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Seniorinnen und Kinder singen zusammen, die Bergische Diakonie bringt sie zusammen. Seniorinnen und Kinder singen zusammen, die Bergische Diakonie bringt sie zusammen.

Bergische Diakonie

Begegnungen auf Ohrenhöhe

Einmal in der Woche besuchen Kinder und Jugendliche aus dem Heilpädagogisch-Psychotherapeutischen Zentrum der Bergischen Diakonie in Wülfrath die Seniorinnen und Senioren im benachbarten Alten- und Pflegeheim Haus-Otto-Ohl. Hier musizieren Kinder und alte Menschen gemeinsam. Was bleibt: Strahlen in ihren Augen.

Auch das Trommeln auf Bongos geschieht gemeinsam. Auch das Trommeln auf Bongos geschieht gemeinsam.

Samuel kommt heute ein bisschen abgehetzt im Gemeinschaftsraum im Haus-Otto-Ohl an. Der Zwölfjährige lässt sich auf einen Stuhl fallen. „Beinahe hätte ich es nicht geschafft“, sagt er. Aber Samuel wollte es schaffen und deswegen hat sich der Zwölfjährige richtig ins Zeug gelegt.

Die meisten anderen sind schon da: Musiktherapeutin Cornelia Hessenberg sitzt schon am Klavier, Rebecca Schüttler vom Sozialen Dienst des Alten- und Pflegeheims kommt gerade mit einem Bewohner im Rollstuhl in den Raum. Und auch Timo (10) hat heute tatkräftig mit angepackt, um die älteren Teilnehmenden der Gruppe in den Gemeinschaftsraum zu holen.

Fast jeden Mittwochnachmittag treffen sich die Kinder aus dem Heilpädagogisch-Psychotherapeutischen Zentrum (HPZ) hier mit Bewohnerinnen und Bewohnern zum gemeinsamen Musizieren. Einige der Seniorinnen und Senioren sind dementiell verändert, andere haben das Sprechen verlernt.

Gemeinsam singen - Lieder der Alten, Lieder der Kinder. Gemeinsam singen - Lieder der Alten, Lieder der Kinder.

Teilnahme ist Ehrensache

Aber sowohl für die alten Menschen als auch für die Kinder ist die Teilnahme längst Ehrensache. „KiOtO – Kinder im Otto-Ohl-Haus“ hat die Bergische Diakonie in Wülfrath das Projekt genannt, das vor 24 Jahren ins Leben gerufen wurde. In der Regel nehmen fünf bis sechs Kinder und acht bis zehn ältere Menschen an der Gruppe teil.

Inzwischen ist Samuel wieder zu Atem gekommen. Alle haben einen Sitzplatz in dem großen Kreis gefunden, die Kinder ebenso wie die Bewohnerinnen und Bewohner der Alten- und Pflegeeinrichtung. Und als Cornelia Hessenberg fragt, wer heute die Begrüßungsrunde übernehmen will, da meldet sich der Zwölfjährige fröhlich. Die Klaviertöne erklingen und alle stimmen ein: „Hallo, hallo...“.

Fast ein bisschen übermütig, mit dem Schalk im Nacken rüttelt Samuel an Timos Hand und brüllt „Hallo, hallo“. Die beiden kennen sich gut und prusten fröhlich los, bevor Samuel seine Runde fortsetzt. Aber dann ist eine alte Dame an der Reihe und der Gesichtsausdruck des Jungen verändert sich, wird sanft und ruhig. Samuel nimmt vorsichtig die alte Hand, die nicht mehr selbst greifen kann, streicht einmal über die alten Finger und singt freundlich sein „Hallo“.

Ansteckende Lebendigkeit

Erst danach setzt er die Runde fort. Es ist ein rührender Augenblick und auch Cornelia Hessenberg staunt immer wieder – über berührende Begegnungen, über Kinder, die aus vollem Munde alte Volkslieder singen, über Senioren, die in Gesellschaft der Jungen und Mädchen aufleben.

„Bei den alten Menschen hat die Musik eine ganz besondere Bedeutung“, sagt die Musiktherapeutin. Das Kurzzeitgedächtnis sei häufig nicht mehr so aktiv, das Langzeitgedächtnis funktioniere aber meist noch sehr gut. Und deswegen könnten viele ältere Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Sprechen hätten, noch alte Lieder singen. „Die Kinder bringen eine Lebendigkeit hier rein, die auf die alten Menschen ansteckend wirkt“, beobachtet Cornelia Hessenberg.

Eine von ihnen ist Sigrid Spittler. Die Freude über den Besuch der Kinder ist der 84-Jährigen ins Gesicht geschrieben. Sie blättert aufmerksam durch das Liederheft, das Timo verteilt hat, und dann stimmt sie auf Samuels Wunsch mit ein: „Wo ist die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss geklaut?“ Ja, die Begegnung mit den Kindern tue ihr gut, sagt sie. „Die Jungen und Mädchen gehen auf uns ein und man lernt auch mal neue Lieder“, erzählt Sigrid Spittler.

Lieder und Gedanken sind frei

Auch den Kindern macht es Freude, neue Lieder zu lernen. Inzwischen müssen Timo und Samuel nicht mal mehr auf den Text im Heft gucken, wenn sie „Die Gedanken sind frei“ anstimmen. Stattdessen schließen sie sogar manchmal die Augen und singen laut und klar die alten Texte. Und auch als sich eine Dame das Lied „In einer kleinen Konditorei“ wünscht, sind die Jungs textfest dabei.

Kinder, die eigentlich ganz andere Musik hören, seien häufig gebannt, wenn sie sehen, welche Orientierung die alten Melodien den Senioren geben, sagt die Musiktherapeutin. So entdecken sie die Macht der Musik auch für sich.

Und noch einen Effekt beobachtet Cornelia Hessenberg: „Die Kinder sehen sich oft mit ihren Schwächen konfrontiert“, erzählt die Musiktherapeutin. Sie haben häufig schwere Zeiten und schlimme Erfahrungen hinter sich.  Aber im Umgang mit den älteren Menschen würden die Kinder erleben, dass die Männer und Frauen häufig noch viel schwächer seien als sie selbst. „Und dann entdecken die Kinder: Wir sind die Stärkeren, die diesen Menschen etwas vermitteln und geben können.“

Scherzen, trommeln, lachen

Was die Kinder an diesem Nachmittag bei den älteren Bewohnern zurücklassen, ist ein Leuchten in deren Augen. Sie scherzen mit den Senioren, halten auch mal Hände, trommeln leise gemeinsam mit ihrem älteren Nachbarn auf den Bongos und sie zeigen ihr Können bei Soloeinsätzen. Samuel erzählt, dass er am liebsten die Scherzstrophen der Lieder mag. Timo lacht und nickt.

Dann berichtet der Zehnjährige, dass er schon ganz lange bei dem Projekt dabei ist und inzwischen sogar die Rollstühle schieben kann. Und als Samuel sich gemeinsam mit Timo dann hüpfend auf den Rückweg in seine Wohngruppe macht, da strahlen beide über das ganze Gesicht.

DVD: Im vergangenen Jahr hat die Wuppertaler Filmerin Kim Münster das Kioto-Projekt eine ganze Woche lang mit der Kamera begleitet und das bewegende Ergebnis auf einer DVD mit dem Titel „Auf Ohrenhöhe – Kinder im Altenheim“ festgehalten.

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ekir.de / Theresa Demski / 03.09.2018



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