EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Vor dem Zug bei Compiegne nach Unterzeichnung der Kapitulation, die den Ersten Weltkrieg beendet. Foto: Wikicommons Vor dem Zug bei Compiegne nach Unterzeichnung der Kapitulation, die den Ersten Weltkrieg beendet. Foto: Wikicommons

Vor 100 Jahren unterschrieb Matthias Erzberger die Kapitulation des Deutschen Reiches

"Gerettet, was überhaupt zu retten war"

Zu verhandeln gab es nichts. Das stellten die Siegermächte schon zum Auftakt des Treffens in einem Eisenbahnwaggon bei Compiègne klar. Verlangt wurde Unterwerfung. Die Folgen dieses Diktats erschütterten die junge Republik.

"Der nationale Leidensweg nach Compiègne war das Schwerste und Bitterste, was mir in meiner amtlichen Tätigkeit auferlegt worden ist", schrieb Matthias Erzberger rückblickend. Eine Alternative zur bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sah der Zentrumspolitiker und Chef der Verhandlungsdelegation im November 1918 nicht. Im Gegenteil: "Ich habe das Bewusstsein, für unser teures Vaterland gerettet zu haben, was überhaupt zu retten war."

Die rechtsradikalen Feinde der jungen Republik sahen in dem Erstunterzeichner der erniedrigenden Waffenstillstandsvereinbarung vom 11. November, die bereits in wesentlichen Zügen den Friedensvertrag von Versailles vorwegnahm, dagegen einen Verräter. Sie nannten ihn "Novemberverbrecher". 1921 schlug der Hass in die Tat um: Rechtsradikale Offiziere erschossen Erzberger bei Bad Griesbach im Schwarzwald.

Dass Erzberger im französischen Salonwagen bei Compiègne rund 80 Kilometer nördlich von Paris mit der Kapitulation mittelbar sein eigenes Todesurteil unterschrieben hatte, ist der Obersten Heeresleitung (OHL) zuzuschreiben. Obwohl sie alleinverantwortlich für das militärische Debakel an der brüchig gewordenen Front war, überließ sie einem Zivilisten die undankbare Aufgabe, einen Waffenstillstand zu erreichen. "Mir konnte es nur lieb sein, wenn bei diesen unglückseligen Verhandlungen, von denen nichts Gutes zu erwarten war, das Heer und die Heeresleitung so unbelastet wir möglich blieben", notierte Generalleutnant Wilhelm Groener.

"Dolchstoßlegende" gestrickt

Die Heeresleitung hatte sich geschickt aus der politischen Schusslinie genommen. Die von weiten Teilen der Bevölkerung als Schmach empfundene Niederlage war fortan untrennbar mit dem Namen Erzberger verbunden. Auf ihm lastete in der Frühzeit der Weimarer Republik eine schwere Hypothek, auch, weil die Militärs fleißig an der "Dolchstoßlegende" strickten: Das Heer sei "im Felde unbesiegt" geblieben und von "inneren Feinden", darunter Juden, Kommunisten und bürgerliche Demokraten, "hinterrücks erdolcht" worden. Eine These, die vor allem in rechtsradikalen Offizierskreisen verfing - und die letztlich zur Ermordung Erzbergers führte.

Für Theodor Heuss (FDP), den ersten deutschen Bundespräsidenten, wäre es die Pflicht der OHL gewesen, selbst zu kapitulieren. Sie allein sei für den Ablauf der Kriegshandlungen verantwortlich gewesen. Dass Erzberger den Generälen diese Last abnahm, "war sachlich und menschlich eine fehlerhafte Entscheidung", urteilte Heuss.

Tausende Soldaten desertierten

Der Krieg war spätestens mit dem Eintritt der USA aufseiten der Entente-Mächte am 6. April 1917 nicht mehr zu gewinnen. "Dass das Deutsche Reich den Krieg im Sommer und Herbst 1918 verloren hatte, daran gibt es keinen Zweifel", betont der Freiburger Historiker Jörn Leonhard. Sehr viele Soldaten waren getötet worden. Auch wurden laut Leonhard mehr kaiserliche U-Boote versenkt als neue gebaut werden konnten. Eine längere Fortsetzung der Kämpfe sei schlicht unmöglich gewesen.

Bereits am 14. August stufte die OHL die militärische Lage als aussichtslos ein, obwohl sich die deutschen Truppen noch tief im Feindesland befanden. Doch die Soldaten hatten genug vom verlustreichen Grabenkrieg. Tausende Soldaten desertierten. Am 29. September forderte die militärische Führung geradezu panisch, sofort Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen. Ein Schock für die hungernde Bevölkerung: Der von der kaiserlichen Propaganda vier Jahre lang unermüdlich versprochene "Siegfrieden" löste sich buchstäblich in Luft auf.

"Trotzdem abzuschließen"

Über die Schweiz wandte sich Max von Baden, der letzte Kanzler des untergehenden Kaiserreichs, an US-Präsident Woodrow Wilson mit der Bitte, sofort Gespräche über ein Ende der Kämpfe aufzunehmen. Der stellte jedoch zahlreiche Bedingungen. So pochte Wilson darauf, zuvor den U-Boot-Krieg einzustellen, General Ludendorff zu entlassen und eine unumkehrbare Parlamentarisierung einzuleiten.

Matthias Erzberger, Staatssekretär ohne Geschäftsbereich, wurde Leiter der Waffenstillstandskommission. Er wählte nur zwei Militärs und einen Vertreter des Auswärtigen Amtes zu seinen Begleitern. Nach einem ersten Treffen mit den Siegern war Erzberger schockiert darüber, welche Kapitulationsbedingungen der französische Marschall Ferdinand Foch diktierte: Dieser gab unmissverständlich zu verstehen, dass nicht über einzelne Bedingungen verhandelt werde, sondern die Kapitulation wie vorgelegt zu akzeptieren sei. Erzberger kabelte zur OHL, Antwort Hindenburgs: Es müsse "versucht werden, Erleichterungen zu erreichen. Gelingt Durchsetzung nicht, so wäre trotzdem abzuschließen".

Unterzeichnung am Morgen des 11. November

Am Morgen des 11. November vor 100 Jahren setzten Erzberger und Foch ihre Unterschriften unter die Kapitulationsurkunde. Alle besetzten Gebiete mussten geräumt werden, ebenso das gesamte linke Rheinufer. Daneben war eine 35 Kilometer breite Zone zu schaffen, in der kein Militär stationiert werden durfte. Die Kriegsgefangenen mussten freigelassen, alle U-Boote, Kanonen, Munition und Lokomotiven abgeliefert werden. Köln, Koblenz und Mainz sollten von alliierten Truppen besetzt werden. Und: Die Seeblockade des Reiches blieb vorerst bestehen, deutsche Kriegsgefangene blieben zunächst interniert.

Um elf Uhr erklangen überall an der Front Trompeten. Sie verkündeten das Ende der Kämpfe. Danach verstummten die Waffen endgültig - in einem Krieg, in dem insgesamt rund 15 Millionen Menschen getötet worden waren.
 

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

epd / 09.11.2018



© 2018, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.