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Lichtinstallation zur Austellung 'Fluch und Segen. Kirchen der Moderne' in St. Gertrud in Köln. Lichtinstallation zur Austellung "Fluch und Segen. Kirchen der Moderne" in St. Gertrud in Köln.

Ausstellung

Das Verschwinden der Kirchen

„Stille. Kühle. Wein. Weihrauch. Licht. Leere. Heilig. – Fühlst du es?“ Mit einer Lichtinstallation und an den Wänden aufleuchtenden Assoziationen und Sätzen zur Architektur von Kirche eröffnete M:AI – Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW die Ausstellung „Fluch und Segen. Kirche der Moderne“ in St. Gertrud in Köln.

St. Gertruds Krypta zeigt Kirchen, für die bereits Lösungen gefunden wurden.  Wie die 2011 umgebaute und modernisierte evangelische Jesus-Christus-Kirche in Duisburg-Buchholz. St. Gertruds Krypta zeigt Kirchen, für die bereits Lösungen gefunden wurden. Wie die 2011 umgebaute und modernisierte evangelische Jesus-Christus-Kirche in Duisburg-Buchholz.

St. Gertrud steht selbst im Mittelpunkt des Projekts und stellvertretend für alle Kirchen, die nicht mehr oder kaum noch als solche genutzt werden. In ihrer Krypta geben rund 20 inszenierte Beispiele von bemerkenswerten Gebäuden, für die bereits Lösungen gefunden und umgesetzt wurden, mögliche Antworten auf die Grundfrage des Projekts: Was passiert mit Kirchen, wenn sie keine sakrale Funktion mehr haben?

„Wir möchten, dass Sie sich auf diesen Raum einlassen“, eröffnete Kuratorin Dr. Ursula Kleefisch-Jobs am gestrigen Sonntag die Ausstellung zu den immer mehr werdenden Kirchen ohne kirchliche Bedeutung. Von den etwa 6.000 christlichen Kirchen allein in NRW werden schon bald rund 30 Prozent nicht mehr für Gottesdienste genutzt.

„Der demographische Wandel ist ein messbarer Grund für diesen Sinn-Wandel, „aber da sind noch tiefergehende Ursachen“, sagte Kleefisch-Jobs. Manche Gotteshäuser werden zu Gemeindezentren, Sporthallen, Synagogen oder Veranstaltungsräumen. Andere werden nur umgebaut und ergänzt, falls nicht der Abriss ansteht.

Gezeigte Exempel evangelischer Kirchen, die bereits vor dieser Entscheidung standen, sind die Jesus-Christus-Kirche in Duisburg-Buchholz, die 2011 eine Modernisierung mit umfangreichem Umbau erfuhr sowie die Trinitatiskirche in Wuppertal. Sie ist inzwischen der Ausstellungsraum eines Orgelhändlers inklusive eines Konzertsaals.

Fühlst du es?

Unter dem Motto „Möglichkeiten schaffen – nicht verstellen“ wurde die evangelische Jesus-Christus-Kirche in Duisburg-Buchholz 2011 umgebaut und modernisiert. Unter dem Motto „Möglichkeiten schaffen – nicht verstellen“ wurde die evangelische Jesus-Christus-Kirche in Duisburg-Buchholz 2011 umgebaut und modernisiert.

Ihre Wirkung als öffentliche Orte der Ruhe und Besinnung, die Stimmungen beeinflussen, behalten diese Kirchen – unabhängig davon, aus welchen Gründen sie besucht werden. Das verdeutlichen auch die Exponate. Allerdings erschließen sich gerade moderne Kirchen mit ihrem oft klobig wirkenden, „erschlagenden“ Baustil nicht immer leicht, sind aber oft ergreifende Räume mit besonderer Atmosphäre.

Prof. Paul Böhm, Sohn des damaligen St.-Gertrud-Erbauers Gottfried Böhm und selbst Architekt, fasste das Geheimnis des Eindrucksvollen simpel zusammen: „Mein Großvater antwortete meinem Vater auf die Frage „Was macht eine Kirche denn aus?“: „Bua, wenn man des net fühlt, dann fehlt’s!“

Heimat ist was Analoges

„Wo finden wir Heimat?“ ist für den Kölner Pfarrer Franz Meurer das grundsätzliche Entscheidungskriterium für den Umgang mit Menschen im Allgemeinen und Kirchen mit drohendem Funktionsverlust im Besonderen. „Heimat ist was Analoges“, untermauerte Staatssekretär Dr. Jan Heinisch den gedanklichen Ansatz, dass Zugehörigkeit wachsen muss. Beliebig verpflanzbar ist sie nicht.

Kirchen bieten Rückzugsorte und sind vielen Menschen eine innere oder tatsächliche Heimat, unabhängig von religiösen Haltungen oder Lebenssituationen. Ein Zitat der Lichtinstallation bringt ihren tieferen Wert und die Problematik hinter dem aktuellen Wandel auf den Punkt: „Die Kirche war mein Zuhause als ich es wirklich gebrauchen konnte.“

Eine Diskussionsrunde mit Entscheidungsträgern und Experten machte letztlich klar: Auf die Frage „Was geschieht mit unseren Kirchen?“ gibt es derzeit weder eindeutige Antworten noch universale Lösungen. Für Architekt Böhm ist es deshalb wichtig, alle Optionen zu sichern. „Egal wie die zwischenzeitliche Nutzung aussieht: Die Möglichkeit, eine Kirche zu ihrem ursprünglichen Zweck zurückzuführen, sollte offenbleiben. Nicht alle sind schön! Aber es gibt auch solche wie diese hier. Vor St. Getrud würde ich mich anketten, sollte man sie abreißen wollen.“

 

Fluch und Segen. Kirchen der Moderne
M:AI, das Museum für Architektur und Ingenieurskunst in Nordrhein-Westfalen, entwickelte die Ausstellung, um einen Beitrag zur Frage der Bedeutung moderner Kirchenbauten und dem Umgang mit deren Leerständen zu leisten. „Fluch und Segen“ wird bis zum 10. November in St. Gertrud, Krefelder Str. 57, in Köln zu sehen sein. Öffnungszeiten: mittwochs 12 bis 20 Uhr sowie donnerstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

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ekir.de / Text und Fotos: Claudia Keller / 09.09.2019



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