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Kirchenvisitation Kirchenvisitationsprotokolle des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken geben Einblick in die frühe Zeit der Reformation.

Reformation

Kontrolleure des Gemeindelebens

In der frühen Reformationszeit prüften reisende Kommissionen in den Dörfern, wie stark der neue protestantische Glaube verbreitet war. Bei den "Visitationen" mussten Pfarrer und Kirchengemeinden Rede und Antwort stehen. Bei Mängeln gab es Strafen.

Gleich bei der ersten Kirchenvisitation im Herzogtum von 1538 bekam der Pfarrer von Pfeffelbach von der Visitationskommission gehörig eins auf den Deckel. Zwar halte sich der Seelsorger "mit seinem Weib und Kindern recht, aber er hab Wein (aus) geschenkt", vermerkte das hochherrschaftliche Kontrollgremium nach seinem Besuch in dem Dorf bei Kusel. Dass Pfarrer zur Aufbesserung ihrer kargen Bezüge mit dem ihnen zustehenden Besoldungswein eine Art Straußwirtschaft betrieben, sei bei Kontrollen häufig vermerkt worden, sagt der Homburger Kirchenhistoriker Bernhard Bonkhoff.

Die frühe Entwickung einer protestantischen Landeskirche

Der pfälzische Ruhestandspfarrer hat in einer dreibändigen Reihe den ersten Band mit Kirchenvisitationsprotokollen des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken für die Jahre 1538 bis 1555 in der Schriftenreihe des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland vorgelegt. 1555 wurde beim Augsburger Religionsfrieden die lutherische Konfession der römisch-katholischen gleichgestellt.

Die Protokolle geben ein gutes Zeugnis davon, wie sich in der Frühzeit der Reformation in der Region eine zunächst lutherisch geprägte protestantische Landeskirche entwickelte. Das Herzogtum umfasste ein Gebiet, das von der Mosel über Hunsrück, Nahe und Glan, das Nordpfälzer Bergland, die Südpfalz, das nördliche Elsass und das heutige Saarland reichte.

Die Kommission achtete streng auf die Kirchenzucht

Alle zwei bis drei Jahre "visitierte" eine gemeinsame Kommission weltlicher und geistlicher Würdenträger die jeweiligen Kirchengemeinden: Die Kommission achtete auf Weisung des Zweibrücker Landesherren streng darauf, dass die Kirchenzucht - die kirchliche Ordnung und Lehre - eingehalten wurde. Den Kommissionen gehörten Superintendenten, Dekane, Theologieprofessoren, Amtmänner, Kanzler sowie Landschreiber an. Aufbewahrt sind die Protokolle vor allem im Archiv der Herzog-Wolfgang-Stiftung in Zweibrücken und im Hauptstaatsarchiv in München.

Was die Mitglieder der reisenden Kommissionen zu bemängeln und manchmal auch zu loben hatten, schrieben sie in ihren Protokollen nieder, erzählt Bonkhoff. In jahrelanger Arbeit hat der 67-Jährige die in frühneuhochdeutscher Sprache verfassten Protokolle zusammengestellt und ausgewertet. Sie gelten als älteste Quellen der Kirchen- und Ortsgeschichte und liefern viele Informationen auch zur Siedlungs-, Namens- und Volkskunde.

Pfarrer und Presbyterien zur Berichterstunng einbestellt

Ein zweiter Band führt die Protokolle bis 1588 auf, als das Herzogtum zum Calvinismus wechselte. Ein dritter umfasst die Zeit bis zum Dreißigjährigen Krieg, als 1624 das letzte Protokoll entstand.


Die Superintendenten und die protestantischen Fürsten hätten die Einführung der Reformation in ihrem Terrain nicht dem Zufall oder dem Handeln der einzelnen Ortspfarrer überlassen wollen, erzählt Bonkhoff. In manchen Orten der vier Oberämter Neukastel, Lichtenberg, Meisenheim und Zweibrücken sei der Protestantismus noch nicht fest verankert gewesen. 

Anfänglich wurden die Pfarrer und Presbyterien zur Berichterstattung einbestellt, später reisten die angekündigten Kommissionen selbst an. Bei den Besuchen nahm man sich Pfarrer und Gemeinde, aber auch den Bürgermeister und die Gemeinderäte mindestens einen Tag lang zur Brust. Besonders von den Kindern wollte man wissen, ob sie brav den Katechismus aufsagen konnten. Im "Verhör" musste der Pfarrer beichten, wie er seine seelsorgerliche Arbeit verrichtete.

Historiker bezweifelt Erfolg der Visitationen

Die Kommissionsmitglieder fragten aber auch, was in den Dörfern schieflief: Wer schlug seine Frau, wer trank, wer hexte - und wo waren Reste des alten katholischen Glaubens auszumachen? Die Missetäter wurden verwarnt und ihnen für den Wiederholungsfall auch mit dem Gefängnis gedroht.

Den Erfolg der Kirchenvisitationen als Maßnahme der Kontrolle und Disziplinierung schätzt Bonkhoff indes nicht zu hoch ein. Die langjährige Arbeit eines Ortspfarrers habe sicher größeren Einfluss auf Glauben und Handeln seiner Gemeindeglieder gehabt als eine nur kurze Zeit anwesende Visitationskommission.

Kirchenvisitationen haben eine lange Tradition von den Paulusbriefen des Neuen Testaments über mittelalterliche "Sendgerichte" bis zu den heutigen Kirchenvisitationen, macht Bonkhoff deutlich. Mit den einstigen Kontrollbesuchen, vor denen "die Pfarrer zitterten", habe eine Visitation heute nichts mehr gemein.

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ekir.de / Alexander Lang/epd / Foto Richard Menzel/epd-Bild / 11.08.2020



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