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Bernhard Seiger ist Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region. Bernhard Seiger ist Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region

Kirchenverband Köln und Region

Die Kirche in der Wächterfunktion

Der Kölner Stadtsuperintendent Bernhard Seiger kritisiert mit Blick auf die NRW-Kommunalwahlen im September, dass Kommunalpolitiker immer mehr zu Blitzableitern für gesellschaftliche Unzufriedenheit werden. Sie hätten stattdessen Respekt und Schutz verdient.

Für Bernhard Seiger ist es eine beklemmende Auflistung: Der Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region erinnert an den gerade erfolgten Auftakt des Prozesses zur Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) vor einem Jahr, an den Messerangriff auf den Altenaer Bürgermeister Andreas Hollstein (CDU) im November 2017, an das Attentat auf die damalige Kölner Sozialdezernentin Henriette Reker (parteilos) einen Tag vor ihrer Wahl zur Oberbürgermeisterin im Oktober 2015 und an den Bürgermeister von Kamp-Lintfort, Christoph Landscheidt (SPD), der nach Neonazi-Drohungen Anfang dieses Jahres zunächst einen Waffenschein einklagen wollte. „Mich beunruhigt das“, sagt Seiger, „wenn politische Repräsentanten Angst haben müssen in ihrer Lebensführung.“

Auf Aggressivität im Netz folgen früher oder später Taten

Seiger, seit knapp einem Jahr im Amt, äußert sich vor Journalistinnen und Journalisten im Rahmen des „Frühjahrsgesprächs“ des Kirchenverbands, diesmal durch eine coronabedingte Verschiebung eher ein Sommergespräch.  „Die Hemmschwelle für Hass und Hetze ist gesellschaftlich deutlich gesunken“, sagt der 56-Jährige und kritisiert, dass Menschen, die sich kommunalpolitisch engagierten, immer mehr zu Blitzableitern für gesellschaftliche Unzufriedenheit würden. „Und auf die Aggressivität im Netz folgen früher oder später auch Taten.“

Politiker, davon ist der Pfarrer der Gemeinde Köln-Bayenthal überzeugt, würden aber zur Zielscheibe einer Unzufriedenheit, „die sich aus anderen Quellen speist“. Politik sei komplex und überfordere die Menschen. Sie verstünden politische Handlungen oft nicht mehr und suchten dann nach Schuldigen. „Wenn aber Menschen zu Blitzableitern von gewalttätiger Energie werden, ist das problematisch.“ Es sei eine gesellschaftliche Aufgabe, diejenigen, die als Repräsentanten gewählt seien, davor zu bewahren. „Sie verdienen Respekt und Schutz.“ Der Kirche, so der Stadtsuperintendent, komme dabei eine Wächteraufgabe zu.

Kirche wie Kommunalpolitik sind auf das Ehrenamt angewiesen

Das Jeremia-Wort „Suchet der Stadt Bestes“ ist für Seiger die Begründung, „dass Christenmenschen politische Verantwortung übernehmen“. „Unser Auftrag ist es, für Nächstenliebe einzutreten und mitzudenken im politischen Geschäft.“ So wie die Politik auf kommunaler Ebene könne auch die Kirche nicht existieren ohne das Ehrenamt, sagt er mit Blick auf die bevorstehenden Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen am 13. September. Und er nimmt auf politischer Seite „ganz viel Nachdenklichkeit“ wahr, wie ein Wahlkampf noch möglich sein kann unter weitgehendem Verzicht auf Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern. „Der digitale Diskurs schafft wieder mehr Distanz.“

Der Stadtsuperintendent versteht die kirchliche Wächterfunktion dabei in zwei Richtungen: als öffentliche Rückendeckung für die Menschen, die sich kommunalpolitisch engagieren, aber zugleich auch als Garant für einen fairen Wahlkampf. In Köln hat sich dafür schon seit vielen Jahren die Fairness-Vereinbarung des Kölner Runden Tisches für Integration etabliert.

Zwei kirchliche Ombudsmänner wachen über Einhaltung der Fairness-Vereinbarung

Die im Stadtrat vertretenen demokratischen Parteien CDU, SPD, Grüne, Linke und FDP sowie die Ratsgruppe GUT haben erklärt, „nicht auf Kosten von unter uns lebenden Menschen mit Migrationshintergrund Wahlkampf zu betreiben und inhaltlich fair zu bleiben. Keine Vorurteile gegen die hier lebenden Migrantinnen, Migranten und Flüchtlinge zu schüren oder in den eigenen Reihen zu dulden. Migrantinnen, Migranten und Flüchtlinge nicht für negative gesellschaftliche Entwicklungen wie die Arbeitslosigkeit oder die Gefährdung der inneren Sicherheit verantwortlich zu machen.“

Über die Einhaltung der Vereinbarung wachen als Ombudsmänner Seigers Stellvertreter Pfarrer Markus Zimmermann, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Köln-Nord, und Gregor Stiels, Vorsitzender des Katholikenausschusses der Stadt Köln. Der AfD wurde die Vereinbarung bewusst nicht zur Unterzeichnung vorgelegt. Aufgrund ihres Wahlprogramms sah der Runde Tisch keine Basis für eine Beteiligung.

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ekir.de / Ekkehard Rüger, Foto: APK Kirchenverband Köln und Region / 24.06.2020



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