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Kirchenrat Jürgen Sohn Kirchenrat Jürgen Sohn (Foto: Hans-Jürgen Vollrath)

Sexuelle Selbstbestimmung 1

Der beste Schutz ist präventiv

Das im Jahr 2003 eingeführte Verfahren beim Verdacht auf Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung hat dazu geführt, dass über das Thema offener geredet wird, sagt Kirchenrat Jürgen Sohn. Schutzkonzepte sind für ihn Voraussetzung für eine gute Prävention.

Herr Sohn, seit 2003 gibt es in der rheinischen Kirche ein Verfahren beim Verdacht auf Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung. Was zeichnet es aus?
Die rheinische Kirche hat ein strenges und klar geregeltes Verfahren samt einer Null-Toleranz-Politik eingeführt. Sie geht konsequent jedem Anhaltspunkt bei Pfarrerinnen und Pfarrern, bei privatrechtlich Beschäftigten und bei ehrenamtlich Mitarbeitenden nach. Außerdem hat sie eine unabhängige Kommission eingerichtet, die über die Vergabe von Leistungen in Anerkennung des Leids für Betroffene von sexualisierter Gewalt befindet. Grundlage sind hierbei Glaubwürdigkeitskriterien.

Welche Erfahrungen hat die rheinische Kirche mit ihrem Verfahren bisher gemacht?
Die Akzente haben sich inzwischen deutlich verschoben: Die Prävention ist gegenüber einer lediglich reagierenden Intervention in den Vordergrund gerückt. Über das Verhalten bei Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung wird jetzt offen geredet. Bewährt hat sich zudem, dass Verdachtsfälle nicht mehr von wechselnden Personen bearbeitet werden, sondern eine einzige ermittelnde Juristin zuständig ist, zurzeit ist das Landeskirchenrätin Iris Döring. Als problematisch erweist sich immer noch die teilweise lange Dauer von Verfahren, das ist für alle Beteiligten sehr belastend. Eine weitere Baustelle hat sich mit den sozialen Medien aufgetan, auch wenn in der rheinischen Kirche seit 2013 Social-Media-Guidelines gelten.

Die EKD hat im November 2018 einen Elf-Punkte-Handlungsplan beschlossen. Welche Bedeutung hat er für die rheinische Kirche?
Die Gefährdung der sexuellen Selbstbestimmung ist in der evangelischen Kirche nicht erst Thema, seit die EKD es auf ihre Tagesordnung gesetzt hat. Diesen Eindruck kann man angesichts der medialen Berichterstattung nach der EKD-­Synode 2018 zuweilen bekommen. Der Elf-Punkte-Plan der EKD bringt für die Praxis der rheinischen Kirche zwar keine grundlegende Neuorientierung, aber mit einer Übernahme der EKD-Richtlinien würde sich  die Verbindlichkeit der Maßnahmen erhöhen und zwar auf allen Ebenen. Der durch die EKD angestoßene Prozess verweist uns außerdem darauf, dass das, was die rheinische Kirche seit 2003 erarbeitet hat, kein Selbstläufer ist, sondern sich immer wieder dem Alltag stellen muss.

Welche Konsequenzen hat ein Kirchengesetz für die rheinische Kirche?
Ein Kirchengesetz regelt die Intervention und Prävention für alle Ebenen verbindlich. Dazu gehören etwa Schutzkonzepte in den Kirchenkreisen. Diese werden bereits jetzt in vielen Kirchenkreisen auf freiwilliger Basis erarbeitet. Die rheinische Kirche wird zudem Fortbildungsangebote verstärken, gerade für die vielen Bereiche in der Kirche, die von staatlichen Regelungen, wie sie etwa in den Einrichtungen der Offenen Tür oder den Kindertagesstätten gelten, nicht betroffen sind. Das gilt für die Arbeit der Ehrenamtlichen genauso wie die der beruflich Mitarbeitenden, beispielsweise in der nichtverbandlichen Jugendarbeit, für Kinderchöre, die Kirche mit Kindern, die Konfirmandenarbeit oder für Freizeiten. Wir sind im Rheinland auf einem guten Weg, weil wir schon viele Multiplikatorinnen und Multiplikatoren geschult haben.

Was kommt auf die Gemeinden zu?
An erster Stelle steht die Erstellung eines Schutzkonzepts. Dazu gehört eine Risikoanalyse. Darin werden alle Gemeindebereiche, in denen Kinder, Jugendliche und andere Schutzbedürftige zusammenkommen, systematisch erfasst. Die Handreichung „Schutzkonzepte praktisch“ enthält entsprechende Checklisten und Fragebögen. Die landeskirchliche Ansprechpartnerin für Betroffene, Claudia Paul, vermittelt Presbyterien auf Nachfrage auch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die sie bei der Analyse unterstützen. Die Kontaktdaten sind auf www.ekir.de/ansprechstelle zu finden. Prävention ist genuine Gemeindearbeit. Sie hat mit der Haltung einer Kirchengemeinde, Kindern und Jugendlichen, aber auch allen anderen bestmöglichen Schutz vor der Verletzung ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu bieten zu tun.

Info
Die Evangelische Kirche im Rheinland gestaltet am kommenden Sonntag, 27. Oktober 2019, einen Radiogottesdienst auf WDR 5. Er wird um 10 Uhr aus der Lukaskirche Kaarst übertragen und hat das Thema: „Ich aber vertraue auf Dich, Gott – Sexualisierte Gewalt und Kirche“. Vizepräses Christoph Pistorius, zugleich Leiter der Personalabteilung im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland, und Ille Ochs, Krankenschwester, Theologin und Therapeutin, werden eine Dialogpredigt über Psalm 55 – eine Klage über treulose Freunde – halten.

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ekir.de / red / 21.10.2019



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