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Lujain Al Khalaf wird nach den Sommerferien die gymnasiale Oberstufe der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Solingen besuchen. Lujain Al Khalaf wird nach den Sommerferien die gymnasiale Oberstufe der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Solingen besuchen.

Integration

„Nach einem Jahr fing ich an, auf Deutsch zu träumen“

Vor drei Jahren kam Lujain Al Khalaf aus Syrien nach Solingen – ohne ein Wort Deutsch zu können. Nun hat die heute 17-Jährige die Qualifikationsstufe 10 ihrer Schule mit einem glatten Einser-Schnitt abgeschlossen und wird nach den Ferien die gymnasiale Oberstufe besuchen. Eine Geschichte über gelungene Integration.

Eigentlich ist Lujain Al Khalaf ein ganz normaler Teenager: Die 17-Jährige trifft sich mit ihren Freundinnen, engagiert sich in der „Schülerfirma“ ihrer Schule, liest und zeichnet gern, chattet per WhatsApp und wenn sie lächelt, blitzt eine Zahnspange auf. Was für dieses Alter eher ungewöhnlich ist: Lujain ist außerordentlich fleißig und engagiert in der Schule.

Den entsprechenden Lohn hat sie jetzt erhalten: Sie beendete die Qualifikationsstufe Zehn an der Geschwister-Scholl-Schule in Solingen mit einem glatten 1,0-Schnitt und wird dort nach den  Sommerferien die gymnasiale Oberstufe besuchen. Und das, obwohl sie erst vor drei Jahren nach Deutschland kam und die deutsche Sprache von Grund auf lernen musste.

Lujains Vater engagierte sich in der Flüchtlingshilfe der Kirchengemeinde

Lujains Vater Abed Al Khalaf, der im nordsyrischen Al-Hasaka als Arzt praktizierte, gehörte zu den ersten Kriegsflüchlingen, die im September 2015 in Solingen eintrafen. In der Notunterkunft an der Zweigstraße wurde er schnell zur „guten Seele“, dolmetschte auf Englisch und zunehmend auf Deutsch für die anderen Bewohnerinnen und Bewohner.

Als ehrenamtlicher Helfer in der Flüchtlingsarbeit der Evangelischen Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath hat er sich für die zwanglose Begegnung von Deutschen und Flüchtlingen, Christen und Muslimen, alteingesessenen und Neu- Bürgern engagiert, zum Beispiel als Gastgeber von wöchentlichen Treffen unter dem Titel „Sprechen Sie Deutsch?“, bei denen Anwohner und Geflüchtete miteinander ins Gespräch kamen.

Nach zehn Monaten konnten endlich seine Frau und die drei Kinder nachkommen. Neben den notwendigen Behördengängen waren die ersten Wochen mit dem Erlernen der neuen Sprache ausgefüllt. Lujains Mutter Sawsan, die in Syrien Mathe-Lehrerin war, arbeitet inzwischen als Übungsleiterin beim Solinger Sportverein WMTV. Der zehnjährige Abdul-Raman konnte nach einem Jahr an der Grundschule Aufderhöhe aufs Gymnasium wechseln.

Erstmal 2000 Vokabeln lernen - so wollten es die Eltern

Für die damals 14-jährige Lujain und ihren anderthalb Jahre jüngeren Bruder Khaled lag die Geschwister-Scholl-Gesamtschule nahe. „Bevor mein Bruder und ich an die Scholle kamen, mussten wir 2000 Vokabeln lernen“, erinnert sich Lujain schmunzelnd an die Vorgabe ihrer Eltern, die entsprechende Bücher im Kommunalen Integrationszentrum besorgt hatten. Mit Khaled spricht sie inzwischen eher Deutsch als Arabisch.

In Syrien hatten Lujain und ihre Brüder wegen des Krieges ein halbes Jahr keine Schule besuchen können. An der Geschwister-Scholl-Schule, eine der ersten in der Klingenstadt, die als „Schule ohne Rassismus“ zertifiziert wurde, kamen die Geschwister zunächst in die Internationale Klasse. Dabei handelt es sich um Fördergruppen an allen Schulformen, wo neu Zugewanderten ohne Sprachkenntnisse innerhalb von zwei Jahren auf den Besuch einer Regelklasse vorbereitet werden.

627 Schülerinnen und Schüler nehmen aktuell an der Erstförderung teil. Stefanie Hülskramer, Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache, erinnert sich mit an ihre beiden Neuzugänge im August 2016: „Vor allem Lujain war unglaublich wissbegierig. Sie und ihr Bruder waren trotz der traumatischen Erfahrungen des Bürgerkriegs und der Flucht sehr offen, freundlich, höflich - und vor allem immer zukunftsorientiert.“

„Ich habe mich direkt wohlgefühlt“

Nach nur drei Wochen kam Lujain schon für zwei Tage in die Regelklasse. „Dort habe ich mich direkt wohlgefühlt“, erzählt sie. „Alle waren sehr nett und hilfsbereit.“ Im Laufe des Schuljahres wurde der parallele „Deutsch- Crashkurs“ für die begabte Schülerin immer weiter reduziert. „Nach einem Jahr fing ich an, auf Deutsch zu träumen“, erinnert sich Lujain.

Klassenlehrerin Canan Altan-Yildizli war höchst angetan von dem Ehrgeiz des aufgeschlossenen Mädchens. Und ihr Kollege Erkan Yildiz erinnert sich schmunzelnd, dass er ihr eigentlich davon abgeraten hatte, in der achten Klasse auch noch Italienisch zu nehmen. „Ich habe sie gefragt, ob sie sich nicht lieber erst auf Deutsch konzentrieren wolle.“ Im Zeugnis hatte Lujain dann in beiden Fächern ein „sehr gut“.

Evangelische Religion als Wahlfach

Neben der wachsenden Sprach-Kompetenz und der persönlichen Begabung – in Syrien hatten Lujain und Khaled ein Gymnasium besucht – spielen aus Sicht des Lehrer-Duos zwei weitere Faktoren eine wichtige Rolle für ihre bemerkenswerten Leistungen: der Integrationswille und die beiderseitige Toleranz.

In der Oberstufe wird die junge Muslima als zusätzliches Fach evangelische Religion wählen. „Ich möchte einfach mehr darüber erfahren,“ sagt sie. Dafür hat sie Philosophie abgewählt - das einzige Fach, das ihr zu Beginn Probleme bereitet hat: „Das waren immer sehr lange und komplizierte Texte mit vielen Fremdworten - da musste ich jedes zweite Wort nachschlagen.“

Auch ihre Leistungskurse hat sie schon favorisiert: „Wahrscheinlich Biologie und Mathe.“ Denn Lujain möchte eventuell Pharmazie studieren. Schon jetzt ist für Lujain klar, dass sie in fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen möchte. Denn ihr Zuhause heißt jetzt Solingen.

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ekir.de / Text und Foto: Stefanie Mergehenn / 21.08.2019



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