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Partizipation Jugendliche der Kirchengemeinde Sankt Augustin, Niederpleis und Mülldorf verteilen das Abendmahl. Auf diese verantwortungsvolle Aufgabe werden sie unfassend vorbereitet.

Partizipation

Ein Grundmoment von Kirche

Eines der Themen der Jugendsynode ist Partizipation - und die Jugendsynode selbst ist Partizipation. Wie Partizipation in der Gemeinde-Praxis geschieht, das erzählt Pfarrer David Bongartz von der Evangelischen Kirchengemeinde Sankt Augustin, Niederpleis und Mülldorf im Kirchenkreis An Sieg und Rhein.

Verantwortung werde nicht abgegeben, sondern geteilt, sagt Pfarrer David Bongartz. Verantwortung werde nicht abgegeben, sondern geteilt, sagt Pfarrer David Bongartz.

Was genau bedeutet Partizipation?

Partizipation ist die Teilhabe jedes einzelnen Menschen an gesellschaftlichen Prozessen: Ich kann mich einbringen mit dem, was ich kann und möchte – Partizipation ermöglicht somit die Mitgestaltung und Mitverantwortung an dem, was in meinem Umfeld geschieht.

Gibt es ein Recht auf solch eine Teilhabe in der Kirche?

Das Wort „Recht“ gefällt mir an dieser Stelle nicht. Denn Partizipation ist für mich viel mehr als ein „Recht“: Partizipation ist ein Grundmoment von Kirche. Kirchliche Gemeinschaft soll davon geprägt sein, so wie es auch im 1. Korintherbrief beschrieben wird, wenn von dem einen Leib und den vielen Teilen die Rede ist, die sich mit ihren Gaben und Talenten einbringen. Dass dies nicht immer einfach ist, wird hier auch deutlich.

In Ihrer Gemeinde wird die Verantwortung an junge Menschen abgegeben – sind sie damit nicht eventuell überfordert?

Es wird nicht „die“ Verantwortung abgegeben, sondern Verantwortung wird geteilt. Das ist ja ein großer Unterschied.

Wenn ich jungen Menschen Gestaltungsfreiheit gebe, Leitung übertrage, dann übergebe ich ihnen Verantwortung. Und zugleich ist es eine wichtige Aufgabe von Hauptamtlichen in der Jugendarbeit hinzuschauen, welche Aufgabe ein Jugendlicher übernimmt, um ihm dann die nötige Hilfestellung zu geben, diese auszufüllen.

Am Beispiel der Jugendandachten und Sonntagsgottesdienste mit Abendmahl, die bei uns von Jugendlichen völlig eigenständig gestaltet werden, wird das deutlich. Die Verantwortung für den Gottesdienst wird nicht einfach auf sie übertragen. Vielmehr mache ich mich mit denen, die Lust und Zeit haben, auf einen Weg, bei dem sie diese Verantwortung wahrnehmen können. Wir überlegen, welche Klippen und Hürden das Thema hat, das sie für den Gottesdienst ausgesucht haben, und geben Feedback zu Texten, die die Jugendlichen verfassen. Wir überlegen gemeinsam, welche Bedeutung für uns das Abendmahl hat. Und schlussendlich schaue ich zusammen mit ihnen, wie es ist vor einer Gemeinde zu stehen und miteinander Gottesdienst zu feiern.

Am Ende durfte ich in den letzten Jahren erleben, dass Jugendliche damit nicht überfordert sind, sondern Sonntagsgottesdienste mit der ganzen Gemeinde feiern, die zeigen, dass Kirche eine Zukunft hat. Mit Jugendlichen, die aus vollem Herzen mündiges Christentum leben. Und die Gemeinde spürt es. Dies zeigen die wachsende Zahl an Teilnehmenden und die Rückmeldungen aus der Gemeinde.

Insgesamt arbeiten in der Gemeinde mehr als sechzig Jugendliche mit. Insgesamt arbeiten in der Gemeinde mehr als sechzig Jugendliche mit.

Wie wird die Partizipation in Ihrer Gemeinde noch praktiziert?

Im Konfi-Unterricht sind jugendliche Mitarbeitende an vielen Stellen eingebunden und können eigene Ideen einbringen und umsetzen. Sie übernehmen die Leitung in Kleingruppen genauso wie Aufgaben für die gesamte Gruppe. Dies gilt genauso für den Kinder- und Jugendtreff wie die Kinderkirche.

Dann gibt es noch den Jugendausschuss. Er ist zur Hälfte mit Jugendlichen besetzt und hat Mitspracherecht bei der Jahresplanung, konzeptionellen Fragen und der Verwendung von Geldern. Hauptamtliche wie Presbyteriumsmitglieder nehmen den Ausschuss als gewichtiges Gremium wahr.

Darüber hinaus gibt es zweimal im Jahr eine Vollversammlung, zu der alle derzeit etwa sechzig Mitarbeitenden in der Jugendarbeit und weitere Jugendliche kommen können.

Und es wird Partizipation gefördert, indem bei einer Mitarbeiterfreizeit und einer jährlichen Mitarbeiterschulung das passende Handwerkszeug vermittelt wird, um sich auf vielfältige Art und Weise einzubringen.

Und Jugendliche lassen sich auf die dafür notwendige Verbindlichkeit ein?

Dass junge Menschen generell keine Verbindlichkeit wollen, das erlebe ich überhaupt nicht. Mit Blick auf Schule und einem immer umfassenderem Freizeitangebot ist jedoch die Belastung der Einzelnen größer geworden. Es verleitet dann dazu, manchen überreden zu wollen – nach dem Motto „Ach komm, mach mit, ist nicht so viel Arbeit.“ Das funktioniert aber auf Dauer nicht.

Denn Jugendliche wie auch andere Gemeindeglieder wollen ernstgenommen werden. Vielmehr muss die Frage lauten: „Wobei möchtest du mitmachen? Woran hast du Freude?“ Und wer dann mitmacht, ist meist mit Feuereifer und großer Verbindlichkeit dabei.

Was braucht man für Partizipation noch?

Aus der Perspektive der Kirchengemeinden ein leitendes Haupt- und Ehrenamt, das sich die Zeit nimmt für Teamarbeit auf Augenhöhe und bereit ist, sich auf Neues einzulassen.

Und es braucht an der einen oder anderen Stelle auch Geld. Gerade in der Jugendarbeit habe ich es manchmal erlebt, dass gesagt wird: „Die sollen doch erstmal machen!“ Das finde ich schwierig. Niemand käme auf die Idee einen Kirchenchor ohne Chorleitung, Noten und einen gescheiten Übungsraum ins Leben rufen zu wollen. Warum soll es dann bei einer Jugendband anders sein?

Ein Bandcoach ist eine große Hilfe, ein Proberaum und Instrumente müssen da sein. Und wenn es Jugendliche gibt, die hier aktiv werden wollen, sollten hierfür auch die finanziellen Mittel da sein.

Bestimmen die Jugendlichen auch die Themen des Konfi-Unterrichts?

Nach meinem Empfinden sind viele Themen wie Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Bibel und vieles mehr bereits gesetzt. Aus gutem Grund. Aber hier ist Partizipation umso wichtiger! Wenn ich mit den Teamern zusammen überlege, wie ein Thema umgesetzt wird, dann erst ist es nah bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden. Und zugleich gibt es natürlich auch innerhalb der Themen genügend Freiräume für eigene Schwerpunktsetzung.

Welche Hürde muss Partizipation überwinden?

Neben den bisher genannten Überlegungen ist vielleicht auch noch die Bereitschaft wichtig, manches eben einfach geschehen zu lassen und Jugendlichen die Freiräume zu lassen, sich auszuprobieren. Das führt dann dazu, dass manches vielleicht nicht auf den Punkt ist, das Public Viewing verspätet beginnt oder manche kommunikative und inhaltliche Chance in der Predigt verpasst wird. Aber ehrlich gesagt ist das bei Projekten, die hauptamtliche Erwachsene in die Hand nehmen, auch nicht viel anders.

Aber Sie lassen die Jugendlichen nicht auf die Nase fallen?

Nein, das wäre unfair und kein Miteinander auf Augenhöhe. Sollte dem Presbyterium oder der Jugendfachkraft eine Idee unrealistisch scheinen, dann würde das den Jugendlichen deutlich gesagt.

Wir sind viel mehr ehrlich bei Projekten und fordern eine gewisse Vorarbeit ein, so etwa bei der von den Jugendlichen geplanten Teilnahme am Karnevalsumzug im Ort. Wir haben ihnen offen gesagt, dass wir dafür derzeit keine personellen Kapazitäten im Hauptamt freihaben, dass wir aber ihr Vorhaben unterstützen, wenn sie uns bis Januar ein Konzept erarbeiten mit Finanzierung, Motto und genügend Leuten, die mitmachen.

Und das funktioniert dann auch alles?

Bisher ja. Und das habe ich während meiner Zeit in der Jugendkirche in Mönchengladbach-Rheydt erlebt und erfahre es auch jetzt wieder. Es ist das, was mich an Jugendarbeit so sehr reizt und mir selbst immer wieder neue Erfahrungen und Impulse schenkt. Ich bin dankbar, dass ich hier selber partizipieren darf.

HINWEIS Partizipation, Jugend- und Familienarmut sowie Jugendarbeit sind Themen der Jugendsynode, die vom 4. bis 6. Januar in Bad Neuenahr tagt. Anschließend tritt dort die Landessynode zusammen.

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ekir.de / Interview: Sabine Eisenhauer, Fotos: Kirchengemeinde St. Augustin Niederpleis und Mülldorf / 02.01.2019



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