich, wenn jemand sie durch die Gegend schob? Andere Kinder setzten sich in ihren Stuhl, um das nachvollziehen zu können, und sie selbst sah, wie viel ihr Rollstuhl konnte. „Davon haben beide Seiten profitiert“, erzählt Nymphius. „Wenn Natalie heute die Rampe in halsbrecherischem Tempo runter jagt, sind alle begeistert.“

"Inklusion" ist Haupt- und Querschnittthema der Landessynode 2013 - dazu diese Reportage. Und dazu als nächstes u.a. ein Audio mit Schulleiterin Gabriela Paschke und ein Interview mit Oberkirchenrat Klaus Eberl.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 17. Dezember 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 18. Dezember 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Bettina von Clausewitz, Fotos Anna Siggelkow / 17.12.2012



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